14. It doesn't even sound like me

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Adriano wurde ich nach dem  Abstecher ins Stardust nicht mehr los.
Tagtäglich schneite er ab da in mein Büro rein. Er kümmerte sich zu beginn darum mir auf die Nerven zu gehen und mich über meine Arbeit auszufragen.
Wie würde ich denn die Recherche in seinem Fall weiter ansetzen, wenn mir Google zu klein wurde oder wie wollte ich an ein Gerichtsverfahren kommen, wenn ich noch nicht mal seine Akte in der Hand hielt.
Nebenbei faszinierte ihn die Unordnung in meinem Büro, denn neben seinen anstrengenden Fragen, machte er es sich zur Aufgabe meine Regale und Schränke aufzuräumen.
In seinem Putzwahn fand er die Yves Saint Laurent Schuhe, die er mir zugeschickt hatte.
"Wieso hast du sie nicht zu Hause in einer goldenen Vitrine stehen? Die sind echt etwas wert." Kommentierte er provokant.
"Klar. Ich bin mir sicher, dass es meinen Verlobten freut, dass ich von einem Mafioso Schuhe geschenkt bekomme." säuselte ich am Rande meiner Nerven und lehnte mit schuldigen Gedanken gegenüber Leighton jedes weitere Gespräch mit Adriano ab, bis er von allein verschwand.
Das ging anderthalb Wochen so.
Adriano verhörte mich, wollte wissen was ich als Anwältin alles zu erledigen hatte und spielte ungefragt Zimmermädchen.
Doch vor fünf Tagen riss die Leine
Er kam auf die grandiose Idee selber Hand in seinem Fall anzulegen.
Gut gelaunt und in seinem besten maßgeschneiderten italienischen Anzug trottelte er zu mir ins Büro und verkündete mir, dass er es nach neun langen Tagen endlich geschafft habe einen alten Freund in Italien zu erreichen, der uns damit versorgen konnte, was wir brauchten um endlich an einen Durchstoß zu gelangen.
Ihm war meine Meinung dazu gleichgültig und da ich mittlerweile meine Hoffnungen an eine legale Beschaffung relevanter Dokumente aufgegeben hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als Adrianos nervige gute Arbeitslaune auf mich übergehen zu lassen.
Aus Sicherheitsgründen hatte er seinen Kontakt nur an Haylee weiter gegeben, die die erhaltenen Dateien an meinen Computer schickte.
Ich druckte sie aus und reichte sie an Adriano weiter, damit er sie auf seine Eindrücke und Wahrheiten untersuchen konnte.
Somit hatten wir in den letzten Tagen folgendes herausgefunden:
Jacopo Giulani wurde, wie es bereits in den Medien bekannt geworden war, in seinem eigenen und hoch überwachten Anwesen erschossen.
Neu kam hier dazu, dass der Schütze einiges an Entfernung zu überwinden hatte, um genau in Giulanis Kopf schießen zu können und dass es jemand sein musste, der den Code zum Eingangstor kannte.
Adriano konnte somit für sich eine Liste der Leute erstellen, die in Frage kamen.
Unlogischer weise bestand diese aus Coles Vater, Cole und ihm selber - und alle drei befanden sich zur Tatzeit nicht im Haus.
Sonst betrat und verließ niemand das Anwesen unbewacht. Die Sicherheits- und Dienstkräfte besaßen ihren eigenen Eingang, welcher nur durch hochtechnisierte Gesichtskontrolle funktionierte.
Anderer Besuch wurde strengstens überwacht und ebenfalls durch den Diensteingang zum Haus geführt.
Laut der vorläufigen Position des Schützen musste er jedoch den Haupteingang genommen haben und durch diesen wieder verschwunden sein.
Und genau da lag der Tote Winkel an dem Adriano und ich nicht weiter kamen.
Abweichend hatten wir damit begonnen die falschen Protokolle und Beweise zu untersuchen.
"Ich kann nicht glauben, dass man mich das sagen lässt. So rede ich nicht mal!" beschwerte sich Adriano und raufte seine Haare, als er über einem der Verhörungsprotokolle brütete, in denen er nach Formulierungen suchte, die ihn an irgendeine Person erinnerten, die mit seinem Vater verfeindet war.
Ich konnte mit den Dokumenten aus seiner originalen Akte nichts anfangen und seinen Übersetzungen hoffnungslos ausgeliefert.
Das einzige was ich noch für ihn tun konnte, war Haylees zugeschickte Dateien auszudrucken, die sie von Adrianos gutem Freund bekam.
