37 | real evil

132 11 18
                                    

Als ich am nächsten Morgen aufstand, sah ich Yoongi auf der Couch liegen. "Morgen", murmelte ich. Keine Antwort.

In mir staute sich etwas Angst an. War alles okay bei ihm? Leise kniete ich mich vor ihn hin. Seine Augen waren geschlossen, wahrscheinlich schlief er nur. Aber warum sollte er? Vampire brauchten doch gar keinen Schlaf, außer sie wurden schwer verletzt.

Es klickte in meinem Kopf. Das Feuer. Hatte ich ihn etwa zu sehr ausgehungert? War er vielleicht sogar tot? Panisch schüttelte ich ihn. Blöderweise konnte ich nicht nachsehen, ob sein Herz noch schlug. Aber er sollte atmen oder etwa nicht? Natürlich, wie sollte er sonst riechen können, ob da Blut war oder nicht. Zum Glück hörte ich ein leises Atmen, als ich mich seinem Kopf näherte. Er lebte.

Schnell ging ich zum Kühlschrank und wollte eine der übrigen Blutkonserven holen, doch dann fiel mir ein, dass er die letzte gestern Abend verzehrt hatte. Seokjin meinte, er könne heute auch nicht vorbeikommen. Verdammt! Was konnte ich jetzt tun? Innerlich warf ich mir bereits tausend Sachen vor den Kopf. Nichts, was mit Yoongi zu tun hatte, konnte ich irgendwie richtig machen. Er war aber auch so unendlich blöd und jagte tatsächlich keine Menschen mehr, nur mir zuliebe.

Plötzlich hatte ich eine verdammt absurde Idee, aber dafür musste ich ihn erst einmal wach bekommen und dafür gab es nur einen, zumindest mir bekannten, Weg. Natürlich war es wieder sehr riskant und lebensmüde, aber hey, ich wohnte mit einem blutsaugenden Mann zusammen. Was sollte schon schief gehen?

Aus der Schublade nahm ich das schärfste Messer, das ich besaß, und ging zurück ins Wohnzimmer. "Hör zu. Wenn das ein dummer Streich ist, dann kannst du mich mal. Wenn nicht, dann bring mich jetzt einfach nicht um, okay?", murmelte ich.

Ohne zu zögern schnitt ich mir wieder einmal in den Unterarm. Aber selbst als das Blut meinen Arm entlang floss, zeigte er keine Reaktion. War es schon zu spät? Vorsichtig öffnete ich seinen Mund und ließ die rote Flüssigkeit hineintropfen.

Schlagartig öffnete er die Augen. Verwirrt blinzelte er mich an, bis er erkannte, dass es mein Blut war. Yoongi stand völlig neben der Spur, seine Instinkte waren stärker als sein Verstand und bevor ich auch irgendetwas sagen konnte, drückte er mich an den Boden. Er war nun direkt über mir. Mit der einen Hand packte er meine Handgelenke und drückte sie über meinem Kopf fest an den Boden, mit der anderen hielt er mein Kinn fest, sodass ich ihm in die Augen sehen musste.

Wieder verfiel ich in diese grauenvolle Starre, die er Reflex nannte. Dafür war sie also wirklich da. Diesmal aber war sie so stark, dass ich mich nicht irgendwie rühren, geschweige denn sprechen konnte. Zumindest nicht, solange ich solche Angst hatte.

Während ich versuchte, mich zu beruhigen, machte Yoongi sich an meiner Wunde zu schaffen. Die ganze Zeit wiederholte ich diesen einen Satz in meinem Kopf: Er wird mir nichts tun. Tatsächlich klappte es nach einer gefühlten Ewigkeit und ich konnte mich soweit aus seinem Griff befreien, dass ich uns umdrehte und ich ihn an den Boden pinnte. Perplex starrte er mich an. Darauf war er wohl nicht vorbereitet.

"Hör zu. Ich weiß, dass du das nicht willst, Yoongi. Schließlich bist du kein Monster", redete ich auf ihn ein. Allmählich schien er sich konzentrieren zu können.

"Sprich. Kann das nicht lange halten", zischte er gequält.

"Wie gut kannst du Gut von Böse unterscheiden?", fragte ich ernst.

"Besser als jeder andere auf dieser Welt", meinte er mit zusammengebissenen Zähnen.

"Gut. Brich irgendwie und unauffällig ins Gefängnis ein. Nimm dir das, was du brauchst, solange diese Person wirklich böse ist. Dann komm sofort zurück. Hast du verstanden?", erklärte ich streng.

Mit einem Nicken bestätigte er es, also ließ ich von ihm ab und sah Yoongi dabei zu, wie er wie ein wild gewordenes Tier aus dem Fenster sprang und aufs Dach kletterte. Wahrscheinlich nahm er den Weg von oben, weil es schon lange wieder hell war und die Straßen voller Menschen waren. Hoffentlich ging alles gut.

Aber warum ließ ich das überhaupt zu? Hatte ich nun indirekt ein oder mehrere Leben auf dem Gewissen? Das war doch falsch. Mein Job, nein, meine Berufung war es, Menschen zu beschützen, doch jetzt hetzte ich einen Killer auf sie. Aber die Hälfte von ihnen waren selbst welche, jedoch ohne plausiblen Grund. Yoongi tat dies, um zu überleben. Die Gefangenen jedoch taten es aus Rache, Eifersucht, Gier oder sogar Spaß.

Wer war also der wirklich böse?

hunted || taegiWo Geschichten leben. Entdecke jetzt