38.2 He Still Seems To Be The Same

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Meine Augen brannten, als ich mich am Morgen aus dem Bett pellte.
Von dem ganzen weinen in der letzten Nacht fühlten sie sich geschwollen an, ich konnte sie kaum öffnen.
Ich konnte von Glück reden, dass meine Eltern bei zeiten auf der Arbeit sein mussten. Über den gestrigen Abend konnten sie mich so zumindest bis zum Nachmittag nicht ausfragen.
Doch da wäre ich bei Adriano im Krankenhaus mir meine Erklärung dafür holen, was er mir die letzten Monate eigentlich vorgespielt hatte.
Zum Frühstück bekam ich nichts herunter und schüttete meine Cornflakes wieder weg.
Mein Bauch war voll mit dem Haufen an Gefühlen, die nicht weniger wurden und mir drohten den Magen umzudrehen, wenn ich auf eines zu genau achtete oder tiefer griff.
In meinem Zimmer kauerte ich mich auf meinem Bett zusammen und nahm eine der Akten meines Vaters.
Wenn Leighton aufgewühlt wegen seinen Eltern gewesen war, hatte uns beiden das stöbern immer geholfen runter zu kommen.
Alleine brachte es mir wenig.
Ich konnte mich nicht in die Berichte klemmen, dem Geschehen nicht folgen, die Protokolle und Aufzeichnungen waren nur Worte auf Papier, denen ich nicht folgen konnten.
Der zweite Versuch mich abzulenken bestand darin, dass ich versuchte für meine letzte Prüfung zu lernen.
Nach zehn Minuten brach ich das Projekt ab.
Ich wusste bereits alles und viel Sinn brachte es mir nicht mir meine Aufzeichungen anzuschauen, die bereits alle im Kopf abgespeichert waren.
Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich noch Zeit hatte, bis Luciana bei mir aufkreuzte und sie mich ins Krankenhaus brachte.
Mitten in der Nacht hatte ich eine Nachricht von ihrer Nummer, in der sie hoffte, dass ich den Schock und die gestrige Nachricht gut verarbeitet hatte und dass sie darum bat mich heute zu ihrem Neffen zu bringen.
Ganz knapp und mit tränenverhangenen Augen und vielen Tippfehlern antwortete ich, sie könne am Nachmittag aufkreuzen.
Sie gab ihr okay und dann schaltete ich mein Handy aus.
Den Schock von gestern hatte ich nicht gut verarbeitet.
Wie sollte ich das auch?
Von heute auf Morgen und an meinem Geburtstag wurde mein Freund brutal verprügelt und angeschossen. Zu allem überfluss und als wäre das nicht genug, war er gar nicht der, für den er sich ausgab sondern der Sohn eines angesehenen Unternehmers und Mafiaboss.
Ich fühlte mich wie in einem schlechten Roman. Einer dieser, die man in Zeitungsläden zu Hauf sah und die diese schrecklichen Cover hatten, die sich am Ende als Bilder aus der Google Suche enttarnen, die einfach billig bearbeitet und eingefügt wurden.
Nur bestand mein Leben nicht aus rauem Papier und schlechten Autoren, sondern aus der Realität und die konnte ich nicht mal eben zuklappen und zur Seite legen, wenn sie mir zu viel wurde.
Über meinem Festnetztelefon rieselten Zahlreiche Anrufe von meinen Freunden ein.
Ich nahm keinen an und hörte mir nur halbherzig die Nachrichten an, die sie hinterlassen hatten.
Celine klang dabei in ihrer so verheult und zerstört, wie ich mich fühlte. Sie teilte mir schiefend und schaufend und heiser mit, dass sie sich ihre große Traumprom abschminken konnte. Dann haderte sie mit Coles oder Calebs Namen herum, fluchte tosend und brach ihre Nachricht dann ab.
Leighton hörte sich ganz vorsichtig und besorgt an. Er fragte ob ich etwas bräuchte. Ob ich reden wollte, ob wir unsere Unwissenheiten austauschen wollten."
Ich schmunzelte, aber blieb mit der Decke bis über den Kopf gezogen in meinem Bett liegen.
Monty berichtete mir kurz und knapp, dass es zwischen Caleb und Celine aus sei und er hoffte ich würde nicht so mit meinem Temperament durchgehen. Er würde die wahre Geschichte genauso wenig kennen wie ich, aber bat mich darum nicht die Nerven zu verlieren.
Monty erinnerte mich daran, wie schwer Adriano und ich es zu beginn hatten und dass wir uns selbst aus diesekm Chaos wieder kämpfen würden, wenn wir beide einen kühlen Kopf behalten würden.
Montys Worte gaben mir von den Nachrichten am meisten Kraft.
Einen kühlen Kopf bewahren.
Adriano und ich dachten beide einigermaßen Rational, nur hatte ich den Hang dazu unpassend zu reagieren und zu reden, wenn ich mit Tatsachen konfrontiert wurde, die mein Hirn für den Moment noch nicht fassen konnte.
Ich stammelte entweder nur Mist oder wurde verletzend, bis ich realisierte, was eigentlich passierte.
Wie gestern.
Die Situation begriff ich, was geschah, das kam in mir ab, aber mein Hirn konnte nicht so schnell schalten, wie ich es haben wollte.
Selbst jetzt noch erschien mir der Abend im Krankenhaus wie ein Traum.
Als wäre heute ein ganz normaler Tag, aber das war er nicht.
Ich rollte mich kurz vor dem Mittag aus meinem Bett und schmiss meinen Computer an.
Wider aller meiner Vorsätze Adriano Giulani unvoreingenommen gegenüber zu treten, googelte ich ihn, versuchte alles mögliche über ihn herauszufinden.
Vielleicht würde mir meine Recherche den Nachmittag bei ihm einfacher machen, ich könnte ihn verstehen, nachvollziehen und passend reagieren, wenn ich einen Teil der Geschichte kannte.
Über den Sprössling eines weltbekannten Mafiabosses und erfolgreichem Unternehmer gab es jedoch überraschend herzlich wenige Informationen.
Vereinzelt erwähnte Jacopo Giulani seinen Sohn in großen Reden, die er auf weltweiten Wirtschaftsmessen hielt.
Adriano sei ein Musterkind, alles was ein Vater sich wünschen könnte.
Er wäre einer der nächsten großen Namen dieser Welt, würde ihr den richtigen Wink geben und sie verändern.
Bilder gab es bis dato noch nicht. Nur Vermutungen und die dazu gesetzten Bildern auf den Klatschseiten sahen Adriano nicht im geringsten üblich.
Noch weniger Informationen gab es über Adrianos ältere Schwester, deren wirklicher Name Kathalena Giulani war.