"Das hört sich nicht nach mir an!" schimpfte mein Gegenüber weiter, schüttelte fassungslos gekränkt in seinem Ego den Kopf und kritzelte nebenbei mit dem Kuli in der Hand auf meiner großen Schreibtischunterlage herum.
Ich versuchte über Kopf zu erkennen was er vor sich hin zeichnete, aber konnte keine klaren Formen erkennen.
"Ich meine, Kaileigh ernsthaft! Hört sich das nach mir an?" er hielt inne, räusperte sich und begann mir frei die Worte auf seinem Papier zu übersetzen.
"Mein Alter hätte von jedem Deppen da draußen getötet werden können. Sicherlich gibt es da schon jemanden der ihn so beschissen gehasst haben muss, aber ich war es nicht, Mann! An dem Abend war ich mit meinem Bro Cole unterwegs, echt ey!"
Amüsiert darüber wie angegriffen Adriano über die gefälschten Protokolle war, verkniff ich mir ein lachen und blickte auf seine Hände, die das Papier fest umschlossen hatten.
Bei einem solchen Protokoll hätte sogar ich an seiner Unschuld geglaubt, wüsste ich nicht dass er sich gewählt ausdrückte und einen mit Fakten beleidigte und nicht mit unrespektabler Sprache.
"Ich kann nicht glauben, dass die mich echt als einen kleinen rotzigen Teenager umgeschrieben haben!"
Ich hob meinen Blick von seinen großen und maskulinen Händen und druckste.
"Das ist nicht witzig Kaileigh!" wieß Adriano mich streng zurecht, aber bei den aufgerissenen Augen und dem albern verzogenem Mund konnte ich nun nicht anders als los zu lachen.
"Im Moment klingst du tatsächlich so, Adriano." kicherte ich und ließ mich in die Lehne zurückfallen.
"Boar alter! Das stimmt doch gar nicht!" zog er im besten Teenagerton seine Stimme in die Länge und schmunzelte über seine eigenen Worte.
Und dann wurde es plötzlich ruhig im Raum, als Adriano mich aus erheiterten grün strahlenden Augen anblickte und ich mit einem Lächeln auf den Lippen seinen Blick erwiderte.
Seine schmalen Lippen verzogen sich wenige Momente später zu dem Lächeln, welches mir vor Jahren so vertraut war.
Nun erschien es mir komplett neu in seinem erwachsenen und reifem Gesicht, doch hatte es seine einnehmende Wirkung nicht verloren.
Seinen Augen und dem aufgeschlossenem, munteren Lächeln unterlegen spürte ich meine Wangen rot werden und blickte verlegen von ihm weg, bevor sich noch mehr anbahnte, das ich vielleicht nicht kontrollieren konnte.
So weit wie mich die Arbeit mit Adriano brachte, so sehr hatte ich auch Angst davor dass das alte Ich in mir auf den Gedanken kam Adriano als jemand gutes anzusehen.
Damals mochte er gut gewesen sein, doch heute bedeutete er für mich das blanke Unheil.
Leighton verkörperte für mich alles Gute und Richtige. Er würde Adriano auseinander nehmen und seinen Kopf aufgespießt vor das weiße Haus stellen, sollte er davon erfahren, dass ich mit Adriano zusammenarbeite, dass er mich zum erröten brachte, dass er der Grund war, wieso ich in den letzten Wochen einen gewissen Abstand zu ihm wahrte.
"Du solltest dich weiter darum kümmern." murmelte ich mit den Gedanken wieder in meinem Job und auf Distanz zu Adriano. Strikt deutete ich mit meinem Kinn auf das Blatt Papier in seinen eleganten Händen.
Zu oft in den letzten beiden Wochen hatten wir die dienstliche Schranke überschritten, wenn es ums Reden oder kleine Gesten ging.
Für ihn mochte dies nichts bedeuten, aber ich trug den Ring an meinem Finger nicht umsonst.
Adriano die Regeln kennen.
Er sollte mich nicht so spielerisch zum rot werden bringen, er sollte auch nicht der Grund sein, wieso ich in den letzten Wochen an meinem Arbeitsplatz mehr gelacht habe, als in der Gegenwart meiner besten Freunde und Leighton
"Wieso bist du immer so?" Adriano lehnte sich über meinen Schreibtisch und inspizierte mich prüfend.
Ich setzte mein bestes Poker Face auf und atmete durch.
"Ich bin so wie ich immer bin." entgegnete ich kühl. Adriano schien zu erkennen, dass ich meine Mauer aufgebaute und lehnte sich mit einem leisen seufzen zurück.
