5.Don't look at an handsome man like that

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Meine Kollegen hießen mich nach meinem Verlobungsurlaub mit einem verbotenen Sektempfang Willkommen und beglückwünschten mich im Überschuss.
Ich musste den ganzen Morgen im Sekundentakt meinen Ring herumzeigen und aller fünf Minuten vor ungläubig glubschenden Augen die Flügelstory mit dem Corpse Bride-Spruch zum besten geben.
Die Stimmung rief nicht nach Arbeit, von allen Seiten freute man sich für mich mit und langsam begann ich zu hinterfragen, woher alle denn überhaupt Bescheid wussten.
Haylee lächelte lieblich und legte den Kopf schief. „Mr. Chester hat es uns verraten. Er hätte Ihnen auch gern gratuliert Kaileigh, aber er hängt seit er angekommen ist im Büro fest. Es muss irgendeinen Notfall geben." erklärte sie mir freundlich und zuckte dennoch verdutzt mit den Schultern.
Ich rollte mit den Augen und fasste mir dämlich grinsend an den Kopf. Sogar meinen Boss hatte Leighton in seine Pläne eingeweiht. Jetzt dämmerte mir, wieso Mr. Chester es durchgesetzt hatte mich nicht zu der Verhandlung von Sophie Caht zu schicken, die mich jedoch heute erwartete.
"Stimmt. Er hat sich den ganzen morgen nicht blicken lassen." erkannte Taylor und wollte mir Sekt nachschenken. Ich verweigerte mit einem entschuldigenden Blick und zog ihm das Glas weg.
"Danke für eure süße Begrüßung." ich blickte meine anwesende Mitarbeiterschaft an und stellte das Sektglas in meinen Händen auf den Empfangstresen der modernen Kanzlei.
"Aber ich habe heute noch eine Verhandlung vor mir, da macht es sich dumm, wenn ich angetrunken aufkreuze." scherzte ich und wollte weder begreifen, dass ich ab sofort verlobt war noch so auf meiner Arbeit begrüßt wurde.
"Wir hatten schon gedacht, dass du vielleicht gar nicht trinkst, Kaileigh. Immerhin kann in einem zwei Wochen Urlaub viel passieren." Astrid, die zum Urgestein der Kanzlei gehörte zuckte vielsagend mit ihren gräulichen Augenbrauen.
Munteres Gelächter brach aus und ich schüttelte den Kopf. „Keine sorge, ich trinke. Schwanger bin ich mit Gewissheit nicht." versicherte ich ihr.
Sie lächelte mütterlich und hob ihr Glas an die Lippen.
"Was nicht ist, kann noch werden. Du und Leighton seid seit dem College zusammen. Fühlt ihr euch nicht ein wenig einsam?" Taylor hatte die Sektflasche abgestellt und inspizierte mich aus kleinen grauen Mausaugen.
"Unsere engsten Freunde, sind wie unsere Kinder. So lange die nicht erwachsen werden, bekommen wir keine." gab ich preis und musste nun selber einen Blick auf meinen Ring werfen.
In dem warmen Licht des Empfangsraumes kam das Rosé des Ringes mit dem weißen Diamanten richtig zur Geltung und wollte nicht zu meinem viel zu großen weißen und uneleganten Hoddie passen, den ich Leighton abgezogen hatte.
Auf meiner Haut spürte ich wieder die salzige Briese Hawaiis und in meinen Ohren sang Leighton noch immer Hourglass.
"Er sieht so schön aus." schwärmte Haylee und griff achtsam nach meiner Hand, um meinen Verlobungsring ebenfalls aus nächster Nähe betrachten zu können.
"Ihr Freund... ähm Verlobter hat sicherlich lange nach dem richtigen Exemplar gesucht, oder?" wollte meine Assistentin aufgeregt wissen.
"Das weiß ich leider nicht. Meine beste Freundin hat ihn ausgesucht." plauderte ich beiläufig aus und spürte die überraschten Blicke meiner Kollegen, so wie den plötzlichen Stimmungswechsel, als Mr. Chester aus seinem Büro gefegt kam und aus der ausgelassenen Plauderstimmung eine gespannte Atmosphäre hervor stieg, die sich schwer in gutmütig oder böswillig einteilte.
"Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen Ms. Beaufort. So erholt wie Sie aussehen, hatten Sie bestimmt einen sehr ruhigen Verlobungsurlaub und einen entspannten Empfang."
Wissend sah mein Boss sich unter seinen Untergeordneten um und mir kam in den Sinn, dass dieser Sektempfang offensichtlich nicht als verboten galt.
