3. He will learn how to swim with sharks

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„Ms. Beaufort, zum tausendsten mal: auf Ihrem Plan steht heute nicht die Gerichtsverhandlung von Sophie Caht!"
Ich sah meinen Boss an, wie gegen die Wand gelaufen, als ich versuchte ihm mit Händen und Füßen zu erklären, dass ich heute um zehn eine verdammte Verhandlung festgesetzt hatte.
"Die steht fest!" Ich war doch nicht Blöd! Meinen Terminplan konnte ich hoch und runter beten!
Mr. Chester wollte mich auf den Arm nehmen!
"Die haben Sie nicht. Heute kümmern sie sich um ihr Büro."
Mit einem lauten schnauben warf ich die Hände in die Luft und drehte mich zu meiner Assistentin Haylee.
"Haylee, sag Mr. Chester, dass ich heute um zehn in der Verhandlung vom Fall Sophie Caht eingesetzt bin!" befahl ich ihr knapp an meinem innerlichen Zusammenbruch.
Seit ich den ersten Fuß vor wenigen Minuten in die Kanzlei gesetzt hatte, fing Mr. Chester mich in dem Vorraum zu meinem Büro ab, um mich daran zu erinnern, dass ich heute dran war für die Mittagspause Pizza zu bestellen.
Da wurde ich stutzig, denn gegen Mittag wäre ich nicht mehr im Haus, da säße ich im Gericht.
Daran erinnerte ich ihn und dann brach diese schweißtreibende Diskussion darüber aus, dass er von dieser Verhandlung nie etwas gehört hatte. Dabei hatte er sie mir am Mittwoch noch bestätigt.
Ich konnte mich sogar an jedes einzelne Wort erinnern!
"Ähm... also Ms. Beaufort bei mir ist hier nichts mehr eingetragen." stammelte Haylee verdattert.
Ich blinzelte und stapfte um ihren Schreibtisch herum um selber in meinen Terminkalender zu schauen. Tatsächlich stand auf ihrem Monitor nichts.
Da war kein Eintrag für meine Rolle als Anwältin in Aktion.
Es stand nur in Großbuchstaben BÜROTAG über meinen ganzen Freitag.
"Das ist jetzt wohl ein schlechter Witz! Ich werde nicht an meinem letzten Arbeitstag vor meinem Urlaub meine Zeit im Büro vergeuden, wenn ich weiß, dass ich zu einer Verhandlung muss, der ich ganz sicherlich zugestimmt habe und Sie auch!" ich deutete mit meinem Zeigefinger auf meinen Boss und wusste nicht ob ich lachen oder weinen sollte.
Haylee und Mr. Chester warfen sich erstaunte Blicke für mein Theater zu.
Ich zuppelte an meinem alten Band T-Shirt, welches ich Leighton abgezogen hatte
und verschränkte meine Arme vor der Brust.
Das sah mein Boss als weiteren Angreifspunkt.
"Ms. Beaufort. Mit einem Metallica Oberteil können Sie außerdem nicht in ein Gericht. Die schmeißen Sie sofort wieder raus. Sie sind in diesem Outfit gezwungen hier zu bleiben." wollte er mir weiß machen.
Alle in der Kanzlei, sogar Mr. Chester wussten, dass ich nicht viel davon hielt den ganzen Tag in einer Anwaltskluft herum zu stöckeln, weshalb ich meinen üblichen schwarzen, förmlichen Jumpsuit immer in meinem Büro hängen hatte.
Wenn mir überhaupt nicht nach Röhrenhose und feiner Kleidung war, marschierte ich auch gern in Leggings und einen viel zu großen Pullover von Leighton hier ein.
"Mr. Chester, ich glaube das bringt Ihnen keine Zusatzpunkte." flüsterte meine Assistentin meinem Boss zu und lächelte unbehaglich.
"Kaileigh, ich weiß nicht, ob es die Situation rettet, aber die Verhandlung wurde umgetagt und fällt nicht komplett aus. Sie findet statt, aber nach Ihrem Urlaub." ließ sie die Bombe platzen und richtete sich ihre Harry Potter Brille.
"Wer hat meine Verhandlung verschoben? Wieso ist sie nicht mehr heute?! Mr. Chester sie haben mir und Sophies Mutter den Termin abgesichert!"
Mr. Chester stand so kurz vor einem Nervenzusammenbruch, genauso wie ich, aber er wusste, dass ich eine der temperamentvollsten Anwältinnen war, die seine Kanzlei zu bieten hatte und ich wusste, dass er mich für diese Szene nicht kicken würde und, dass hier irgendetwas nicht mit Rechten Dingen zuging.
Vor zwei Tagen gab er mir den Startschuss für die Verhandlung um Sophies schrecklichen Vorfall und nun tat er so, als wüsste er von nichts! Etwas musste dahinter stecken!
"Wenn ich Ihnen das verrate, Kaileigh, werden sie keinen weiteren Aufstand mehr machen und sich um Ihre Arbeit kümmern, haben Sie mich verstanden?"
Mein Boss hob seinen in einem maßgeschneiderten Anzug gehüllten Arm und führte seine Hand an die Stirn.
Ich wurde Kleinlaut. Jemand hatte sich Mühe gegeben einen kompletten Gerichtstermin zu kippen, bei dem sich nicht nur ein paar Anwälte belagerten, sondern ein Richter und Geschworene anwesend waren?
Wieso sollte sich überhaupt jemand die Mühe machen mich von meinem Job abzuhalten?