Jacopo redete noch seltener über sie, als über Adriano.
In einem Interview beschrieb er sie als autoritär, selbstständig und durchsetzend.
Alles starke Eigenschaften, die eine Frau in der modernen Welt brauchte, in der sie sich trotz allen Rechten immernoch beweisen musste.
Das Kathalena diese Eigenschaften hatte, zweifelte ich keinenfalls an.
Ich hatte oft genug gesehen, wie sie ihren Bruder und Caleb terrorisierte bis sie ihren Willen bekam.
Sie würde irgendwann einmal einen Riesen Haufen Kohle machen und das ohne einen Finger zu rühren. Sie würde für sich arbeiten lassen und ihre Mitarbeiter zittern lassen bis auf die Knochen.
Da ich mitten in meinem Informierungsprozess saß, nahm ich auch gleich noch Adrianos verstorbeneMutter unter die Lupe.
Courazon Giulani.
Zu ihr gab es ein Gesicht, wie zu Jacopo, doch seines war bekannter als das seiner Frau.
Courazon Giulani besaß sämtliche Luxusboutiquen in Italien und grob verteilt über den Globus, zusätzlich hatte sie sich einen Namen als Designerin gemacht.
Über ihre Vergangenheit fand ich nichts.
Die meisten Seiten schrieben überwiegend von ihrem brutalen Tod letzten Sommer.
Courazon Giulani wurde mit mehreren Schüssen an ihrem ganzen Körper in ihrer Boutique in Venedig getötet.
Täter und Ursache wurden nur vermutet.
Viele waren sich jedoch sicher, dass es nur der verfeindete Telarmo-Clan sein konnte, der Jacopo seinen legalen Erfolg nicht gönnte und ihn daran erinnerte wie gewaltsam seine eigentliche Laufbahn doch war.
Als ich das nötigste gefunden hatte, schaltete ich meinen Computer wieder aus und warf einen Blick auf die Uhr.
Kurz vor zwei.
In einer Stunde würde mich Luciana abholen.
Über sie konnte ich nichts im Internet finden.
Nur dass sie wohl auf sie Seite der Mutter gehören musste, da sie einen starken spanischen Akzent besaß und Adriano mehrmals erwähnte, dass er durch seine Mutter auch fließend spanisch sprach.
Kaum fuhr mein Computer herunter, drehten sich meine Gedanken um den Moment, wenn ich Adriano heute gegenüber treten würde.
Wie würden wir miteinander reden?
Was war gestern passiert, dass der Abend so endete, dass ich seine wahre Identität herausfinden musste.
Im Hinterkopf spann sich der Bogen, dass diese berüchtigten Telarmos daran schuld hatten.
Erst knöpften sie sich die Mutter vor, dann die Kinder.
In solchen Kreisen war dies eine Foltermethode, keine die einen körperlich in die Knie zwang, sondern psychisch.
Als nächstes würden sie wohl das Unternehmen nach unten ziehen und sich am Ende Giulani persönlich vorknöpfen.
Die letzte Stunde bevor Luciana mich abholen kam, verbrachte ich damit mir etwas zum anziehen zu suchen.
Den ganzen Tag hatte ich in meinem Pyjama totgeschlagen und in dem konnte ich unmöglich ins Krankenhaus fahren.
Danach band ich meine Haare zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammen und sah mich dann im Spiegel an.
Meine Augen waren blutunterlaufen und rot und geschwollen.
Seit dem Morgen taten sie mir weh und andauernd musste ich sie reiben, was die Lage nicht zwingend verbesserte.
Kurz spielte ich mit dem Gedanken mich zu schminken.
Genauso wie Adriano eine Maske aufzusetzen und ihm etwas zeigen, hinter das er nicht blicken konnte.
Ich entschied mich dagegen. Durch das ganze Make-up würden meine Augen sich noch mehr reizen und ich besaß keine Nerven dafür mir vor Adriano meinen Mascara durch das Gesicht zu schmieren.
Den dramatischen Auftakt sollte ich für die Prom lassen, falls sie für uns überhaupt noch in Frage kam.
Es klingelte an der Haustür.
Mein letzter Blick, bevor ich aus dem Bad marschierte, widmete ich meinem geschundenen und müdem Spielgelbild.
Entschlossen ballte ich die Fäuste und schritt durch den Flur in die Garderobe um mir meine Schuhe anzuziehen.
Draußen war es mittlerweile angenehm warm, so dass ich keine Jacke über meinen Pullover legen musste um mich vor dem lauen, seichten Wind zu schützen.
Ein zweites mal klingelte es, dann hörte ich durch die Tür wie Luciana etwas auf spanisch blubberte und dann klopfte.
Eilig schlüpfte ich in ein paar Sneakers, schnappte mir dann meinen Hausschlüssel und riss die Tür auf.
Erschrocken zuckte Adrianos Tante zurück und begrüßte mich mit einem belegten Lächeln.
"Ich freue mich, dass ich dich hinbringen darf."
Trocken , ohne meine Mine zu verziehen nickte ich nur und lief an ihr vorbei zu der Hauseinfahrt, in der der Audi stand mit dem Adriano und Cole immer in die Schule gefahren sind.
Nur saß heute kein Adriano oder kein Caleb am Steuer, sondern ein Mann in einem förmlichen Anzug und mit einer Sonnenbrille auf der Nase.
"Personenschützer." meinte Luciana knapp.
"Siehst du den Wagen da vorne und den da hinten?"
Sie deutete auf einen neueren Ford bei Leightons Haus und auf einen herunter gekommenden Opel am Ende der Straße.
"Unsere Eskorte."
Luciana hielt mir die Tür zum Rücksitz auf.
Unsicher sah ich mich um.
Aufgrund der Umstände und dem Einfluss Adrianos Vaters sollte mich dieser Aufzug eigentlich nicht wundern.
In den Nachrichten, lange bevor Jacopos Tod wurde mal berichtet, dass er einen ganzen Strand in Dubai reserviert hatte.
Dennoch waren hunderte Personen mit ihm anwesend.
Nur waren dies nicht seine geladenen Gäste sondern allesamt Personenschützer in Zivil, die ihn und seine Familie vor möglichen Bedrohungen schützen sollten.
"Ich hoffe du verstehst, dass weder du oder deine Freunde in der Nähe von mir und meinem Neffen sicher sind. Um mögliche Übergriffe abzuschirmen kann ich dich leider nur so zu Adriano lassen."
Mitleidig sah sie mich an der offenen Tür an und neigte den Kopf.
Ich biss die Zähne zusammen, sah zu den erwähnten Wagen und dann zu dem Fahrer.