Mr. Chester hatte ihn am besten sogar noch organisiert und wäre wohl gern selber da gewesen, um mich zu beglückwünschen, aber ein Notfall hatte ihn verhindert.
"Ja. Den hatte ich, Mr. Chester." freundlich und zuvorkommend nickte ich.
"Das freut mich wirklich sehr und ich hätte Sie wirklich auch als erste begrüßt und Ihnen zu Ihrem nächsten Lebensabschnitt beglückwünscht, aber wie Sie vielleicht gehört haben, kam mir etwas oder eher Jemand in die Quere." teilte er mir mit ernster Miene mit, die er keinen Millimeter mehr verzog.
Er schielte über seine runde und dickglasige Brille düster und älter als er tatsächlich war, in mein Gesicht.
"Kaileigh. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie es heute nicht mehr zu der Verhandlung schaffen können, die ich Ihnen heute versprochen hatte, denn ich muss Sie in meinen Notfall einspannen."
Beichtete er mir vorsichtig und großväterlich, als versuchte er mir zu erklären, dass mein Kaninchen weggelaufen sei und nicht vom Auto überfahren wurde.
"Was?" ich bin noch nicht auf Arbeit angekommen und hing noch in meinem herzlichen Empfang, bevor ich wirklich verstand, was Mr. Chester mir mitgeteilt hatte.
"Würden Sie alle bitte an die Arbeit gehen? Sie haben den Morgen genug Zeit gehabt um Ms. Beaufort nach ihrer großen Verlobung auszufragen!" donnerte er in einem strengen, aber freundlichen Ton durch den großen Raum.
Die angestellten Anwälte und Assistenten zerstreuten sich. Einige nahmen ihre Gläser mit, andere stellten sie schnell ab und eilten schnellen Fußes in ihre Büros.
"Und Taylor!"
Mein Büronachbar hielt in seiner Bewegung inne und drehte sich zu uns um.
"Was gibt es Boss?" harkte er gelassen nach und hing sich in den Türrahmen.
Mr. Chester besah mich mit einem belegten Blick und sah an mir vorbei zu Taylor. „Sie sind mit dem Fall um Sophie Caht vertraut oder?" verlangte er von meinem Kollegen zu wissen.
Taylor nickte. „Ich habe Kaileigh bei ihrem Vorschlag für ein Urteil geholfen. Ja ich bin mit dem Fall vertraut. Laut meines Wissens, soll sie ihn heute mit einer großen Verhandlung zum Ende bringen." fasste er zusammen.
"Allerdings." Mr. Chester hob eine alte knochige Hand und hielt sich den Nasenrücken. „Kaileigh, wird dafür jedoch heute nicht mehr in der Lage sein. Ich habe die Mutter angerufen und ihr gesagt, dass Sie ihre Tochter verteidigen werden." wurde meine heiß ersehnte Gerichtsverhandlung mir vor meinen Augen weg gezogen.
"Das können Sie...!" begann ich aufgebracht und wollte in die Luft gehen.
Ich kam aus dem Urlaub, freute mich auf meinen Einsatz als Anwältin in Aktion und dann wurde mir so überbracht, dass ich mir das wieder abschminken konnte? Wofür?
Für einen Notfall, der sich vielleicht damit beschäftigte, dass Leighton einen plötzlichen Flug nach Las Vegas gebucht hatte und wir noch heute Abend heiraten würden?
So sehr ich Leighton liebte, so sehr ich ihn für diese Idee noch mehr verehren würde, hätte ich meinen verschobenen Termin viel lieber wahrgenommen!
"Doch Ms. Beaufort das kann ich. Sie bekommen einen interessanteren Fall zugeschrieben, der es gesetzlich berechtigt, dass ich ihre Arbeit weitergeben kann und das wissen Sie ganz genau!"
Ich erinnerte mich an die überflüssige Klausel die durch meinen Kopf huschte und wurde kleinlaut, bevor ich mich überhaupt aufbäumen konnte.
"In einer Stunde geht es los Mr. Hemmings. Ich erwarte von ihnen, dass sie vorbereitet und pünktlich bei Familie Caht erscheinen." schickte er Taylor in sein Büro.
In der plötzlichen totenstille tippelte ich von einem Bein auf das andere und lugte zu Mr. Chester, wie er sich genaustens mit seinen grau-grünen Adleraugen vergewisserte, dass keiner seiner Angestellten noch im Empfang herumlungerte und lauschte.
