Stumm lief mir eine Träne über die Wange. Es war klar, dass dieser Moment früher oder später kommen würde, trotzdem tat es verdammt weh.
"Wo sind wir überhaupt?", fragte Taehyung mich.
"Daegu, irgendwo am Rand", erklärte ich. "Genau hier wurde ich geboren und auch hier bin ich gestorben, deswegen sind wir nicht zu Hause."
Er kicherte leise. "Sind wir doch. Naja, ich wurde zwar im Krankenhaus geboren und nicht im Wald, aber auch in Daegu. Wenn die Umstände ein wenig anders wären, hätte ich dich jetzt zu meinen Eltern geschleppt und sie dir vorgestellt."
"Stimmt, die muss ich auch noch kennenlernen. Wir kommen einfach ein anderes Mal her", versprach ich ihm leicht lachend. Ich fragte mich, wie er das machte. Die Situation konnte noch so beschissen sein, er brachte mich trotzdem immer wieder zum Lächeln.
Taehyung sah hoch zu dem Baum über uns. "Irgendwie habe ich gerade das Bedürfnis, da hoch zu klettern", murmelte er.
Das war eine gute Gelegenheit, um ihn müde genug zu machen, sodass er die nächste Autofahrt durchschlafen würde. Er machte nämlich den Anschein, dass er nicht lange stillhalten konnte, deswegen würde die Fahrt ziemlich anstrengend werden.
"Komm, ich helfe dir. Ist eigentlich ganz einfach." Ich stand auf und sprang mit Leichtigkeit auf den Ast über uns.
"So hoch komme ich doch niemals", meinte er verzweifelt.
"Doch klar. Spring mal mit aller Kraft hoch", ermutigte ich ihn. "Ich fange dich auf, keine Sorge."
Etwas unsicher setzte er zum Sprung an. Natürlich hatte noch absolut keine Ahnung, zu was er fähig war, doch das war okay. Niemand verlangte von ihm, dass er es von Anfang an wusste. Sobald er auf meiner Höhe war, zog ich ihn zu mir auf den Ast und setzte ihn hin. Leicht geschockt sah er erst mich an dann hinunter auf den Boden, bevor er grinste und aufstehen wollte. Tae hätte beinahe das Gleichgewicht verloren, doch ich hielt ihn fest.
"Meinst du, ich komme bis zur Spitze?", fragte er lächelnd und sah dabei hoch.
"Natürlich, aber versuche erst einmal, dein Gleichgewicht zu halten."
Das klappte eigentlich schon ziemlich gut, und in den nächsten zehn Minuten war er schon fast ganz oben angekommen. Zur Sicherheit kletterte ich immer vor, aber eigentlich brauchte er das nicht.
Er machte sich schon ziemlich gut und ich wusste nicht, ob ich mir Sorgen machen sollte oder nicht. Taehyung hatte gerade seine Menschlichkeit verloren, und anstelle sich zu beschweren oder sonstiges wollte er einen Baum hochklettern. Ich meine, solange er seinen Spaß hatte, war es mir recht, aber es verwunderte mich nur.
In der Ferne hörte ich, wie Jimin wieder zurückkehrte. Als er sah, dass wir nicht mehr hier waren, war er sichtbar verwirrt, doch Tae rief ihm zu und winkte ihm. Ich sprang hinunter und landete direkt vor seinen Füßen. Obwohl mein Freund beschäftigt zu sein schien, kommunizierte ich mit Jimin nur über meine Gedanken.
"Keine Sorge, ihm geht es prima. Lassen wir ihn noch eine halbe Stunde springen, dann geht ihm die Kraft aus", erklärte ich ihm, woraufhin er nur nickte.
"Ansonsten alles gut bei dir?", fragte ich nun normal.
"Ich bin ein wenig erschöpft, aber ja. Bei dir?"
"Alles gut", antwortete ich knapp. In Wirklichkeit wusste ich nicht, wie ich mich fühlte. Ich war schuld daran, dass Taehyung nun durch all diesen Scheiß musste und ich hatte auf allen Ebenen versagt, aber andererseits schien es ihm gut zu gehen, also warum machte ich mir solche Gedanken? Wahrscheinlich weil ich wusste, was kommen würde.
Für die nächste halbe Stunde saß ich gemeinsam mit Jimin auf dem Boden und redete ein wenig mit ihm. Währenddessen schien Tae wie in einer anderen Welt zu sein, jedenfalls dachte er gar nicht daran, von dem Baum herunter zu kommen. Doch irgendwann wurde er müde und fiel von seinem Ast. Glücklicherweise fing ich ihn noch rechtzeitig auf.
Gähnend bedankte er sich. "Irgendwie bin ich müde aber irgendwie auch nicht. Das ist verwirrend", murmelte er.
"Schließ einfach die Augen und zähle bis drei. Du wirst erst dann wieder aufwachen, wenn dein Körper dazu bereit ist, danach wirst du dich besser fühlen", sagte ich in einem ruhigen Ton. Er nickte leicht und machte, was ich ihm gesagt hatte.
Mit Taehyung im Arm lief ich zurück zu Jimin und meinte, dass wir nach Hause gehen könnten. Zusammen liefen wir dann zum Auto und ich legte Tae vorsichtig auf die Rückbank. Diesmal fuhr ich, damit Jimin auch ein wenig schlafen konnte.
Die Fahrt war ziemlich ruhig, immerhin war ich auch der einzige, der wach war. Das passte mir eigentlich ganz gut, so konnte ich ein wenig den Kopf frei bekommen. Der heutige Tag war einfach anstrengend und ich war froh, wenn er vorbei war. Zwar änderte das nichts an der Situation, aber jeder neue Tag bot neue Chancen an.

DU LIEST GERADE
hunted || taegi
Fanfiction"Es war schon fast zu ruhig. Normalerweise hörte ich immer irgendwelche Tiere oder Insekten auf dem Weg, doch diesmal war keine Spur davon zu entdecken. Mein Bauchgefühl sagte mir auch, dass etwas nicht stimmte, aber ich konnte nicht sagen, was fals...