Erneut nickte ich tonlos und knapp und gab ihr damit das Zeichen die Tür zuzuschieben und auf der anderen Seite neben mir einzusteigen.
Ich schnallte mich mit schnellen überlegten Bewegungen an und als der Wagen losfuhr, blickte ich aus dem Fenster um möglichst zu vermeiden mit Luciana zu reden.
Nervös spielte ich mit meinen Fingern und wackelte mit meinen Zehen.
So aufgeregt und unruhig war ich das letzte mal in den Minuten vor der schriftlichen Matheprüfung vor wenigen Wochen.
Mein Kopf bekam keinen klaren Gedanken rein, ich raste durch mein Hirn, versuchte die wichtigsten Formeln zu finden.
Die einzige Beruhigung in diesen grausamen Minuten war Adriano gewesen, der direkt einen Tisch neben mir saß und mir durch die ruhe des Raumes zumurmelte, dass ich ohne Probleme bestehen würde.
Jetzt konnte ich Adriano nicht zwingend als meinen Ruhepunkt beschreiben.
Kaum dachte ich an ihn, wurde ich noch unruhiger und zappelte auf meinem Sitz hoch und runter.
Als es Luciana reichte, griff sie nach meinen Händen.
Ich sah verdutzt vom Fenster weg und direkt in ihre Augen.
"Du musst dich beruhigen, Kaileigh."
Mütterlich und besorgt lächelte sie mich an.
Ich lachte stumm auf.
"Ich habe damals nicht anders reagiert. Meine kleine Schwester, Courazon hat es ewigkeiten geheim gehalten wer ihre bessere Hälfte ist."
In Erinnerungen hängend wurde das Lächeln auf ihren Lippen offener, herzlicher und gleichzeitig trauriger.
"Eines Tages gingen dann Bilder von den beiden herum und unsere Familie dachte, die seien ein Witz."
Kopfschüttelnd seufzte Luciana udn ließ von meinen Händen ab.
"Aber das war es nicht. Wenige Tage später stand sie plötzlich hochschwanger mit Kathalena vor meiner Haustür und neben ihr das Gesicht was viele Menschen fürchten gelernt haben."
Jacopo Giulani.
"Coura hat mich dann gebeten unsere Eltern anzurufen. Mom wäre fast in Ohnmacht gefallen und Dad hat sich geweigert mein Haus zu betreten, als er Jaco im Flur hat stehen sehen."
Luciana lachte in vollen Zügen.
"Diese Stille danach war unbeschreiblich. Meine Eltern und ich mussten wissen wie die beiden zueinander gefunden haben, wir wollten es wissen auch wenn es noch so wahnsinnig und schwer werden würde, wie jemandem mit ihm in der Familie."
Sie entspannte sich und suchte erneut meinen Blick.
"In diesen wenigen langen Minuten, bis meine Schwester und ihr Mann den Mund aufgemacht haben, bin ich genau so unruhig herumgehummelt wie du. Da war jemand in meinem Haus, der berühmt berüchtigt war und der binnen der letzten Jahre unbemerkt meine Schwester geheiratet hat." Ein Leuchten ging durch ihre Augen, eines das Freude für das frührer Leben ihrer jüngeren Schwester zeigte, aber auch sorge und Kummer und nun Trauer.
"Dann, ganz plötzlich hat Jacopo angefangen zu erzählen. Wie die beiden sich kennengelernt haben, wie er ihr aus der größten Kriese ihres Lebens geholfen hat."
Luciana hielt inne und strahlte.
"Aber ich bin mir sicher Adriano wird dir diese Geschichte erzählen. Ich will ihm die Show nicht stehlen und ihm jedes Wort lassen, dass er dir zu sagen hat.
Doch nur, damit du es weißt, Kaileigh, so wie es dir gehen muss, das ist vollkommen normal." verdeutlichte mir Adrianos Tante und tätschelte mir vorsichtig die Schulter.
Ich holte tief Luft, bekam kein Wort heraus und wenn, dann hatte ich angst dass vor anwesender aber abnehmender Nervosität meine wenigen Cornflakes vom Morgen wieder hochkommen würden.
Luciana schien mir meine Reaktion und mein Verhalten auch keineswegs übel zu nehmen.
Den Rest der Fahrt bis zum Krankenhaus verblieben wir in einem unangenehmen Schweigen.
Sie war einmal an einer ähnlichen Punkt wie ich, Luciana hatte erfahren, dass ihre Schwester mit einem Mafiosi zusammen war, sie eine Familie gründen würden.
Sämtliche Jahre später hatte Courazon ein gutes Image in der Welt gehabt und starb dennoch durch die tückische Lebensweise ihres Mannes.
Vor dem Eingang hielt der Wagen, genau an der selben Stelle an der mich Monty und Leighton gestern abend abgesetzt hatten.
Ich schluckte den Kloß in meinem Hals herunter und brachte es immerhin fertig mich vernünftig von Luciana zu verabschieden.
Sie flüsterte mir die Zimmernummer und die Station von ihrem Neffen zu, umarmte ich fest und stieg dann wieder ein.
Jetzt war ich auf mich gestellt.
Erleichternd wirkte hierbei nur auf mich, dass man Adriano von der Intensivstation genommen hatte, da sich seine Lage deutlich verbesserte und er die Nacht überlebt hatte.
Auf wackeligen Beinen betrat ich das Krankenhaus und begab mich mit zögernden Schritten ins Treppenhaus.
Der Aufzug wäre mir zu schnell und ich wollte Zeitschinden, mir zurecht legen wie ich Adriano begrüßen könnte, wie ich auf seine Wahrheit reagieren sollte, ob ich überhaupt etwas sagen würde.
Mein Gehrin kam auf keinen klaren Nenner und als ich die Stufen bis zur richtigen Station erklommen hatte, fühlte ich mich genau so verloren wie gestern Abend, wie die vergangene Nacht und den ganzen Tag.
Noch langsamer und zitternder betrat ich die Station und suchte die Zimmernummern nach der von Adriano ab.
ALs ich sie fand, starrte ich sie eine unbestimmte Zeit lang an.
Ein paar der Diensthabenden Schwestern und Ärtzte fragten, ob ich Hilfe bräuchte.
Auf den sporadisch verteilten Stühlen im Gang saß die ein oder andere unscheinbare Person.
Hinter einigen von ihnen mussten sich die Personenschützer verstecken, die mir Luciana mitgeteilt hatte.
Einige, von denen ich vermutete, das sie nicht auf mögliche Untersuchungsergebnisse der Angehörigen warteten, sahen mich länger an als die gewöhnliche musternde Sekunde, die man einem fremden widmete.
Entschlossen hob ich dann meine Hand.
Ich wollte und musste Adriano sehen und ich wollte wissen was gestern passiert ist.