Meine wage Antwort war ihm deutlich genug. Für die nächsten Minuten würde zwischen uns eisiges schweigen herrschen, bevor der Teufelskreislauf von neuem begann und ich über meine Schwelle sprang.
In der entstandenen Spannung richtete ich mir meinen Dutt und zuppelte an meinem lockeren Oberteil herum, welches diesmal kein Pullover von Leighton war, sondern ein T-Shirt von mir.
Um mir nicht anmerken zu lassen, dass mir die plötzliche Ruhe näher ging, als sie sollte, zückte ich mein Handy aus der Handtasche hervor und checkte meine erhaltenen Meldungen.
Celine hatte mir eine Nachricht geschrieben, in der sie sich darüber aufregte, wieso Männer es nicht hinbekamen den Müll raus zu bringen und ob Leighton das denn meistern würde.
Von Leighton hatte ich eine entsetzte Nachricht bekommen, in der er mich fragte, wieso Celine etwas über unseren Müll wissen wollte.
Eine halbe Stunde später hatte er mir einen Pinterest-Link zu einem Partnertattoo geschickt, mit der Unterschrift, dass er sich zu diesem überreden lassen würde, wenn ich ihm mal wieder damit auf die Nerven ging sich ein Tattoo stechen zu lassen.
Ich sah mir den Pin nicht an und antwortete auch nicht.
Monty stellte mich zur Rede wieso Celine auf einmal mit der Idee anfing einen Müllplan aufzustellen.
Schmunzelnd ließ ich auch seine Nachricht unbeantwortet.
Ich war nicht in der Laune meinen besten Freunden und meinem Verlobten zu antworten, auch wenn ich sonst nie der Mensch gewesen bin, der nicht zurückschrieb.
Adriano hockte wieder konzentriert über seinen Unterlagen und fluchte leise auf italienisch vor sich hin.
Beim überfliegen der Schriften, die sich vor ihm auftürmten, bewegte er seine geschwungenen Lippen beim lesen lautlos mit.
Etwas was mir bereits damals an ihm aufgefallen ist, was ich auch damals wirklich niedlich an ihm fand und von dem ich gedacht hatte, dass dies eigentlich nur Grundschulkinder machten, wenn sie lesen lernten.
Niedlich?
Ich ertappte mich dabei wie ich Adriano beim lesen beobachtete und seine kleine Macke niedlich fand?
Schnell stoppte ich mich im denken und verstaute das Handy in meiner Handtasche.
Um mich nicht weiter von Adrianos Lesemethode ablenken zu lassen, checkte ich ob Haylee mir weitere Dateien geschickt hatte, die ich für Adriano ausdrucken sollte, doch nichts.
Zeitvergeudend scrollte ich durch die neusten Google-Schlagzeilen und las, wie ein amerikanischer Einwanderer wieder in sein Heimatland zurück musste, weil sein Visum auslief.
Schneller als ich dann denken konnte, rutschte mir meine Frage laut aus dem Mund.
"Wie schaffst du es eigentlich in Amerika zu bleiben ohne verhaftet und wieder nach Italen geschleppt zu werden?"
Löcherte ich Adriano und fuhr mit meinen Augen zu ihm.
"Hab meine Mittelchen." brummte er ohne zu mir zu schauen und las mit tonlosen Lippenbewegungen weiter.
"Was für Mittel?" plötzlich sehr interessiert davon zu erfahren wie ein angeblicher Mörder sich auf freiem Fuß in einem anderen Land aufhielt, hatte ich die Meldungen auf meinem Bildschirm vergessen.
Adriano lachte auf und hob schließlich den Kopf.
"Mittel die deine Vorstellungskraft weit übersteigen." säuselte er beiläufig und klickte mit dem Kuli in seiner Hand.
"Jetzt hast du mein Interesse nur noch mehr geweckt."
Ich verengte meine Augen neugierig und lehnte mich zu ihm nach vorn.
Adriano warf den Kuli in die Luft, ließ ihn im Flug drehen und so fallen, dass er ihn genau vor meinen Augen fing.
Zucken tat ich nicht, zu sehr war ich darauf fixiert sein offensichtlich illegales Geheimnis zu erfahren.
"Komisch. Ich habe das Gefühl, dass ich dein Interesse nicht wecken sollte."
Dramatisch zog Adriano seine Augenbrauen hoch und verlieh seiner These eine so vielseitige Bedeutung, dass ich mich vor den Kopf gestoßen fühlte.
