Yoongis point of view
Wenn ich von Schlaf redete, meinte ich damit nicht das, was Menschen darunter verstanden, doch das wusste Taehyung nicht. Es war mehr als würde ich im Koma liegen, aber ich konnte mein Umfeld deutlich wahrnehmen. Sobald ich aber vollständig geheilt war oder ich auch nur den kleinsten Tropfen Blut roch, wurde ich wach. Das war der Unterschied zur Bewusstlosigkeit, da musste ich es in irgendeiner Weise zu mir nehmen.
Ich hörte alles, was in dieser Wohnung passierte. Wie Taehyungs Handy klingelte, wie er aufstand und wie er aufgrund der kühlen Temperatur unwissend einen meiner Pullis aus dem Schrank zog. Es gab nichts, was ich nicht wahrnahm.
Deswegen war ich auch so verwundert über diese riesige Welle an Wut, die Seokjin mit sich brachte, wo er sich doch so nervös am Telefon verhielt. Obwohl er schon immer eine Menge negativer Gefühle in sich trug, sobald ich irgendwie involviert war, das hier war neu. Mir war es grundsätzlich egal ob er mich mochte oder nicht, ich wollte mich nur nicht mit einen von Taehyungs Freunden streiten, aber die Wahrheit hinter seines Hasses gegen mich kam schnell ans Licht.
Er wusste, was ich war. Auch das interessierte mich nicht, dass wirklich interessante war Taes Reaktion. Vielleicht wusste er, dass Seokjin recht hatte, wenn er nur tief genug in sich gehen würde. Ich war eine Gefahr und wahrscheinlich auch der schlechteste Umgang für ihn, den man überhaupt finden konnte. Trotzdem verteidigte er mich, er stellte etwas wie mich über eine jahrelange Freundschaft.
Einerseits machte mich das unheimlich glücklich und stolz, andererseits wollte ich nicht der Grund sein, dass seine Freunde, nein, seine Familie sich von ihm distanzierte. Ich wusste, wie viel er ihm bedeutete, und trotzdem hielt er zu mir. Weil er in mir nicht das sah, was ich und jeder normal Denkende sah. Dafür war ich ihm so unfassbar dankbar, dass ich ihm all mein Vertrauen schenkte und auf seinen Rat hörte. Einfach den Moment genießen. Mit ihm war das tatsächlich möglich.
Irgendwann hörte ich Seokjin behaupten, dass ich mit Taehyung nur spielen würde. Innerlich lachte ich über diesen dämlichen Kommentar, aber als ich genauer auf Taes Antwort achtete, fiel mir etwas auf. Ein winziges Detail, wahrscheinlich fiel es ihm nicht einmal selber auf.
Zweifel.
Zwischen seiner brennenden Wut und seinem gebrochenen Herzen hörte ich Zweifel. Sobald ich wieder bei Kräften war, würde ich ihm klar machen, dass er das nicht musste. Ich mochte zwar böse sein und verdammt ja, ich hatte bereits mit den Gefühlen anderer gespielt, aber das wäre schon weit unter der Gürtellinie. So weit würde ich es nie treiben, vor allem nicht bei ihm.
Im nächsten Moment hörte ich nur das klappen eines Messers. Mir war zwar schon seit Anfang an klar, dass Seokjin den Leichtsinn förmlich verkörperte, aber das war Selbstmord. Zum Glück wusste Taehyung Bescheid und rettete sein Leben, ohne es zu wissen.
Ich musste sagen, dass er ziemlich gruselig wurde, wenn er wirklich wütend war, aber irgendwie gefiel mir das. Vielleicht sollte ich ihn auch des Öfteren zur Weißglut bringen.
Diesen Gedanken verwarf ich aber ziemlich schnell wieder. Alles, was ich hörte, war Verzweiflung, die in einem See voller Tränen ertränkt wurde. Sein Herz lag irgendwo zersplittert am Grund und ich konnte nichts tun, um es zu reparieren.
Mehrere Minuten musste ich mir sein herzzerreißendes Weinen anhören, ehe ich wieder fast vollständig bei Kräften war und ihn trösten konnte. Taehyung bemerkte nicht einmal, dass ich mich ihm näherte, doch sobald er sah, dass ich mich neben ihn setzte, wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht und sah mich an.
"G- Geht es dir wieder besser?", fragte er leise.
Manchmal war seine Art, wie er sich um andere sorgte, ungesund. Anstatt dass er seinen Gefühlen freien Lauf ließ, erkundigte er sich nach meinem Wohlbefinden, obwohl dieses ganz klar nicht im Vordergrund stand. Behutsam hob ich ihn hoch und setzte ihn auf meinem Schoß ab, wo ich ihn sanft an mich drückte. Mit einer Hand fuhr ich ihm beruhigend durch die Haare, wodurch er wieder bitterlich zu weinen anfing. "Shhh, alles gut", flüsterte ich, "Weine so viel du willst."
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hunted || taegi
Fanfiction"Es war schon fast zu ruhig. Normalerweise hörte ich immer irgendwelche Tiere oder Insekten auf dem Weg, doch diesmal war keine Spur davon zu entdecken. Mein Bauchgefühl sagte mir auch, dass etwas nicht stimmte, aber ich konnte nicht sagen, was fals...