Doch dann sank meine Hand wieder.
Was wäre wenn er schon besuch hatte?
Von seiner Schwester hatte Luciana keinen Ton verlauten lassen. Sie war das schwarze Schaf, aber dennoch könnte sie nach allem Schreck von gestern ihren Bruder heute besuchen kommen.
Wenn ich es richtig in Erinnerung hatte, ist sie gestern nicht mal mit Luciana aufgekreuzt.
An ihrer Stelle wäre ich vor Sorge um meinen jüngeren Bruder durch Himmel und Hölle gegangen, aber ihr ging das am Arsch vorbei.
Erneut hob ich meine Hand.
Mir ging Kathalena am Arsch vorbei.
Luciana hatte ihren eigentlichen Namen auf der Fahrt erwähnt und da Adriano keine andere Schwester hatte, konnte nur von Kathalena die Rede gewesen sein.
Nach unzähligen Minuten vor Adrianos Zimmertür wagte ich es zu klopfen.
Das erste mal ganz zaghaft und vorsichtig, als würde ich wollen, dass er mich nicht hört.
Vielleicht schlief er auch und würde mich nicht hören.
Schulterzuckend und diese Hoffnung nicht aufgebend klopfte ich ein zweites mal.
Diesmal mit etwas mehr Druck und lautstärke.
Nervös wippte ich auf meinen Fußballen und wartete.
"Herein." ertönte Adrianos Stimme.
Ich ballte meine Hände zu Fäusten.
Er war wach, wartete vielleicht schon auf mich. Ihm ging es entfernt ähnlich wie mir.
Adriano würde sich zurechtlegen wie er mir was erzählen sollte, wie er auf meine Stimmung reagierte.
So schätzte ich ihn zumindest zu seiner Zeit als Arthur ein. Ob er sich in seiner richtigen Persönlichkeit von einer anderen Seite zeigen würde, konnte ich noch nicht vorraussehen.
"Herein?" Adriano klang, als habe er sich eingebildet mein Klopfen zu hören.
Ich straffte den Rücken entspannte meine Hände und drückte die Tür auf.
Auf Knopfdruck hielt ich die Luft an, als ich durch den Türrahmen in das Zimmer trat.
Adriano lag entspannt auf seinem Bett, den Blick auf den fast stummen Fernseher ihm gegenüber an der Wand.
Er sah nicht in meine Richtung. Noch nicht.
Sein Gesicht schimmerte um die Augen genau so brutal blau wie gestern, doch er hatte sie mühelos so geöffnet, dass er sehen konnte.
Die braunen Locken hingen trüb und zerzaust um seinen Kopf.
Der Arm mit der Schusswunde lag schonend auf einer hohen Unterlage.
So leise wie möglich schloss ich die Tür hinter mir und behielt Adriano im Auge.
Als sie ins Schloss fiel drehte er langsam seinen Kopf in meine Richtung.
"Alles Gute nachträglich zum Geburtstag, Kaileigh." begrüßte er mich mit einem traurigen und entschuldigendem Lächeln.
"Hallo..."
Ich stockte, bekam es nicht über meine Lippen seinen richtigen Namen auszusprechen.
Adriano Giulani.
Der Name erschien in meinem Kopf ohne Probleme, doch als ich ihn in den Mund nehmen wollte, hielt ich inne.
"Nenn mich so, wie es dir dabei wohler geht." bat Adriano mir an und ließ die Schultern hängen.
Ich nickte nur und tappte unschlüssig in sein aufgeräumtes Krankenzimmer.
Die anderen beiden Betten, die in dem Raum standen wurden raus geschoben, so dass er das Zimmer für sich allein hatte.
"Du kannst dich ruhig setzten." Adriano deutete mit seiner gesunden Hand auf den Plastikstuhl an einem kleinen Tisch, der nahe am Bett stand.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht setzte er sich auf und richtete sich zu mir.
"Ich kann dir überhaupt nicht sagen, wie sehr es mir leidtut, dass ich deinen Geburtstag ruiniert habe.
Am Liebsten würde ich hier und jetzt im Erdboden versinken, Kaileigh es tut mir soo unglaublich leid." beteuerte er und blinzelte heftig mit seinen tränenden Augen.
Das grün in ihnen war glasig, die Lebensfreude sie sie sonst ausstrahlten erblasste in allen Maßen.
"Was tut dir leid?" Meine Stimme hörte sich ungewohnt kühl an.
Ich reagierte genau so, wie ich nicht reagieren wollte. Ich machte ihm Vorwürfe...
"Tut es dir Leid, dass du gar nicht erst aufgekreuzt bist und dann angeschossen und verprügelt im Krankenhaus gelandet bist? Oder tut es dir Leid, dass du mich um deine wahre Identität angelogen hast und dass seit wir uns kennen gelernt haben?" Ich hob meine Stimme spitz und provozierend. Gleichzeitig rannte mein Verstand mit dem Kopf gegen die Wand.
Mein Mund handelte auf Autopilot, ganz gleich dessen was ich mir heute den Tag über zurechtgelegt hatte.
Ich wollte unvoreingenommen mit ihm in diese Aussprache gehen, offen für seine Geschichte sein, für seine Seite des Blatts.
Aber ich handelte wie der mieseste Mensch auf diesem Planeten.
"Beides. Und ich weiß, dass ich es nie wieder gut machen kann, Kaileigh. Caleb hat mir erzählt wie zerstört ihr gestern alle gewesen wart.
Er hat seit gestern auch kein einziges friedliches Wort mehr mit Celine gewechselt."
Was ich ihr nicht verübeln konnte.
Sie verliebte sich zum aller ersten mal so sehr, dass sie es länger mit einem Jungen aushielt als zwei Wochen und dann erfährt sie, dass er nicht der war, für den er sich ausgab.
Ich zweifelte einen Moment daran, ob ich genau so ausrasten sollte, wie sie gestern Abend.
Genau das ist doch die Reaktion gewesen, die ich zeigen sollte.
"Aber Kaileigh glaube mir, ich habe alles getan um es irgendwie zu dir zu schaffen. Wirklich. Ich habe es nicht umsonst riskiert bei dir zu Hause anzurufen. Sie haben mich dabei erwischt und dann..."
Seine Sonnenbraune Haut verlor auf Befehl an Farbe, die sogar aus den blauen Ringen um seine Augen wichen.
Panisch, als würde ihn jemand verfolgen sah er sich im Zimmer um und ballte dann die Hände zu Fäusten.
Tränen sammelten sich in seinen Augen und als würde ich den Rest der Geschichte in seinen Augen lesen können, sah er mich direkt an.
"Es tut mir so unbeschreiblich Leid, Kaileigh." beteuerte er erneut und blinzelte sich die Tränen weg.