Drängend ignorierte ich das warme und grenzenlos falsche Flattern in meinem Magen und lachte sprachlos auf.
"Du hast mein Interesse ganz bestimmt nicht geweckt." spie ich aus.
"Ich will nur wissen auf welche weiteren Anklagepunkte, neben angeblichem Mord und schwerer Körperverletzung, ich mich noch vorbereiten muss, sollte es zu einer Verhandlung kommen."
Jetzt lehnte sich Adriano zu mir und verschränkte die Arme an der Tischkante.
Binnen Sekunden war er mir so nahe, dass sich unsere Nasenspitzen beinahe berührten und ich seinen Atem spürte.
Ich hielt die Luft an und entgegnete seinem plötzlichen geheimniskrämerischem Blick.
Seine unterschiedlich vollen Lippen verzogen sich zu einem teuflischem einseitigen Lächeln, als würde er wissen dass sein Gesichtsausdruck dazu beitrug mir das Atmen nicht einfacher zu machen.
"Erpressung." begann Adriano aufzulisten, hielt dabei seine tiefe Stimme in einem leisen flüstern. „Versuchte Morde" Er nahm seine grellen grünen Augen nicht von meinen und fuhr sich mit dem Daumen über die Kehle. „Verführen junger unschuldiger Sekretärinnen, damit sie mir meine Ausreisepapiere unterzeichnen."
Spielerisch griff er nach einer aus meinem Dutt gefallenen Strähnen und drehte sie zwischen Daumen und Zeigefinger.
In mir zog sich alles zusammen und da ich die Luft anhielt wurde diese in meiner Lunge nicht mehr.
"Ich glaube dafür sind mir die Frauen nicht mal wütend." Adriano steckte mir die Strähne hinter mein Ohr.
"Und vermutlich wird mir dass auch nur von ihrem Vorgesetzten als Straftat angerechnet, wenn sie es denn nachweisen können."
Schelmisch neigte Adriano den Kopf, nahm mich mit seinen grünen Augen gefangen.
Ich hätte nicht nach seinen Vergehen fragen dürfen, es hätte mir am Arsch vorbei gehen müssen, denn meine einfache Frage hatte genau zu einer dieser Situationen geführt, vor denen es mir graute, seit Adriano es sich zur Aufgabe gemacht hatte meinen Arbeitsalltag durcheinander zu bringen.
Er kam mir zu Nahe, erinnerte mich daran, dass er dem Ring an meiner Hand nicht die Beachtung schenkte, die er verdiente.
"Ich hätte nicht fragen sollen. Jetzt bin ich Verstört und hege Mitleid für die Frauen, die du für deine Zwecke missbraucht hast." Mit meinen schnippischen Worten stieß ich die Luft langsam aus, aber bekam es nicht durch meinem Oberkörper zu verodnen, dass er sich wieder zurück lehnen sollte.
Heiser lachte Adriano. „Oh sie haben es ganz sicherlich nicht als Missbrauch verstanden. Es hat ihnen Spaß gemacht. Sehr viel Spaß sogar."
Raunte er mir zu, grinste schelmisch.
Ich biss die Zähne zusammen und wollte mich nur noch retten.
Viel zu leicht hatte Adriano es geschafft mich innerlich aufzuwühlen und rot werden zu lassen.
Mein Herz bebte, meine Beine zitterten und ich wollte dies nicht.
Das war genau das was er wollte, redete ich mir ein.
In den letzten Tagen hatte Adriano mich mit solch kleinen Dingen immer wieder aus der Fassung gebracht.
Waren es irgendwelche unangebrachten zweideutigen Kommentare, oder Blicke die er mir zuwarf und die ich nicht deuten konnte und wollte.
Anscheinend und erneut zurückblickend, brachten diese mich auch aus meinem Konzept, doch nicht so sehr, dass wir beinahe Gesicht an Gesicht über meinem Schreibtisch lehnten.
Das sollte nicht passieren und dennoch unternahm ich nichts dagegen.
Leighton würde mir hierfür den Arsch aufreißen und Adriano ganz besonders.
Eigentlich würde er jedem Mann den Arsch aufreißen, der sich mir auf zwei Meter nährte und auch nur einen Blick auflegte, der in einem Flirtversuch münden könnte.
In Eifersucht hatte Leighton sich keinen Schritt gebessert.
Den einzigen Mann den er an mich heran ließ war Monty, da dieser bereits bestens belehrt wurde, was eintrat, sollte er mir auch nur einen Mikrometer zu nahe kommen.