"Wenn ich Sie in mein Büro bitten dürfte, Kaileigh."
Mein Boss machte eine ausladende Geste den Gang entlang und mit schweren Füßen und flauem Magen lief ich hinter ihm her.
Ich wurde noch nie in sein Büro gebeten.
Das erste und einzige mal, als ich Mr. Chesters vier Wände von innen gesehen hatte, bestand aus meinem Bewerbungsgespräch vor meinem Abschluss an der Law School und das ist vor dreieinhalb Jahren gewesen.
"Habe ich etwas angestellt?" murmelte ich ängstlich. „Gab es einen Klienten der Beschwerde eingereicht hat? Ich werde mich selbstverständlich für alles rechtfertigen, was ich falsch gemacht habe." stammelte ich in piepsigem und quackendem Ton, als mir die Stimmbänder trocken liefen.
Mr. Chester lachte charmant und beruhigend auf.
"Sie haben überhaupt nichts falsch gemacht, Ms. Beaufort.
Wie erwähnt, ich habe einen interessanteren Fall für Sie." wiederholte er in aller ruhe und Gelassenheit.
Mit langen und entspannten Schritten zog er den beleuchteten Gang entlang.
Ich drehte meine Schrittgeschwindigkeit herunter, als ich spürte, dass er es nicht eilig hatte.
"In den letzten beiden Wochen hatte es jemand ziemlich dringend sie auf dem schnellsten Wege zu erreichen." berichtete Mr. Chester mir in Erzählstimme und blieb vor seiner schwarzlackierten Bürotür stehen.
"Doch, da Sie nicht im Land waren, musste ich ihn leider vertrösten und habe ihm angeboten, dass er sich gleich heute Morgen zu uns begeben kann, um Sie pünktlich abzufangen. Einen meiner anderen Top-Anwälte hat er mir noch im Wort abgelehnt. Er wollte unbedingt an Sie herankommen."
Mir schliefen die Gesichtszüge ein.
Wer sollte sich so verzweifelt die Mühe machen mich auf meinem Arbeitsplatz ausfindig zu machen?
Ein alter Klient? Jemand der mich als Anwältin empfohlen bekommen hatte? Aber da hätte Mr. Chester nicht dafür gesorgt, dass ich meinen aktuellen Fall abgeben musste und das ohne etwas einwenden zu dürfen.
"Sie sehen nicht so aus, als würden Sie wissen, wer hier kampiert hat, um Sie in seinen Dienst zu nehmen."
Ich lachte verblüfft und ratlos auf.
"Tatsächlich habe ich keinen Plan, wer sich so eine Mühe machen sollte." gab ich zu und ratterte alle Namen durch die ich kannte.
Durch meine Arbeit mit den Klienten und den mit ihnen verbundenen Akten aller Art, waren das eine Menge, aber keiner der so besessen von meiner Arbeit sein sollte, kam mir in den Sinn.
Da gab es auch niemanden.
"Das ist merkwürdig, denn so wie er von Ihnen geredet hat, scheint er Sie zu kennen. Aber sehen Sie selber und entscheiden für sich, ob Sie Ihren neuen Klienten abwimmeln oder annehmen."
Mit diesen eröffnenden Worten schob Mr. Chester die Tür zu seinem Büro auf, welches seine Mitarbeiter so gut wie nie zu Gesicht bekamen.
Unsicher wagte ich mich an ihm vorbei und lugte in das großräumig und sehr modern eingerichtete Büro, welches zwei der vier langen und hohen Wände komplett verglast hatte.
Man hatte einen perfekten Blick auf das Lincoln Memorial wenige hundert Meter entfernt und auf die Innenstadt Washingtons.
Die anderen Büros seiner Kanzlei hatten ähnliche Ausblicke, aber keiner kam diesem hier nahe.
An dem beachtlichen Schreibtisch am anderen Ende des Raumes lehnte ein Mann, der mich erwartungsvoll und geduldig betrachtete.
Ich runzelte meine Stirn.
Wer sollte das sein?
Langsam und Schritt für Schritt betrat ich das Büro. Hinter mir trat mit üblicher gelassenheit Mr. Chester ein und schloss die Tür mit einem leisen klick.
Die plötzliche Ruhe nach meinem kurzen und fragwürdigen Gespräch mit meinem Chef und nach dem eben verklungen Türklicken drehte mir den Magen um, denn der Mann, der lässig gelehnt mit dem Rücken am Schreibtisch stand, hatte eine Statur und eine Ausstrahlung, die mir ein großes ACHTUNG vor meinem inneren Auge aufleuchten ließ.