Nervös friemelte ich an meinem Oberteil und seufzte tonlos.
"A...Arth... Adriano, was ist passiert?"
Der Schuss und die Wunden in seinem Gesicht konnten nicht von nichts kommen.
Adriano spannte sich an, auf der Hut aus dem Raum zu flüchten, wenn er musste.
"Meine Mutter, letztes Jahr... Da wurde sie erschossen." holte er am Beginn aus. "Das hast du bestimmt in den Nachrichten gesehen und gehört." fasste er im groben zusammen.
Seine Brust füllte sich schwerfällig mit Luft und senkte sich wieder. "Danach mussten Kathalena und ich hier her. Papa wollte uns schützen. Uns aus dem Schussfeld haben, während er die Mistkerle findet, die Mama das angetan haben."
Ich presste die Lippen aufeinander und hörte ihm zu.
"Gestern haben sie uns gefunden und wollten mit uns das gleiche machen, was sie mit Mama gemacht haben."
Adriano zitterte am ganzen Körper und sah hilflos und elendig auf dem Krankenhausbett aus.
"Sie, die... die Telarmos... Sie haben Kathalena und mich in der Stadt abgefangen und entführt." Seine Stimme hörte sich an, wie die eines Geistes. Als sei er mit seiner Seele hier, aber sein Verstand, sein Körper, ganz wo anders. Vermutlich noch mitten in dem schrecklichen gestrigen Tag.
"Kathalena hatte sie im Verdacht und ziemlich ungeschützt recherhiert. Sie haben die Spur verfolgt und uns hier ausfindig zu machen."
Ich kämpfte mit dem Drang mich zu ihm auf das Bett zu setzen und ihn in die Arme zu nehmen.
So geschunden und angespannt, so angreifbar und verletzlich hatte ich ihn noch nie zuvor gesehen.
"Die... die Telarmos können sich mit dem Gedanken nicht anfreunden, das Papa mit seinem Unternehmen die Welt offen liegt, dass das legale Business eines Don, eines Mafiabosses, so große Ausmaßen angenommen hat."
Adriano richtete sich auf, zeigte den letzten Funken Stolz den er noch brennend in seinem Herzen trug.
Er stand, und das versteckte er nicht, hinter dem wie sein Vater lebte und wer er war, was er bedeutete.
"Sie haben verlangt seinen Umkreis einzuschränken, auf Europa auszurichten. Aber Papa hat schon immer im Visier gehabt die ganze Welt mit großartigen Produkten und Kreativen Erfindungen zu versorgen, nicht nur einen Teil."
Ein waches glänzen huschte durch seine grünen Augen, zeigte mir dass er noch im Hier lebte.
"Die Telarmos haben von Papa verlangt Anteile an sie zu vermachen, die Mafia sei in allen ihrer Clans doch im Grundsatz eine große Familie, die zusammenhält wenn es drauf ankommt, das haben sie versucht Papa klar zu machen.
Als sie gestern mit ihm telefoniert haben, da meinte er, ganz Herr der Lage, dass selbst eine Familie unbändige Streitigkeiten haben."
Ich beugte mich ein wenig nach vorn, um Aufmerksamer zuzuhören.
"Das hat diese Arschlöcher nicht grade dazu veranlasst uns gehen zu lassen und dann ist meine Schwester ausgerastet."
Adrianos Augen wurden glasig.
Ich befürchtete das schlimmste, wenn Kathalena ihre ausgewogene Fassung verlor.
"Sie hat geschrien und geschimpft sie würde alle Telarmos in dieser Halle umbringen, die ganze Familie der Telarmos, den ganzen Clan."
Ich biss die Zähne zusammen, um mir ein Lachen zu verkneifen.
Was Adriano mir erzählte, das war keine an den Haaren herbeigezogene Gangstergeschichte aus dem Fernseher. Es war ihm passiert, es passierte mit ihm. Gestern, sein ganzes Leben lang.
"Als sie den Mund nicht gehalten hat, haben sie angefangen auf mich einzuschlagen, mit der Drohung sie würden mich so umbringen, wenn sie nicht die Klappe halten würde. Dann musste sie leise sein. Sie wollte nicht, dass man mir noch mehr antut."
Adriano schüttelte seinen Rücken, als lägen Hände auf seinen Schultern, die er da nicht haben wollte
"Ganz plötzlich waren sie dann weg. In einem anderen Raum.
Wir waren unter uns, allein.
Katha meinte, sie habe einen Plan uns beide hier raus zu bekommen. Irgendwie hat sie sich aus den Fesseln befreit und mich auch.
Das Handy, mit dem ich deine Mutter angerufen habe, das lag ziemlich offensichtlich auf einem Tisch in der Lagerhalle."
Adriano sah zu mir zurück.
"Ich konnte mich kaum bewegen, mir hat alles weh getan. Mein ganzer Körper ist voller Prellungen und blauen Flecken."
Ganz langsam schob er den dünnen Pulloverärmel hoch und enthüllte seinen blau, lila, schwarz übersähten Arm.
"Katha hat mich nach deiner Nummer gefragt. Sie wollte uns beide befreien, mir die Hoffnung nicht nehmen, dich zu sehen, diese Hölle zu überleben. Ich wollte nicht, dass du dir sorgen machst, also hat sie bei deinen Eltern angerufen."
Die Tränen die die ganze Zeit in seinen Augen lauerten, liefen ihm ganz langsam über die geschundenen Wangen.
"Sie wollte unbedingt, dass ich an etwas gutes dachte, während sie ihren Plan ausheckte um uns abhauen zu lassen, sie meinte, sie würde mich hier raus bekommen, sie würde mich retten, sie..." Adriano verstummte und schloss die Augen.
"Ich hatte keine Ahnung was ihr durch den Kopf ging. Überhaupt nicht. In dem Moment hat ihre Ablenkung geklappt, sie wollte dass ich an dich denke, mir um nichts sorgen machen sollte. Mir war in dem Moment egal, dass ich so aussehe, wie ein Schlumpf, ich wollte nur dich. Dich sehen, dich um mich haben, deinen Geburtstag mit dir feiern."
Adriano wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, aber gab sich keine Mühe sie zu verbergen.
"Dann hat sie mir angewiesen, ich solle abhauen, sobald sie mir ihr Zeichen gibt. Kurz danach sind sie wieder aufgetaucht."
Jetzt musste er innehalten.
Ich erinnerte mich daran, wie ich ziellos vor dem Kino herumgelaufen bin, total fernab mit meinen Gedanken von dem was wirklich passierte. Er habe sich nur verspätet. Seine Schwester hat wieder Mist gebaut und er saß auf der Polizei fest.