Seit ich mit Leighton zusammen war, also eine lange Weile, da hatte es auch kaum einer versucht an mich heran zu kommen und wenn, dann war er schnell genug da um seinen Konkurrenten weg zu scheuchen.
Doch nun hatte ich keinen Leighton, der mir aus der Patsche half.
Irgendwie wollte ich mir nicht mal selber aus der Tinte helfen.
Ein Teil in mir genoss es, dass Adriano versuchte mich an der Nase herumzuführen, dass er mich so leicht ablenken und mich von meinem Pfad abbrachte.
Der andere Part hasste genau dies und schrie mich an mich wieder von ihm weg zu lehnen.
Diese Gebete wurden wenige Sekunden später erhört, zwar nicht durch mich, aber durch meine Assistentin Haylee, die ohne Furcht vor nichts meine Bürotür aufzog und rein stürmte.
Adriano und ich schreckten auseinander und lehnten uns, so als hätten wir uns nicht gegenseitig angestarrt, wieder in unsere Sitzgelegenheiten zurück.
Etwas belämmert huschten Haylees Augen zwischen Adriano und mir hin und her, doch schließlich richtete sie ihre Brille und machte ihren Mund auf.
Anscheinend wusste sie nicht was sie sagen wollte und klappte ihn wieder zu.
Kurz überlegte sie.
Adriano schmunzelte über das verwirrte Verhalten.
Ich hasste ihn dafür, dass er uns in diese Situation gebracht hatte und Haylee komplett neben der Spur drehte.
"Was gibt es, Haylee?" forderte ich sie nach wenigen Sekunden auf mit der Sprache ihres plötzlichen einschneien herauszurücken.
"Ich... ich hab von Domenico etwas zugeschickt bekommen, dass ihr euch unbedingt ansehen solltet." stammelte sie und mied es mir oder meinem Gegenüber in die Augen zu sehen.
Ich war mir sicher, dass ihr junges Hirn wieder mehr in das hineininterpretierte, als es sollte.
"Hast du es Kaileigh schon geschickt?" harkte Adriano in einem neutralen Ton nach, wider dem den er eben vor mir hatte walten lassen.
Hastig nickte meine Assistentin mit dem Kopf.
"Gerade eben, ich wollte nur dass Sie Bescheid wissen." blubberte Haylee an ihre Schuhe.
"Habe ich Sie gestört?" wollte sie mit rosa Wangen wissen.
Adriano setzte mit einem unverschämten Lächeln zu einem dummen Spruch an, den ich ihm aus dem Mund nahm, bevor er auch nur einen Buchstaben davon hervorbrachte.
"Nein hast du nicht." lächelte ich zu gestellt.
"Tut mir leid, dass ich einfach rein geplatzt bin. Aber es war wirklich wichtig." nuschelte Haylee und huschte auf schnellen Schritten wieder aus meinem Büro.
"Jetzt hast du meine Assistentin verstört." kommentierte ich kühl, als Haylee die Tür geschlossen hatte.
"Verstört? Du hast dich doch als erste vor gelehnt. Ich hab mich deiner nur angeschlossen weil du so verdammt neugierig warst." legte er sich zurecht.
Ich lachte auf und öffnete meine E-Mail.
Tatsächlich hatte ich eine brandneue E-Mail von Haylee bekommen.
"Du hast dich doch so Nahe zu mir gelehnt." entgegnete ich Adriano neben bei.
"Und?" harkte er sorgenlos nach. „Vor was hast du angst?" setzte er nach.
"Wir sind erwachsen, dürfen wir keine erwachsenen Witze machen?" war es für ihn eine Selbstverständlichkeit meinen Verstand ins wanken zu bringen.
"Ich bin verlobt."
Naserümpfend lud ich Haylees gesendete Datei auf den Computer.
"Ich weiß." Adriano zuckte mit den Schultern.
"Das Stück Edelmetall an deinem Finger zwingt dich aber nicht dazu prüde und keusch mit anderen Männern zu reden, es ist lediglich eine Erinnerung daran es als Mann in deiner Nähe nicht zu weit zu treiben." beschrieb Adriano seine Auffassung einer Verlobten Frau.
"Dann gehen unsere Ansichten ganz weit auseinander." konterte ich und suchte die Videodatei in meinen Ordnern.
"Was sind denn deine Ansichten einer Verlobten?" forschte Adriano interessiert nach.
Ich stutzte einen Moment.
Mit einer solchen Frage hätte ich rechnen sollen, aber dennoch traf sie mich.
