4. With this candle, I will light your way into darkness

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Leightons mühseliges Geheimhalten unseres perfekten Traumurlaubs hatte sich bewährt.
Das einzige was er mir durch eigene Schusseligkeit verraten hatte machte keinen kleinen Teil dessen aus, was ich in den letzten beiden Wochen mit ihm erlebt hatte.
In nur zwei Wochen hatte er alles daran gesetzt, dass wir jeden noch so kleinen Winkel und jede noch so ausgefallene Attraktion in Hawaii mit nahmen.
Die großen Hauptinseln hatten wir gesehen und sogar mit Haien sind wir schwimmen gegangen.
Wir haben gesehen, wie Lava ins Meer fließt und somit noch eine Insel in ihrer Entwicklung, wir sind surfen gewesen, haben mit Schildkröten getaucht und Bilder gemacht und selber gesehen, dass ein Strand nicht immer weißen Sand haben muss.
Strände können auch schwarz sein, oder aus abgeschliffenen Glasteilchen bestehen.
Doch nichts dieser unglaublichen Dinge, die allesamt wunderbare Erinnerungen und Erlebnisse ergaben, hielt mit meinem absoluten Highlight mit:
Leighton und ich hatten am ersten Abend in Hawaii einen Spaziergang bei orangenem Sonnenuntergang am Meer gemacht.
Den Tag hatten wir ruhig in der Ferienanlage verbracht und sind ab und an ins kalte Wasser gesprungen. Nach dem Abendessen hatte er kurzerhand den Entschluss gemacht am Strand entlang zu laufen.
Keine zwei Minuten später haben wir uns fertig gemacht und unsere kleine Ferienhütte verlassen.
Hand in Hand und in alten Erinnerungen aus unserer friedlichen Kinderzeit schwärmend schlenderten wir durch den Sand und am Wasser entlang.
Das Meeresrauschen im Hintergrund, Leightons sanfte Stimme und wie er von dem Tag erzählte, als uns gesagt wurde dass Schule nicht nur aus einem einzigen Tag bestand, wirkte auf mich wie die Szene eines perfekten Hollywoodfilmes - von dem malerischen Sonnenuntergang hatte ich noch nicht mal angefangen.
Es war diese Art Szene in der man sehnsüchtig auf den Fernseher blickte und sich frage, wann einem das selbe passierte.
Mir wollte das nicht real vorkommen.
Das konnte nur ein Film sein.
Aber es war mein Leben!
Mein Urlaub mit Leighton an einem der schönsten Strände, die die Welt zu bieten hatte.
Ganz plötzlich hielt ich immer wieder an, konnte meinem Drang nicht widerstehen Leighton zu mir herunter zu ziehen und ihn zu küssen.
Ich musste mit allen Sinnen spüren, dass das hier echt war, dass wir uns wirklich hier befanden und das kein billiger Traum war, aus dem ich jeden Moment aufschreckte.
Aber noch fragwürdiger, unrealistischer und filmreifer wurde es erst, als ich in der ferne einen schneeweißen Flügel im Wasser stehen sah.
Leighton fand das nicht ungewöhnlich und da er nichts sagte, sagte ich auch nichts dazu.
Es könnte ein Denkmal sein und das Klavier gehörte einem bekannten hawaiianischen Sänger, der hier in der Nähe gestorben ist und als Erinnerung haben sie es in Wasser gestellt.
Klang absurd, aber nicht absurder als die Tatsache einen Flügel einfach so ins nichts zu stellen, denn wir waren fernab jedem Strandbesucher.
Keine Menschenseele lief mehr an uns vorbei oder lag im Sand oder schwamm im Wasser.
Mit jedem Schritt den wir näher zum Flügel traten, hatte ich außerdem das Gefühl dass Leighton sich anspannte.
Er lachte im Erzählen immer wieder mit Unbehagen und rang nach Worten. Wenn ich sprach dann fuhr er sich durch seine wilden locken, die in der seichten salzigen Brise um seinen Kopf flogen, oder er zog an der Stelle, an der er sich vor acht Jahren sein Lippenpiercing entfernen lassen hatte.
Der Flügel im Wasser wurde nicht gewöhnlicher und ungewöhnlicher wurde Leighton als er geradewegs darauf zu steuerte und nichts dazu sagte.
Er tappte durch die kleinen Wellen, die sich am Strand brachen und setzte sich an das Instrument.
Ich blieb barfuß im trockenen Sand stehen und blickte mich um.
"Findest du einen Flügel so fernab von jeglicher Zivilisation nicht komisch?"
Meine Augen scannten jeden größeren Stein im Sand auf Überwachungskameras ab.