"Als die drei Telarmos wieder drin waren, da ist sie aufgesprungen und hat sich auf sie gestürzt, mir hat sie zugerufen, dass ich rennen soll, so schnell ich kann, so weit ich kann. Ich solle nicht überlegen, einfach nur weg von hier rennen und Hilfe holen."
Wieder verstummte er, sah sich hilflos um und fand meinen Blick.
"Ich bin stehen geblieben, ganz kurz. Dann bin ich um mein Leben gerannt."
Seine Hand griff nach der Schulter, in die noch gestern eine Kugel gesteckt haben musste.
"Einer von ihnen hat mich getroffen. Ich habe nichts gespürt in dem Moment, nur den Puls in meinen Ohren. Ich hab nichtmal den ersten Schuss auf mich wahrgenommen."
Adrianos herzzerreißendes Schluchzen sorgte dafür, dass ich immer mehr den Drang verspürte mich neben dem bekannten Fremden auf diesem Bett zu setzen.
Er war nicht bereit für das, was danach an diesem Abend passiert ist, er kämpfte dagegen an zu verarbeiten.
"Den zweiten Schuss habe ich gehört. Laut und deutlich und er hat mich nicht getroffen."
Seine Augen sahen in die Leere. Er schien nichts um sich herum mehr wahrzunehmen.
"Weißt du, Kaileigh. Geschwister haben so ein unaussprechliches Band, ein Band das auf eine ganz eine Art die Seelen verbindet. Bis zu diesem Moment wollte ich daran nicht glauben. Aber ich habe es reißen gespürt."
Er schüttelte den Kopf und griff mit seiner Hand nach ein paar Taschentüchern, doch scheiterte.
Sie landeten auf dem Boden.
Sofort sprang ich vom Stuhl und hob sie auf, legte sie ihm aufs Bett.
Adriano bedankte sich, und putzte sich die Nase, dann redete er weiter.
Ganz vorsichtig, gebrechlich, seine Stimme so dünn wie feinstes Glas.
"Ich habe sie Schreien gehört, dann war alles weg. Kathalena, ihr Leben, wer sie war und geworden wäre, wie sie zu mir war. Im selben Moment liefen alle unsere Erinnerungen vor meinen Augen ab. Gleichzeitig konnte ich nicht aufhören zu rennen."
Ich riss meine Augen auf.
Die Leiche. Es war Kathalena die man gefunden hatte, nicht unweit von Adriano entfernt.
"Als ich nicht mehr rennen konnte, bin ich zusammengebrochen. Meine Gedanken drehten sich dann darum, dass alles wieder weh tat, dass ich dich nie wieder sehen würde, dass ich schuld hatte dass Kathalena jetzt tot ist."
Dann verlor er den letzten Rest seiner Beherrschung und sackte ab.
Er weinte, er weinte so, wie ich es nie gedacht hätte dass Jungs es überhaupt konnten.
Adriano konnte sich gar nicht mehr beruhigen, selbst als ich nachgab, mich zu ihm setzte und ihn in die Arme nahm.
Ich sagte nichts, wusste auch nicht was ich sagen sollte.
Nichts würde ihn auf die Schnelle beruhigen können. Adriano hatte seine Schwester verloren. Sie hatte ihn gerettet, selbstloser als ich es von ihr erwartet hätte.
Sie musste gewusst haben, dass sie ihrem Bruder nicht folgen würde, dass sie sich nicht befreien konnte.
"Kaileigh, ich... es... mir..." schluchzte er fürchterlich, seine Stimme unter seinem aufgelösten drucksen kaum zu hören.
"Jetzt nicht." flüsterte ich und strich sanft durch seine Haare.
Er wollte sich erneut entschuldigen. Für etwas mit dem keiner von uns rechnen konnte. Ich noch weniger als er.
Bis gestern wusste ich nicht mal, dass ich mich in einen Mafiasohn in Exil verliebt hatte, dass ich die ganzen letzten Monate einer Gefahr ausgesetzt war, die ich absolut nicht gesehen hatte, nicht sehen konnte.
Adriano hatte alles abgeschirmt, was auf mich hätte verdächtig wirken können. Er hatte mich mit einem riesigen schlechten Gewissen angelogen und es nicht vor mir versteckt. Er wollte dass ich es merkte. Ich tat es, aber dachte es lag an etwas völlig anderem. Ich habe ihm verziehen, dachte es lag an seinen angeblich geschiedenen Eltern.
"Für das alles kannst du nichts. Das was gestern passiert ist, ist nicht deine Schuld." Der schlimmste Satz, den ich hätte sagen können. Adriano wäre danach vor Tränen neben mir vollends zusammengebrochen und das konnte ich nicht.
Ruhe sah ich vorerst als die beste Medizin. Sollte mir etwas besseres in den Sinn kommen, würde ich das sofort in Anspruch nehmen.
Dieser Satz hätte ihn nur das Gegenteil denken lassen.
Für eine unaussprechliche Weile ruhte diese trauernde Stille zwischen uns im Zimmer.
Adriano und ich bewegten uns nicht, saßen nur nebeneinander.
Ich ließ ihm die Zeit sich wieder zu fassen, ins Jetzt zurück zu kehren und sich herunter zu fahren.
"Mein Vater landet heute abend." brach Adriano in aller stille.
Ich nickte, ohne etwas zu sagen und sah in sein Gesicht.
Die Augen waren vom Weinen noch geschwollener als durch die Schläge, die sie abfedern mussten.
"Ich weiß, du musst mich hassen und sitzt wohl nur aus Mitleid so nah bei mir, aber ich will dass du ihn kennenlernst." bat er michund nahm seinen Kopf langsam von meiner Schulter.
Als müsste er sich klar machen, wo er sich befand, sah er sich vorsichtig um.
"Ich will dass du mich, meine Familie, der der ich wirklich bin, in guter Erinnerung behältst... Oder zumindest die Hälfte, die noch übrig ist." Er lachte bitter und unter körperlichen und seelischen Schmerzen.
Ich schluckte. Er bat mich ganz vorsichtig darum einen der einflussreichsten Mafiaboss der Welt kennenzulernen. Dabei klang er, als würde er Abschied von mir nehmen wollen.
"Du sollst sehen, dass mein Vater so ist, wie ich immer über ihn geredet habe. Voller Weltmeinungen und Manieren und Anstand und Respekt. Ich will das du ein gutes Bild von ihm und mir hast, einen guten letzten Eindruck."
Mein Herz zog sich zusammen. Er würde gehen müssen.
Das war doch klar. Diese Telarmos haben ihn und seine Schwester entdeckt und sie auf dem Gewissen. Sie würden ein zweites Mal zuschlagen, sobald sich die Chance ergab und Adriano unbewacht wäre.