Über breite Schultern spannte sich ein maßgeschneidertes schwarz und weiß gestreiftes Sakko.
Dazu trug er ein weißes geriffeltes Top, welches er sich in den Hosenbund gesteckt hatte und dicke Silberketten um den Hals.
An seinen langen Beinen zog sich eine schwarze tiefsitzende Hose entlang und teuer und auf hochglanzpolierte unpassende Westernlackschuhe trug er an den Füßen.
Er hatte die Arme locker vor der Brust verschränkt und neigte den Kopf, als ich ihm langsam entgegen schritt.
Ausdauernd bedachten mich seine asiatisch angehauchten Augen, die halbvollen Lippen wurden von leichten Grübchen umspielt, die von dunklen Bartstoppeln überdeckt wurden.
Er sah aus, als würde er geradewegs von der Yakuza gesandt worden sein, um mich an Ort und stelle umzubringen, doch das einzige, was neben den Westernschuhen in seiner eleganten und gefährlich abwartenden Erscheinung nicht passen wollte, waren die rasierten Haare, die sein Gesicht mit langsam nachwachsenden Stoppeln unattraktiv rund wirken ließen.
Als ich den Fremden fertig betrachtet hatte, stand ich auf einem Abstand von zwei Metern und straffte angespannt und mit einem Kloß im Hals den Rücken.
Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was die Yakuza von mir wollen könnte oder wieso sie nach mir suchte, aber wohl war mir in diesem Moment sicher nicht.
Alles in mir schrie danach mich umzudrehen und zu flüchten, mir meinen noch friedlich schlafenden Verlobten in unserem Apartment zu greifen und mich mit Leighton in Hawaii zu verstecken, doch mit Kraft meiner Wassersuppe hielt ich mich auf den Beinen und widerrief meinem inneren Verlangen mich zu verstecken.
Ich wollte diesem ausdauernden und abartig abwartenden und quälendem Blick ausweichen, wurde aber dennoch wie an diese langgezogenen Augen gebunden und konnte ihnen nicht entfliehen.
Vor diesem unheimlichen Mann stand ich auf dem Präsentierteller und als er sich sicher war, dass es mir übler vor ihm nicht gehen konnte, da öffnete er den Mund und sagte in dem lässigsten Plauderton, den er aufgreifen konnte und mit einer Stimme, die sich sofort in meine Erinnerungen schnitt: „Also zur Begrüßung zwei Dinge Kaileigh. Erstens: Man starrt wunderschöne Männer wie mich nicht so erschütternd an wie du, das musste ich Celine auch wieder beibringen."
Mein Kiefer hing auf dem Boden und ich hatte Mühe noch auf den Beinen zu bleiben.
"Zweitens: Schämst du dich nicht? Du arbeitest in einer der angesehensten Kanzleien in DC. und trägst nur einen Hodde aus Primark? Alter, du könntest hier in einem verdammten Channel Schlafmantel einreiten!"
Ich riss meine Augen auf und musste mich nun wirklich darum kümmern etwas zu finden, an das ich mich abstützen konnte.
Mr. Chester sah meine Not und hastete eilig in mein Blickfeld, um mir einen Stuhl bereit zu stellen.
Zitternd setzte ich mich und brauchte einen Moment, um die eindeutigen Signale zu verstehen, die mir mein Hirn eben zusammensetzte.
Der Mann, der mich eben wie seine Beute angeschaut hatte, war Cole Maroccioni.
Viel brauchte es mich nicht mehr um alles zusammenzuzählen.
Er war damals schon jemand, der nie unpassendere und einreißendere und dennoch humorvolle und charmante Worte in jede Situation presste und er hatte meine beste Freundin erwähnt, die mir Freitagabend ganz entgeistert von ihrer schicksalhaften Begegnung berichtet hatte, wenn auch zu einem wirklich ungünstigen Zeitpunkt.
"Cole!" meine Stimme brachte nur noch schemenhafte Laute heraus, so schlecht stand es schon um mich.
Stolz darauf, dass ich ihn nach kurzem überlegen und nachdenken erkannt hatte, feixte er und hob selbstbewusst wie eh und je den Kopf gen Himmel.
"Celine hat auch ne Weile gebraucht, eh sie mich erkannt hat. Kaum zu glauben, dass ihr beide keinen Tag gealtert seid."
Cole schnalzte mit der Zunge und musterte mich von oben bis unten.
Im Gegensatz zu mir hatte sich an Cole eine Menge verändert.