"Was weiß ich. Ich habe bei meiner Verlobung kein Regelbuch in die Hand gedrückt bekommen." wetterte ich und hatte den Order mit allen bisherigen Datein zu Adrianos Fall gefunden.
"Du verhältst dich aber so, als hättest du es." warf er mir frech vor.
Ich plüsterte mich auf und wollte ihm einen Vortrag halten, doch er fiel mir ins Wort.
"Kaileigh, ich bitte dich. Ich kenne verlobte Frauen, die nüchtern halbnackt mit fremden Männern auf dem Tisch tanzen. Ich kenne verlobte Frauen, die trotz Bindung den Spaß ihres Lebens haben." legte Adriano mir ans Herz.
"Willst du mir damit vorwerfen, dass ich keinen Spaß an meinem Leben habe?" las ich aus seinen Worten und blickte ihn pikiert an.
Adriano lachte und schüttelte den Kopf.
"Du willst es anscheinend nicht verstehen." murmelte er.
"Ich rede doch nur davon, dass dich ein Verlobungsring nicht davon abhält zu bleiben wer du bist.
Denn genau dass ist das Gefährliche an einer Ehe. Man vergisst wer man ist, da man ja meint den einen gefunden zu haben, bei dem man denkt, dass er einen immer an sein eigenes Sein erinnert."
Jetzt wollte er mir auch noch die Ehe ausreden?!
Doch seine Worte hatten einen interessanten Beigeschmack.
"Über wenige Jahre verändert man sich dann so sehr, dass man sich gegenseitig nicht mehr ertragen kann.
Aus einer friedlichen Ehe wird eine problematische, da beide Parteien ihre Probleme verschweigen und Fehler begehen, die letztendlich zu einer Scheidung führen." Adriano klang, als hätte er einen Beziehungsratgeber verschluckt, jedoch wusste ich dass seine Worte nicht von irgendwo hergeholt waren.
Leightons Eltern gingen genau auf dieser Basis auseinander. Seine Eltern hatten sich Fehler erlaubt, diese verheimlicht und bezahlten dafür nach Jahren des Schweigens.
"Wie auch immer." schob ich zu beiläufig vom Tisch und drehte meinen Bildschirm so, dass Adriano von dem Video, welches ich öffnen wollte, auch etwas erkennen konnte.
"Wir haben uns mit wichtigerem auseinander zusetzen." tat ich ab.
Adriano zog eine Augenbraue hoch.
"Vor wenigen Minuten war es dir noch wichtig meine Verbrechen zu wissen und eben war es deine Verlobung." merkte er sarkastisch an.
Ich rollte stumm mit den Augen und startete das Video, welches Haylee mir hatte zukommen lassen und welches so interessant sein sollte, dass Adriano und ich es sofort sehen mussten.
Die Aufnahme wurde durch eine Überwachungskamera in einem Parkhaus getätigt, welches auf den ersten Blick von wenigen teuren Karosserien gefüllt wurde, der Rest der Plätze stand leer.
"Das ist das Parkhaus unter dem Firmengebäude meines Vaters." erkannte Adriano nach wenigen Sekunden und ohne mit der Wimper zu zucken.
"Da steht sein weißer Levante, das Kennzeichen kenne ich und auf dem Deck hat er immer geparkt." konkretisierte er mir.
"Halte das Video an!" wies Adriano mich plötzlich streng an.
Ich zuckte sofort und tippte auf die Leertaste. Stumm hinterfragte ich die eigentliche Ernsthaftigkeit des Berufsnamens Anwalt.
"Such dir was zum schreiben heraus." beorderte Adriano mich angespannt weiter.
Überrascht von der Spannung in seinem Gesicht reagierte ich auf seine Worte und griff nach einem Notizzettel und dem Kuli, den er vorhin in den Händen hatte.
"Ich diktiere dir jetzt jedes der Kennzeichen was zu sehen ist und du schreibst sie auf." erklärte Adriano mir seinen Plan.
Ich beugte mich zum Bildschirm und zählte eilig die Wagen, die auf dem Ausschnitt des Parkhauses zu sehen waren. Es waren genau fünf, das von seinem Vater bereits einbegriffen, also vier.
"Du weißt doch nicht mal ob..." Adriano drehte ruckartig seinen Kopf in meine Richtung und blickte mich an, als wäre ich der Mörder seines Vaters.
"Notiere dir einfach die beschissenen Kennzeichen, Kaileigh!" fuhr er mich herrisch an und kniff die Augen zusammen.