Ich hinterfragte noch nicht, nahm seine Bitte als selbstverständlich an.
"Ich... ich glaube das lässt sich einrichten." stammelte ich und atmete tief durch.
"Kaileigh, ich wäre dir absolut nicht böse, wenn du Ablehnst. Es ist nur ein angebot. Du musst nicht, wenn es dir zu riskant ist." versuchte er mir sofort wieder auszureden.
"Ich will ihn kennenlernen." beteuerte ich sicher meiner Entscheidung und faste fest und entschlossen seine grünen Augen.
Er setzte an sich zu mir zu beugen, mich zu küssen, doch hielt inne.
Im Moment lag unausgesprochen zwischen uns was wir überhaupt noch waren, nachdem er mich um seine Identität belogen hat. seit ich kaum noch wissen konnte wer sich neben mir befand.
"Sicher?" perplex blinzelte Adriano.
Ich nickte. "Du hast so begeistert von ihm geredet, wie kann ich anders. Ich bin mir sicher, dass ich für diesen einen Moment ausblenden kann wer ihr wirklich seid und einfach nur sehe, wer er ist und zu wem er und deine Mutter dich gemacht haben."
Adriano standen erneut die Tränen in den Augen.
Diesmal lehnte er sich wieder zu mir, doch um mich zu umarmen, ganz vorsichtig, als würde ich die Verletzungen tragen, die sich auf seinem Körper verteilten.
"Danke, Kaileigh. Danke dass du mich nicht hasst."
Ich wollte es, heute morgen wollte ich ihn hassen, mit allem was ich besaß. Ich wollte sauer auf ihn sein, selbst noch als ich ins Krankenhaus bin, doch in dem Moment als er angefangen hat mir von gestern zu erzählen fiel dieser Gedanke von mir ab.
"Ich kann dich nicht hassen, Adriano." wagte ich es zögernd seinen richtigen Namen zum ersten mal auszusprechen.
"Was auch immer wir jetzt sind, hassen werde ich dich nicht. So lange wie du immer ehrlich zu mir bist, absofort." verlangte ich von ihm.
Er hob den Kopf und nickte.
"Das werde ich. Frage mich was du willst. Ich werde dir alles beantworten. Alle Fragen die du an mich hast. An mein wirkliches Ich. An mein richtiges Leben." ging er sofort drauf ein und nahm ganz sanft seine Hände in meine.
Ohne nachzudenken platschte die erste Frage aus meinem Hirn in meinen Mund.
"Wie viel Adriano war in Arthur?"
Adriano schmunzelte.
"Hätten wir uns in Italien kennengelernt wäre ich nicht anders zu dir gewesen. Arthur war Adriano. Nur mit dem Unterschied, dass seine Mutter lebte und nicht brutal ermordet wurde.
Ich bin die ganze Zeit ich geblieben. Ich habe mich nicht einmal verstellt. Diese ganzen vielem Manieren, mein Anstand, den habe ich wirklich, mit dem wurde ich aufgezogen und den würde ich dir gegenüber nie ablegen, sollte es dich noch so nerven."
Ein schwaches Lachen beiderseits ging durch Adrianos Krankenzimmer.
"Arthur bedeutet nobel, mutig, anständig, behütend. Adriano ist die entfernt verwandte Version von Arthur und ich wollte hier einen Namen, der mich genau so repräsentiert, wie in meiner Heimat." erklärte er mir nachdem unser Lachen verstummte.
"Wären Celine und ich nicht, hättet ihr euch trotzdem der Band angeschlossen? Hättet ihr euch dennoch mit Monty und Leighton befreundet?"
Ohne zu zögern nickte Adriano.
"Cole und ich haben eine ganze Hand voll Kurse mit den beiden gehabt. Natürlich wären wir auf sie zugekommen. Die beiden haben gemeinsam genau so einen an der Waffel, wie Cole und ich." stand er mir sofort Rede und Antwort.
"Monty und Leight haben ihren ganz eigenen Charme, sie stechen hervor, sie sind einzigartig und gegensätzlich und das bindet sie so sehr in diese Freundschaft. Cole und ich sind nicht anders und wir suchen immer nach Leuten, die ähnlich sind wie wir, weil wir wissen, dass wir uns mit ihnen wohlfühlen werden."
Zufrieden mit der Antwort nickte ich und erinnerte mich an den aller ersten Schultag mit Adriano und Cole zurück, wie Monty total easy mit den beiden am Tisch aufgetaucht ist.
Wie Leighton ihn vom ersten Moment an nicht leiden konnte, weil Adriano sich neben mich setzte, wie sic Celine und Cole auf den Moment ineinander verliebten.
"Wolltest du mir jemals erzählen, wer du wirklich bist?"
Adriano stockte, straffte den Rücken.
"Siehst du die kleine Box auf dem Tisch?"
Schiffte er um die Antwort herum.
Ich sah dennoch zu dem Tisch an dem ich bis vorhin gesessen hatte.
"Das wäre dein Geburtstagsgeschenk gewesen. Wenn du es noch willst, kannst du es dir nehmen."
Adriano versteckte seine Antwort und ich wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Ich war neugierig was er vor hatte, also spielte ich mit und stand auf, ging die wenigen Schritte zum Tisch und nahm die kleine Box, die aussah wie von einem Juwelier.
"Mach sie auf." bat Adriano mich in aller ruhe.
Ich folgte seiner Anweisung und klappte den Deckel auf.
Was mich auf schwarzem, edlen Samt anstrahlte waren zwei Ketten.
Eine mit meinen Initialien, KB die andere mit Adrianos. Doch nicht die die er als Arthur hatte, sondern seine wirklichen AG.
"Ich wollte es dir heute sagen. Nachdem du vielleicht mitbekommen hast, dass etwas mit der Kette nicht stimmt. Ich hatte es vor, versprochen. Aber du hast es einen unglücklichen Tag früher erfahren, als du solltest." enthüllte er.
Ich starrte die Ketten an, die ihm bei dem reinen silbernen Glanz ein Vermögen gekostet haben musste, doch bei der Quelle seines Vaters wäre diese Investition nur ein kleiner Krümel von einem gigantischen Kuchen.
"Ich wollte dir alles so schonend beibringen wie möglich und da dachte ich ein kleines Rätsel, eine merkwürdige Überraschung wäre ein guter Anfang."
Adriano fuhr sich nervös durch die Haare.
Im Moment des Schenkens hätte ich es ganz bestimmt nicht mitbekommen, dass etwas nicht passte, ich hätte mich viel zu sehr über das teure Silber aufgeregt und wie teuer es wäre und Adriano? Er meinte es sei nichts großes, ein kleines Geschenk, etwas das er für mich locker entbehren konnte.