Während er früher noch wie der süße und patschige Prinz Charming wirkte und keinerlei Sinn für gute Kleidung verstand, glich er heute einem stylischen und bullbeißerischen Anhänger eines einflussreichen Yakuza-Clans, bei dem jeder sein nächstes Opfer hätte sein können.
Er glich dem süßen und vorlautem Schuljungen, den ich kennengelernt hatte in keine Silbe mehr und war mehr als nur eindeutig aus seinen Kinderschuhen gewachsen, nachdem er mit seinem besten Freund die Staaten vor zehn Jahren fluchtartig verlassen hatte.
"Adriano würde dahin schmelzen, wenn er dich jetzt sehen könnte." Coles Lächeln wurde weicher und feinfühliger.
Wie aus Reflex versuchte ich den Verlobungsring an meiner Hand zu verstecken und zerrte mit meinen Nerven daran mein Frühstück und den Cappuccino aus dem Stardust im Magen zu behalten.
"Aber genug reden geschwungen. Ich bin nicht zum Vergnügen hier, nur um dir nach zehn Jahren aus heiterem Himmel einen Besuch abzustatten."
Coles Miene verfinsterte sich, spannte sich an und zeigte jenen ernsten Gesichtsausdruck, den ich bei ihm nie für möglich gehalten hatte.
"Wir haben ein Problem." stieg er ein und spielte mit einer Hand an eine der dicken Silberkette an seinem Hals herum.
"Also nicht wir, viel mehr Adriano und genau deswegen haben wir in den letzten Wochen alle erdenklichen Kanzleien in Amerika nach dir abgesucht, um dich aufzuspüren." teilte Cole mir mit und blieb in seiner lockeren Pose gegen den Schreibtisch gelehnt.
Mr. Chester stand hinter dem Stuhl, auf dem ich saß und hatte seit meinem eintreten keinen Ton mehr von sich gegeben.
"Dein Boss hat sich freundlicher weise dazu bereit erklärt den Kontakt zu dir herzustellen."
Cole nickte Mr. Chester dankend zu und zuckte mit seinen Lippen ein kurzes und knappes Lächeln.
"Ich wäre Ihnen sehr zum dank verpflichtet, wenn Sie uns nun einen Augenblick alleine lassen würden." bat Cole Mr. Chester in einem anständigen und höflichen Ton, in dem es ihm damals bei allen Autoritätspersonen gemangelt hatte.
Die letzten zehn Jahre hatten anscheinend mächtig an ihm gedreht.
"Selbstverständlich Mr. Maroccioni." kam ihm mein Chef zuvor und verließ mit beinahe tonlosen Schritten sein eigenes Büro.
Ich entspannte mich nicht, als ich mit Cole alleine zurück gelassen wurde, sondern wurde innerlich noch wahnsinniger.
"Du kannst dir nicht vorstellen, wie erleichtert Adriano darüber ist, dass wir dich in DC. Aufgespürt haben." verriet mir Cole und hatte den Ernst in seiner rau angehauchten Stimme nicht verloren.
"Er steckt mächtig in der Tinte und braucht dich wirklich. Deshalb habe ich deinen Chef dazu gebracht dir für die nächsten Wochen alle deine Schichten zu kenzeln Solltest du der zusammenarbeit mit Adriano zustimmen, darfst du dir eine Arbeitszeiten alleine zurecht legen, wie du sie brauchen wirst." erklärte er mir, während ich noch nicht einmal mit geschnitten hatte, dass Cole Maroccioni in dem Büro von Mr. Chester zwei Meter vor mir stand und darüber redete, dass Adriano mich in seine Dienste einspannen wollte.
"Halt mal!" warf ich ein und hielt mir den Kopf, mir gleich ob Cole meinen Ring sah oder nicht. Die Sache ging mir mächtig zu Kopf.
"Du tauchst nach zehn Jahren mit Adriano in DC. auf, ihr jagt das ganze Land nach mir ab, damit ihr mich für irgendein Problem einspannen könnt, das ich sauber aus der Welt schaffen soll?" schloss ich mir zusammen und hob meine linke Augenbraue.
"Was soll ich denn bitte machen, dass über dein Erscheinen von meinen Kollegen als Notfall gesprochen wird. Habt ihr mit Menschen gehandelt und ich soll Spuren verwischen? Habt ihr Gelder hinterzogen? Jemanden ausversehentlich mit einem gezielten Kopfschuss umgebracht?"