"Was soll daran komisch sein?" Leighton wunderte es echt nicht!
"Vielleicht ist das ja ein Denkmal für einen verstorbenen Sänger und in wenigen Minuten taucht die Küstenwache auf und nimmt uns wegen Beschmutzung und Vandalismus fest."
Jetzt, da ich meine Gedanken aussprach klang es noch dümmer als ich es mir im Kopf zusammen gelegt hatte.
Leighton machte eine lockere Geste mit seiner rechten Hand und lachte amüsiert über meine Vermutung.
"Uns wird keiner festnehmen, wenn wir uns hier hin setzten, Kaileigh.
Hier ist niemand."
Mit seinen Händen machte er nun eine ausladende Geste und wies mir mit seinen blauen Augen, dass ich zu ihm kommen sollte.
So wie er da saß, in einem weißen flatternden Hemd und den kurzen beigefarbenen Shorts, seinen goldenen Haaren und seinem für mich bestimmten frechen Halblächeln, sah er keinen Tag älter aus, als in der High School.
Nur hatte er sich seine Haare damals geglättet und hochgegelt, keinen Bart getragen und ein Lippenpiercing besessen.
Ich rief mich wieder in die Gegenwart und blickte an mir herunter.
An meinem Körper fiel ein lockeres und bodenlanges dunkelblaues Sommerkleid herab.
Der Saum des Rockes hatte bereits zu viel Sand am Stoff. Wasser würde es vollsaugen. Das Kleid bedeutete mir wirklich viel, da es Leighton mir letztes Jahr in unserem Miamiurlaub gekauft hatte.
"Mein Kleid wird aber nass."
Ich hielt es nicht für eine gute Idee mich an einen Flügel in der Walachei zu setzen, doch Leighton ließ nicht locker.
"Dann zieh es aus. Mich stört das nicht. Du hast einen tollen Körper."
Er zuckte mit den Augenbrauen und das Lächeln auf seinen schmalen Lippen wurde breiter und frecher.
"Männer." murmelte ich kopfschüttelnd, aber schmunzelnd und raffte mein Kleid hoch, um mich mit meinen Füßen ins kühle Wasser zu wagen.
Leighton rückte für mich auf der Klavierbank zur Seite, damit ich mich an seine Seite setzen konnte.
"War es jetzt so schlimm, dass du die drei Schritte ins Wasser machen musstest?" wollte er von mir wissen.
Ich straffte meinen Rücken und nickte.  „Mein Kleid wäre fast nass geworden." piepste ich.
"Du hast den Stoff bis zu deiner Hüfte hochgerafft. Ich konnte sogar sehen, was du drunter trägst."
Ich holte aus und schlug auf seinen Schultern herum, während er schallend lachte.
"Du perverses Arschloch!" betitelte ich ihn schimpfend.
"Aber eines das du liebst." säuselte er rechthaberisch.
Seufzend musste ich mir das leider eingestehen und ließ Leighton seinen stummen Triumph auskosten.
Ausschweifend betrachtete ich die malerische Gegend um uns herum und fühlte mich in meinem Leben noch nie so unbeschwert und frei.
Nichts und niemand befand sich um uns herum. Da waren nur wir, der Sandstrand, der wunderschöne Sonnenuntergang, die angenehme Wärme der Sonne und der Flügel an dem wir saßen.
In meine Augen fiel außerdem noch, dass da, wo sich die große und ausgefahrene Ablage für die Notenblätter befinden sollte, sich zwei Kerzen und ein Weinglas mit Rotwein befanden. Kein zweites Glas und keine Weinflasche in Sicht, aber dafür Streichhölzer.
Der verrückte Spaziergänger vor uns, der wohl Wein und Kerzenlicht mochte, schien seine Utensilien hier liegen gelassen zu haben.
Leighton hatte meine Gedanken anscheinend gehört, denn er bekam das ebenfalls mit, griff nach den Streichhölzern und zündete eine der Kerzen mit den Worten, dass es doch so gleich viel romantischer sei an.
Hoffnungslos romantisch begann er dann seine graziösen Finger über die Tasten des Flügels fliegen zu lassen, der seinem Tippen Töne verlieh und zu Adam Lamberts Hourglass zusammensetzte.
Ich liebe dieses Lied.
Es ist wunderbar ruhig und in ihm geht darum mit seinem Geliebten ein Leben lang zusammen zu bleiben und durch das Stundenglas des Lebens zu fliegen, alles gemeinsam zu entdecken und keine Entscheidungen zu bereuen oder zu lange über sie nachzudenken.
Leighton sang mit und in dem Moment, als er seine Stimme hob, überkam mich am ganzen Körper Gänsehaut.