"Davor sollte ich dich vielleicht daran erinnern, dass ich nicht einer deiner Mafiasklaven bin, mit denen du so umspringen kannst." erinnerte ich ihn durch zusammengebissene Zähne.
Adrianos Züge entspannten sich und sein kühler Blick löste sich auf, wurde wieder menschlich und warm.
"Selbstverständlich. Es tut mir Leid Kaileigh. Ich weiß nicht was mit mir durchgegangen ist." entschuldigte er sich sofort und griff versöhnend nach meiner Hand.
Ich sog die Luft ein, wehrte seine vorsichtige Geste aber nicht ab.
"Ich glaube... ich glaube du hast einfach nur Angst vor dem was du vielleicht sehen wirst." stammelte ich durch seine plötzliche Stimmungsschwankung und die Wärme seiner Hand auf meiner.
Sanft drückte er meine Hand und nickte. „Das ist es bestimmt." murmelte er.
"Vielleicht sind die Kennzeichen auch nicht mal wichtig. Wer auch immer meinem Vater an den Kragen wollte, war hinter seinem Geld her und solche Wagenhalter haben es sicherlich nicht nötig für so etwas zu morden." flüsterte Adriano mit seinen Gedanken ganz wo anders.
Ich erwischte mich dabei wie ich nun tröstend seine Hand drückte, aber dann etwas zu eilig meine Hand aus seiner zog, als mir die Vertrautheit dieser Geste in den Kopf stieg.
"Drück auf Play, bitte." bat Adriano mich nun höflich in einem ruhigen Ton.
Ich reagierte auf seine Worte und drückte erneut die Leertaste.
Die Überwachungsaufnahme spielte weiter und aus dem Wagen, den Adriano als den seines Vaters erkannte, stieg ein Mann aus, dessen Züge ich bereits kannte.
Es war, wie sollte es auch anders sein, Jacopo Giulani höchstpersönlich.
Adriano spannte sich an und hing förmlich an den Bildern die vor ihm abliefen.
Stumm formten seine Lippen ein Wort. 'Papà'
Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlte ein Elternteil zu verlieren und ich wollte es auch nicht.
Doch als wäre dies nicht genug, hatte Adriano bereits schon seine Mutter und seine Schwester einbüßen müssen. Nun gab es nur noch ihn.
"Soll ich es mir allein anschauen?" ich drückte wieder auf Stopp, als Adriano mir in seinem natürlich gebräunten Teint eine Nuance zur hell wurde.
"Nein." lehnte er mit einem Wort ab und griff an mir vorbei nach der Maus, um das Video wieder zu starten.
Wenige Momente nachdem Adrianos Vater aus dem Wagen ausgestiegen ist, wechselte der Winkel der Kamera zu einer anderen Ecke des selben Decks.
Jacopo lief in lockeren und unbekümmerten Schritten zur Richtung der nun sichtbaren Tür, doch bevor er diese öffnete, stürmten aus dem Nichts zwei kräftig gebaute Männer auf ihn zu und drängten ihn an die Wand.
Adriano, den ich die ganze Zeit mit im Auge behielt, blinzelte einen Augenblick zu lange und atmete dann tief durch.
Auf dem Computer sah man nun, wie Giulani von den beiden Männern deutlich bedroht wurde, doch da die Aufnahme stumm war, konnte man logischerweise nichts hören.
Der rechte der beiden zog eine Waffe aus seiner dunklen Jacke und drückte sie Jacopo gegen die Schläfe.
"Mein Vater hatte keinen Dreck am stecken, das hätte ich gewusst." grübelte Adriano und stoppte von selbst.
"Was?" harkte ich nach.
"Die Waffe an der Schläffe. Das ist keine Morddrohung, das ist eine Warnung, dass es in geraumer Zeit zu einer werden könnte. Hätten sie ihn umbringen wollen, säße die Mündung zwischen seinen Augen.
So werden normalerweise die Glieder eines Clans bedroht, die du so liebevoll Mafiasklaven genannt hast." bemerkte Adriano nebenbei und ließ die Aufnahme wieder laufen.
Über die ganze folgende Minute, in der die beiden Männer den Mafiaboss bedrohten und ihm die Pistole an den Kopf hielten, rührte Jacopo Giulani nicht eine Miene, so als hätte er nichts zu befürchten, als hätte er nichts falsch gemacht.
Dann ganz plötzlich sprang die Kamera wieder zu einem anderen Winkel um von dem man aus keinen der drei mehr sah, womit die Aufnahme auch ihr Ende fand.
"An den Tag kann ich mich erinnern." flüsterte Adriano wie gerädert.