Das alles klang nach einem schlechten Scherz für mich, der mit dem miserablen Cole-Humor von damals aber nichts mehr gemeinsam hatte.
"In so etwas würde dich Adriano nie reinziehen, geschweige denn dass er sich zu so etwas bringen lässt, das solltest du selber wissen, Kaileigh!" redete Cole mir nicht zum scherzen aufgelegt aus und sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren und er jeglichen Sinn für Sarkasmus.
Ich lachte am Rande meines Verstandes auf und ließ mich in die Lehne des Stuhles fallen. „Ich weiß nicht, ob ich das weiß. Ich weiß nicht, ob ich je irgendetwas von euch beiden wusste." hielt ich ihm seine und Adrianos Scharade von vor zehn Jahren vor und konnte nicht fassen, dass es sich die beiden erlaubten hier einzureiten und mich mir nichts dir nichts so zu überfallen.
"Kaileigh, das ist ein schlechter Zeitpunkt um damit anzufangen." ermahnte Cole mich mit anweisenden und herrischen Zügen, die mich getroffen zum zusammensinken brachten.
"Es ist auch ein schlechter Zeitpunkt, an dem ihr hier auftaucht." nuschelte ich und drehte den rosefarbenen Ring an meinem Ringfinger hin und her, als würde er an dieser Situation etwas ändern können.
"Mr. Chester hat mir von deiner Verlobung erzählt, und dass dein Göttergatte dafür extra eine Verhandlung für dich in den Sand gesetzt hat. Muss ein sehr beeinruckender Mann sein, der so etwas für dich macht."
Cole schmunzelte und ich hätte ihn am liebsten Grün und Blau dafür geschlagen, dass er von meiner Verlobung erfahren hatte und sich wieder an Celine ran machte. Aber immerhin konnte er sich nicht erschließen, dass ich mit Leighton verlobt war, beziehungsweise hatte Celine ihm dies nicht unter die Nase gerieben.
"Es tut mir leid, dass ich dich so plötzlich überrascht habe, aber Adriano lässt sich auf keinen anderen Anwalt ein, als auf dich."
Immer wenn Cole seinen Namen nannte, spürte ich den Dolch, der sich immer und immer tiefer in ein Leben bohrte, bei dem ich gedacht hatte es hinter mir gelassen zu haben.
"Er hofft, dass er sich auf dich verlassen kann, so wie damals, als du ihm trotz allem dennoch nicht verstoßen hast." erwähnte er bittend und aus asiatisch angehauchten Hundeaugen, die mich einen Wimpern schlag lang an den verrückten Jungen mit dem schlechten Humor und den noch schlechteren Anmachsprüchen erinnerten.
Ich biss die Zähne zusammen und schob meinen Verlobungsring auf und ab.
Coles anprangernder und geduldiger Blick machte mich kaputt und brachte unzählige alte Erinnerungen wieder, die ich unter der Erde begraben hatte.
Ich hätte nie damit gerechnet, dass sich unsere Wege je noch einmal kreuzen würden. Aber Adriano hatte ganz offensichtlich mit seinem besten Freund gesorgt, dass unsere letzten Worte noch nicht miteinander gesprochen wurden.
"Vor dem Gebäude wartet ein Taxi." Cole schob sich vom Schreibtisch weg und machte die wenigen Schritte bis zu meinem Stuhl.
Vor mir blieb er stehen.
"Adriano wartet in einem Hotel in der Nähe auf uns.
Du wirst mich jetzt begleiten, ob es dir passt oder nicht und er wird dir alles weitere und wichtige näher bringen. Mr. Chester weiß alles was er wissen muss und wird alles daran legen dir den Weg für alles nötige an Materialien freizulegen, so wie dafür, dass du dir deine Arbeitszeiten selber zurechtlegen kannst.
Für heute hast du hier erst mal nichts mehr zu suchen, Kaileigh."
Coles Augen kniffen sich kalt und mit einem stummen und verzweifelten flehen, dass ich seinem besten Freund helfen sollte, zusammen und duldeten kein Ablehnen seiner Worte.
Schon damals hatte ich die unantastbare und ehrliche, aufrichtige und tiefe Freundschaft der beiden bis ins Fleisch bewundert und genau diese Bewunderung dessen, dass ihr Band sich nicht aufgelöst zu haben schien, brachte meine letzte Kraft auf, um aufzustehen und Cole aus Mr. Chesters Büro und schließlich auch aus der Kanzlei und dem Geschäftsgebäude zu dem wartenden Taxi zu folgen und einzusteigen.

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