"Die Idee ist riskant." kommentierte ich und legte die aufgeschlagene Box zurück auf den Tisch.
"Ich weiß. Aber ich habe die letzten Monate riskant gelebt. Ich habe dir manchmal zu viel erzählt und dachte, dass du schon lange Bescheid weißt. Du wusstest immer, dass ich dir das große Ganze verheimliche und hast mich nie direkt darauf angesprochen also wollte ich dich unauffällig darauf aufmerksam machen."
Lächelnd schüttelte ich den Kopf.
Ob ich die Kette annehmen würde, mein Geschenk, ich war mir nicht sicher.
Jetzt fühlte sich zwischen uns alles so lose an, so als wären wir nichts halbes und nichts ganzes. Wie zu Beginn unserer Geschichte. Wir wussten von anfang an da war was, er eher als ich, aber wir beide mussten dem erst auf den Zahn fühlen, langsam, achtsam, nicht zu schnell.
"Deine Tante hat mir erzählt, dass deine Eltern für ziemlichen Tumult in ihrer Familie gesorgt haben." Erinnerte ich mich an die Autofahrt zurück.
Ich nahm die Box erneut in die Hand und schritt zurück zu Adriano ans Bett, um mich neben ihm zu setzen.
"Sie hat mir auch erzählt, dass du mir die Geschichte, wie sich deine Eltern kennengelernt haben mit Begeisterung erzählen wirst."
Soeben wollte ich nicht an das denken das vor uns liegen würde, wie wir uns um unsere Beziehung entscheiden mussten, die wohl nicht die gleiche werden würde wie zuvor.
Adrianos Augen strahlten das erste mal an diesem schweren Nachmittag.
"Ich hoffe du hast Zeit, Kaileigh. Denn das kann eine ganze Weile dauern. Aber Luciana hat recht. Ich erzähle sie gerne. Sehr gerne. Weil sie mich daran erinnert, dass wir alle im Leben irgendwann mal klein angefangen haben, dass wir alle unsere großen Tiefs hatten und haben werden und dass es immer jemanden gibt, der uns daraus holen und uns leuchten lassen wird."
Und dann begann er mir von seinen Eltern zu erzählen.
Er erzählte mir davon, wie seine Mutter dazu gezwungen wurde in schäbigen Bars zu arbeiten, um ihre Familie am Leben zu erhalten. Sie waren grade aus Mexiko nach Amerika geflüchtet, sie mussten sich unterordnen, Geld zum Leben besorgen.
Doch das in den Bars erworbene reichte nicht. Courazon sah sich gezwungen auf den Strich zu gehen.
An ihrem ersten Abend nach dieser schrecklichen Entscheidung hielt ein Wagen neben ihr.
Der Mann der da drin saß hat versucht Courazon mit aller Macht mit sich zu ziehen.
In diesem Moment merkte sie, dass sie das falsche getan hatte um ihre Familie zu ernähren.
Jacopo war aus Gründen seines berüchtigten Familienbusiness in den Staten und kam grade aus einem Club, um zu sehen wie Courazon von diesem widerwertigen Mann, der in der Zwischenzeit ausgestiegen war um sich das zu holen von dem er dachte dass es sein Recht war, gegen den Wagen gedrückt wurde.
Er zögerte keinen Moment und half dem jungen Mädchen aus der Lage.
Einer seiner Personenschützer kümmerte sich um den Kerl, er sorgte sich um Courazon.
Wenige Tage später bekamen sie und ihre Familie einen Brief mit offiziellen Pässen und Ausweisen der Staaten gemeinsam mit einem Brief der an Courazon addressiert war.
In diesem bat er sie um ein einfaches treffen und er würde es verstehen, wenn sie erstmal keinem Mann über den Weg trauen würde.
Zu dieser Zeit stand Jacopo Giulani noch unter dem Befehl seines Vaters, also war er der Welt noch unbekannt und erschien Courazon als junger Mann mit viel Einfluss und Macht.
Sie überlebgte lange, aber stimmte dem Treffen zu.
Jacopo wollte alles über ihre Flucht erfahren, was sie dazu getrieben hat, wieso sie sich dazu entschieden hat.
Adriano erzählte mir, wie ihr Vater das angestellt hatte und unweigerlich mussten wir beide schmunzeln.
Jacopo hat das ganze nebenbei einfließen lassen. Mit eigentlich unsinnigen Fragen, die einem am Ende eine Menge über die Persönlichkeit eines Menschens erzählen.
Nach und nach führte eines zum anderen.
Jacopo sorgte für gute Jobs ind Courazons Familie, allen immer noch verheimlicht wer er wirklich war und was er mit ihr zu tun hatte.
Im Hintertürchen schenkte er ihrer Familie wohlstand und Gesundheit, sorgte für sie, wollte nicht dass die junge Dame in die er sich verliebte leidete unter den Schrecken, die sie hinter sich hatte.
Einestages reiste Courazon mit Jacopo nach Italien, sie kamen zusammen, beschlossen über Nacht spontan und unüberlegt zu heiraten. Beide hatten es in ihrem Leben nie bereut.
Kurz nach der Hochzeit starb Jacopos Vater und sein Gesicht wurde groß.
Ein paar Wochen später tauchten sie und Jacopo vor dem großen Haus ihrer Familie auf und sie enthüllte allen auf einem Schlag die Wahrheit und wie sehr diese ihr Leben verändert hatte.
Adriano meinte, dass seine Großmutter die Pässe und die Jobs nie angenommen hätte, wenn sie gewusst hätten wer dahinter steckte, doch sie nahm es mit Humor, war sofort geschockt und in Jacopos sympathischen Bann gerissen worden.
Die ganze Zeit als er redete, hielt er nicht einmal inne, um zu überlegen. Er kannte die Geschichte um seine einmaligen und besonderen Eltern in und auswendig und er liebte diese Geschiche, wie seine Eltern zusammen gefunden hatten, wie Jacopo Courazons Familie half, sie zum glänzen brachte.
Ich schwamm im Bann, wie fasziniert und überzeugt er erzählte, wie er schwärmte, wie er anmerkte wann er genaue Wortlaute seiner Mutter wiedergab und wann die von seinem Vater.
Er hatte alles verloren. Seine Sicherheit, seine Schwester, seine Mutter, den Funken Hoffnung auf ein normales und geborgenes Leben hier in Salisbury, am Arsch der Welt, doch leuchteten seine Augen bei der Gesichte um seine Eltern als habe er alles, als wäre er in einer besseren Zeit und fernab allem Grauen, dass ihn heimgesuchte.

DeadendWo Geschichten leben. Entdecke jetzt