"Er hat mich gebeten unsere Sicherheitsvorkehrungen verstärken zu lassen. Eine Woche später hat man Papà tot aufgefunden."
Wieder blinzelte Adriano länger als normal und drehte seinen Blick von mir weg.
"Ist dir etwas an seinem Verhalten aufgefallen? War er ruhiger als sonst, gereizt?" trampelte ich untaktvoll auf seiner Trauer herum.
Adriano schüttelte den Kopf.
"Er war vielleicht länger in seinem Hausbüro als sonst, seltener in dem seines Firmensitzes, aber das passierte mal. Das war nichts ungewöhnliches.
Beim Abendessen hat er auch immer wie normal mit mir geredet." zog Adriano sich ins Gedächtnis zurück und wischte sich etwas zu hastig und somit zu auffällig, über seine Augen.
Ich griff nach meiner Taschentücherbox auf dem Schreibtisch und reichte sie ihm.
Er nahm sich eins und wischte die Tränen weg, die aus seinen Augen über seine markanten Wangenknochen rannen.
"Ich kann das grade nicht." Adriano schob sich auf seinem Stuhl zurück und stand auf.
"Ich muss hier raus, ich brauche frische Luft." hastig sah er sich nach einem Ausweg aus meinem Büro um, als stand er mitten in einem unendlichen Labyrinth, dabei befand sich meine Tür genau vor seiner Nase.
Doch ich konnte mir nicht ausmalen was in ihm vorging und versuchte ganz ruhig zu bleiben.
"Dann gehen wir an die frische Luft. Adriano, bleib ruhig." redete ich auf ihn ein, drehte meinen Computer zurück und schaltete ihn aus.
Er raufte sich die Haare und blickte auf den Boden.
Adriano hatte nach, für ihn bestimmt quälend langen Wochen, seinen Vater wieder gesehen, auf einem Überwachungsband, dass zeigte wie er mit einer Schusswaffe an seinem Kopf bedroht wurde.
Eine Woche später wurde er tot in seinem eigenen Haus aufgefunden.
Das emotionalle Chaos in Adriano wollte ich im Leben nicht spüren.
"In der Nähe von hier ist die Nation Mall, das ist ein Park, da sind wir in fünf Minuten, dann können wir ein wenig spazieren gehen, wenn du möchtest."
Ich wusste, dass ich mich vollends bescheuert anhören musste, wenn ich mit einem Mann wie Adriano sprach, als wäre er ein kleines ängstliches Kind.
Doch so hatte ich es in dem psychologischen Ast meiner Ausbildung an der Law School gelernt.
Wenn man selbst nicht wusste, wie einem Klienten im nächstem Moment sein würde, solle man die Sprache ganz einfach halten, um ihn nicht noch mehr zu verunsichern oder zu ängstigen.
"Raus hier." hauchte Adriano und sah mich hilfesuchend an.
So emotional und kurz vor einem innerlichen Kollaps, so hatte ich ihn nie erlebt.
Ich wusste, dass sich hinter der provokanten und charmanten Fassade ein verletzlicher und sanfter Kern verstecke, den er mir jedoch noch nie so gezeigt hatte, auch wenn ich ihn schon hatte weinen sehen.
Ich stand auf und huschte um meinen Schreibtisch herum zum Kleiderständer an der Tür, um Adriano sein zum Anzug passendes Jackett auszuhändigen.
Meine Jacke hatte ich in meinem Wagen liegen gelassen.
Draußen war es warm und ich brauchte sie deshalb nicht.
Wider seiner Manier hielt ich Adriano, der sich im Gehen sein Jackett überzog, die Tür auf und begleitete ihn in den Vorraum zu Haylee, die sofort besorgt zu uns blickte.
"Haylee."
Adriano Wandte sich an sie und sofort saß sie gerade in ihrem Stuhl.
"Schreibe Domenico eine E-Mail, er soll herausfinden wer die beiden Männer aus dem Video sind."
Wies er ihr mit zitternder Stimme an.
"Mache ich sofort!" Bestätigte Haylee und klickte auf ihrer Maus herum.
"Adriano und ich gehen frische Luft schnappen. Solltest du noch irgendetwas wichtiges zugeschickt bekommen, sende es einfach an meinen Computer weiter." befiehl ich ihr.
Wieder nickte sie, doch harkte nicht nach wieso wir plötzlich das Weite suchten.
Vielleicht konnte sie es sich denken, vielleicht war es ihr auch egal, doch als so kalt konnte ich meine Assistentin nicht einschätzen.

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