Ich hatte keine Konkurrenten und mit niemandem in Mr. Chesters Kanzlei hatte ich ein persönliches Problem.
"Ich habe gestern Abend einen Anruf von ihrem Lebensgefährten bekommen." Rückte Mr. Chester schweren Herzens mit der Wahrheit raus.
"Er hat mir verraten, dass Sie beide in den Urlaub fliegen und mich gebeten, aufgrund Komplikationen im letzten Jahr, alle heute anstehenden Termine außerhalb des Gebäudes abzusagen.
So wie er sich angehört hat, schien es mir nicht so, dass Sie davon nichts wussten, also habe ich Ihre Assistentin gebeten Ihren Plan heute zu ändern und die Verhandlung kurzfristig zu verschieben." beichtete mein Boss mir seufzend und verzog die Lippen zu einem amüsierten und faltigen Lächeln.
Mir entgleisten die Gesichtszüge. Leighton steckte hinter allem...
Das erklärte, wieso gestern Abend nach der Website der Kanzlei gefragt und sich dann im Schlafzimmer verzog.
Dem würde ich auf Hawaii definitiv beibringen mit Haien zu schwimmen, während ich ihn von einem sicheren Boot aus um sein Leben bangen sah.
Was fiel ihm eigentlich ein, sich in meinen Arbeitsplan zu mischen?
Wegen ihm musste ich jetzt mein Büro aufräumen und alte Akten sortieren oder aussortieren und Berichte schreiben und den Mist tun, denn ich an meinem geliebten Job hasste!
"Seien Sie ihm nicht Böse, Ms. Beaufort. Ihr Freund meint es doch nur gut. Meine Frau hätte dies genau so gemacht, wenn Sie das vielleicht tröstet." Das tröstete mich nicht, sondern streute noch mehr Salz in die Wunde.
"Nun da Sie wissen, wer die Schuld daran trägt, dass Sie heute bei uns bleiben, machen Sie sich doch bitte endlich an die Arbeit und vergessen Sie nicht die Pizzarunde zu organisieren."
Würgte mich Mr. Chester mit seiner rauchigen Stimme und seinem unüblichen freundlichen Charme als Boss einer Kanzlei ab.
Er wünschte uns noch viel Spaß im Büro, mir einen tollen Urlaub. Schließlich ließ er mich mit Haylee allein in dem Vorraum zu meinem Büro, um auf dem Gang seine übliche Morgenrunde fortzusetzen.
"Dieser verdammte Mistkerl." fluchte ich und schmiss die Tür, durch die Mein Chef eben verschwunden ist, zu.
"Ihr Freund oder Mr. Chester?" fragte Haylee mich bestürzt.
Ich lachte spöttisch auf. „Beide!"
"Ich würde für einen Mann sterben, der sichergehen will, dass es pünktlich in den Urlaub geht und ich nicht zu spät komme." schwärmte Haylee in ihrer zwanzigjährigen und verzweifelten Motivation für das finden der großen Liebe.
"Das würdest du anders sehen, wenn du in meiner Haut steckst." murmelte ich und kramte den Poststapel auf ihrem Schreibtisch durch, der für mich bestimmt war.
Viel besonderes gab es auf den ersten Blick aber nicht.
Unter den Briefen befanden sich Dankesbriefe von alten Klienten, Gutscheine für Bürobedarf und ein Pizzaprospekt, der mir heute noch nützlich werden wird.
"Ganz nebenbei, Kaileigh, haben Sie das von dem Mord an Jacopo Giulani gehört?"
Haylee versuchte mich von meinem Berg aus Aufgebrachtheit zu ziehen.
Das versuchte sie immer so, wenn ich mich vorher künstlich über etwas aufgeregt hatte, um mich davon abzulenken, dass ich das Verlangen hatte meinen Boss oder jeweilige andere Personen umzubringen.
Sie fing an mir Fragen über aktuelle Nachrichten zu stellen.
"Ja das habe ich." frustriert klatschte ich die Briefe wieder auf den Tisch und suchte mir den Pizzapropekt heraus.
"Was denken Sie, wer ihn umgebracht hat? Ich habe heute Morgen schon mit Taylor darüber geredet und wir beide vermuten, dass sein Sohn dahinter steht." redete sie von dem Tod des Mafiabosses, als wäre es die Suche nach dem Mörder in CSI Miami oder NAVI CIS.
Als Mitarbeiterin einer Kanzlei müsste ihr und meinem Kollegen Taylor eigentlich bewusst sein, dass man über solche fatalen Morde keine losen und von Grund auf falschen Vermutungen aufstellte.
"Bullshit." grummelte ich und seufzte. „Adriano Giulani hätte seinen Vater niemals umgebracht. Er hat ihn geliebt und ihn unterstützt." berichtigte ich.
Haylee riss die Augen auf und formte mit ihren kleinen Lippen ein stummes „Oh." bevor sie mich fragte, wie ich mir da so sicher sein konnte und woher ich das wissen wolle.
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nunmal." klang ich angepisster in meinem Ton, als ich es wollte.
Ich schnaubte, entschuldigte mich bei Haylee für meinen Laune.  Aufgebracht stürmte ich dann mit dem Prospekt in der Hand ins Büro, dass mich heute den ganzen beschissenen Tag für sich allein hatte, dank meiner wunderbaren ach so engelsgleichen besseren Hälfte Leighton.

DeadendWo Geschichten leben. Entdecke jetzt