Ich musste Träumen, das konnte nicht echt sein!
Mit geschlossenen Augen, seiner Engelsstimme lauschend und dem Meeresrauschen im Hintergrund lehnte ich mich an seine Schulter und konnte nicht begreifen, dass wir uns durch die ganzen anfänglichen Strapazen im College und dem ganzen Debakel davor, zu diesem Tag hingekämpft hatten, an dem wir Seite an Seite an einem Flügel im Nirgendwo saßen.
"After all this time We're still able to shine You rode from the stars Straight from the heart."
Alles in mir Brach und zum ersten mal seit einer Ewigkeit begann ich zu weinen, als Leighton wunderschön und in seiner eigenen Variante von Hourglass meine Lieblingszeilen sang und sein ganzes Leben in diese legte, denn genau diese beschrieben unsere Beziehung auf den Punkt.
Nach so viel Zeit - neun Jahren - konnten wir noch immer leuchten.
Meine Augenlider flogen auf und ich unterdrückte es zu schluchzen. Leighton war so vertieft darin zu spielen und zu singen, da konnte ich ihn unmöglich wegen mir unterbrechen.
Wenn er spielte, war er in seiner eigenen Welt und keiner kam an ihn heran, selbst wenn es nur ein paar lose Töne zum einspielen waren.
Unauffällig wischte ich meine Tränen aus den Augen und konzentierte mich ihm zu zuhören, was für mehr tränen sorgte, die ich vertuschen musste.
Es war alles zu viel und es sollte nochmehr kommen!
Tränen kamen mir nicht, weil ich traurig war, ich heulte weil ich mich in meinem Leben nie wohler in der Nähe eines einzigen Mannes gefühlt hatte. Ich hatte mich nie so heimisch gefühlt, obwohl ich in diesem Augenblick weiter von meiner Heimat entfernt war, als ich mir je hätte erdenken können.
Wenige Sekunden später zwang ich meine Tränen zum stoppen und mich zum hinhören, denn mitten im Song änderte Leighton die Töne und setzte in den Song von Adam Lambert eine andere düstere und melancholische Melodie ein, die ich auf Anhieb erkannte.
Zu meinen Tränen erhob sich die Gänsehaut erneut und mich schauderte es am ganzen Körper.
Leighton hatte es geschafft einen markellosen Übergang aus Hourglass zu dem Klaviersolo von Victor aus Corpse Bride zu schaffen.
Ich liebte diesen Film, nicht weil ich ihn als zehnjähige als Horrorfilm betitelt hatte, sondern weil ich den Charakter Emily ab der ersten Sekunde an Liebgewonnen hatte.
Obwohl sie durch die Hand ihrer vermeintlichen wahren Liebe getötet wurde, hatte sich ihr Wunsch die wirklich wahre Liebe zu finden und diese zu Heiraten bis in den Tod nicht aufgegeben.
Sie war so versessen darauf zu lieben, dass sie sogar vergaß, dass sie nicht mehr am Leben war, als Victor den Hochzeitsschwur mitten in der Nacht im Wald übte und ihr versehentlich den Ring auf den Finger steckte.
Noch eh ich mir die Kerzen und das Weinglas erklären konnte, hatte Leighton die düsteren Töne des verträumten und viel zu kurzen Klavierstücks leiser werden lassen.
Ich hob meinen Kopf und sah verdutzt zu ihm.
Als er kurz inne hielt, tief durchatmete und schließlich aufstand, waren meine Gedanken leer gefegt. Mein Herz pochte mir buchstäblich bis zum Hals.
"Kaileigh."er spach meinen Namen aus, als wäre es der einer heiligen Gottheit, der er anhing.
Mit zitternder Hand griff er nach meiner linken und verschränkte sie mit seiner.
Meine Augen hatten sich an seine blauen gekrallt, die ebenfalls nicht von meinen loslassen wollten.
"Mit dieser Hand nehm' ich Kummer von dir fort." Sanft drückte er meine Hand und lächelte, nervös aber dennoch bezaubernd und wunderschön.
"Dein Becher wird niemals leer sein, denn ich werd' sein dein Wein" Mit seinen voller Liebe betonten Worten griff er nach dem Weinglas nahm einen Schluck und reichte es mir.
Ich tat es ihm nach, wusste woher seine Idee kam und stellte das Glas zurück. Ähnlich wie in dem Film, aus dem er sich diesen Spruch ausgeschaut hatte.
Seine nächsten Worte hätte ich im Schlaf mitsprechen können. Ich konnte sie auswendig hoch und herunter beten - hatte immer davon Geträumt, dass sie eines Tages für mich bestimmt waren - aber in dieser Sekunde war alles, wirklich alles in meinem Oberstübchen ausgepustet, so ausgepustet, dass ich den Hochzeitsspruch aus Corpse Bride nicht erkannte.
"Mit dieser Kerze," er griff mit seiner freien Hand nach der erloschenen Kerze und zündete sie an der brennenden an, bevor er mir diese aushändigte, „erleuchte ich dir deinen Weg mit hellem Schein."
Danach schien mir mein Atem zu versagen und mein Herz im doppelten Tempo zu schlagen, wie es in Leighton aussehen musste, wollte ich mir nicht vorstellen. So wie er zitterte, war es mir ein wunder, dass er noch reden konnte und nicht in Ohnmacht fiel, als er vor mir auf die Knie ging und seine Hand langsam aus meiner löste.
Mir dämmerte, wieso der Flügel hier stand und wieso er, meine Familie und unsere Freunde so ein gigantisches Geheimnis aus diesem Urlaub gemacht hatten und mir aufgeregter erschienen, als ich selber, alle wussten was Leighton vor hatte.
Mit seinen Händen holte er eine kleine Schachtel aus der Hosentasche und sammelte seine Nerven zusammen, bevor den einzigartigen Spruch aus meinem absoluten Lieblingsfilm vervollständigte.
"Mit diesem Ring." er öffnete die kleine Schatulle und mir leuchtete ein rosegoldener und verschlungener, wunderschöner Ring mit einer dezenten Diamantblume auf schwarzem Samt entgegen.
"Bitt' ich dich zu werden mein."
Leighton sah mich mich an, als würde sein Leben von meiner Reaktion nach seinen finalen Worten abhängen.
"Kaileigh Beaufort, willst du mich heiraten?"
Mein Kopf hatte spätestens jetzt alle Funktionen verloren und obwohl mein Unterbewusstsein seit der Corpse Bride Melodie erschlossen hatte, dass das hier unsere Verlobung werden sollte und das alles hier unser Verlobungsurlaub, ging dies an mir vorbei.
Ich brach wieder in Tränen aus und ließ die Kerze in meiner rechten Hand ins Meerwasser fallen und erlöschen.
Ein Nicken brachte ich zustande, mehr nicht, als ich mir die Hände vor den Mund hielt und nichts mehr begreifen konnte.
Mit Tränen verschwommenen Blick nahm ich war, wie Leighton mit seinen nassen Beinen aufstand und sich wieder neben mich auf die Bank setzte.
Er legte die kleine Schachtel mit dem Ring zum Weinglas und zu der leuchtenden Kerze und zog mich in eine innige und guttuende Umarmung, die mir noch mehr Tränen herauskitzelte.
Leighton schien erleichtert, aber auch überfordert über meine plötzliche und emotionale Reaktion und wog mich sanft in seinen Armen, sagte nichts. Das musste er auch nicht, es hätte die ganze Stimmung in die Tiefe gezogen.
"Ja, Leighton. Ich will." flüsterte ich, als ich spürte, wie eine seiner Tränen auf mich fiel und ich mich beruhigt hatte.
Er drückte mich an sich, wie ein kleines Kind seinen Teddybär und küsste meine Stirn.
"Ich habe keine andere Antwort erwartet." murmelte er mir gegen meine Haut und strich mit einer Hand über meine Wange, um meine Tränen zu entfernen.
Ich tat das gleiche bei ihm und lächelte sanft. „Wie könnte ich denn auch in so einer Kulisse und mit dem Hochzeitsspruch aus Corpse Bride ablehnen?"
Ich versuchte zu lachen nach meiner rhetorischen Frage, aber nur noch mehr Tränen bahnten sich den Weg über meine Wangen.
"Hättest du das getan, hätte ich dich an Ort und stelle im Meer ertränkt. Es hat mich ein vermögen gekostet den Flügel vom Personal hier hin bringen zu lassen." gestand er mir, wollte lachen, reagierte aber genau so tränenreich darauf wie ich.
"Ich liebe dich auch." merkte ich schluchzend und sarkastisch an. Leighton druckste. „Und ich dich erst Kaileigh, und wie." erwiderte er toternst und führte mein Gesicht sanft an seine Lippen, um mich federleicht, zitternd und erleichtert zu küssen.
In diesem Kuss ging mir alles durch Mark und Knochen und ich spürte jeden Millimeter dieser Berührung in jeder Pore meines Körpers.
Nie würde es einen glücklicheren Moment in unserem Leben geben, wie diesen, in den mir Leighton nach unser gemeinsamen Heulattacke den Ring an den Finger steckte, außer vielleicht die anstehende Hochzeit in hoffentlich geraumer Zeit.

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