Die nächsten Tage waren seltsam. Ich hatte das Gefühl, dass Yoongi sich immer mehr von mir distanzierte, aber irgendwie auch nicht. Er verwirrte mich mehr als dieses ganze Vampirzeugs. Einerseits war er so einfühlsam und so liebevoll wie sonst auch immer, aber andererseits war er mittlerweile mehr mein Mentor als mein Freund. Vielleicht lag es auch an mir und ich bin einfach anhänglicher geworden.
Da ich zumindest für diese Woche striktes Arbeitsverbot hatte, verbrachten wir viel Zeit im Wald. Dort lernte ich alles Notwendige wie zum Beispiel jagen, er zeigte mir aber auch ein paar simple Dinge zur Selbstverteidigung. Wer weiß, ob plötzlich andere Vampire in die Stadt kommen könnte? Zwar verbot er mir ausdrücklich, gegen irgendwen zu kämpfen, falls es je soweit kommen sollte, aber er brachte es mir trotzdem bei, damit ich mit Zeit verschaffen konnte um wegzurennen.
Zuhause lernte ich dann andere Dinge, die mehr mit dem Kopf zu tun hatten als mit dem Körper. Natürlich waren es noch ziemlich einfache Sachen, trotzdem war ich am Ende jedes Tages relativ kaputt. Naja, irgendwann zwischen halb vier und fünf Uhr morgens, denn mittlerweile gab es keinen wirklichen Anfang oder ein Ende mehr. Die Tage verblendeten einfach ineinander.
Das mit der Zeit war sowieso eine Sache für sich. Alles fühlte sich so zeitlos an, aber trotzdem konnte ich auf die Sekunde genau sagen, wie spät es war. Ein komisches Gefühl.
Vorsichtig näherte ich mich Yoongi, der gerade an seinem Lieblingsplatz saß und Musik hörte. In letzter Zeit tat er das viel, aber er hörte immer nur auf einem Ohr, damit er mich genauso verstehen konnte.
"Hey, willst du mit mir Kekse backen?", fragte ich ihn.
"Fang du schon einmal an, ich komm gleich nach", antworte dieser abwesend.
Genau das meinte ich. Er wies mich deutlich zurück. Vor einer Woche hätte er das noch nicht gesagt, doch mittlerweile machte er das ständig. Beim nächsten Mal würde ich ihn auf jeden Fall darauf ansprechen.
Seufzend begab ich mich in die Küche und kramte schon einmal alle Zutaten aus den Schränken. Ich machte das mehr nebenbei, innerlich experimentierte ich ein wenig. Das machte ich des Öfteren, einerseits, weil mir langweilig war und andererseits um meine Grenzen zu finden. Obwohl ich wusste, dass ich es wahrscheinlich nicht schaffen würde, da ich noch viel zu jung und unerfahren war, versuchte ich mich an der Telepathie. Immer und immer wieder schickte ich Yoongi ein simples Hallo. Hoffnungen machte ich mir keine, ganz einfach, damit ich nicht enttäuscht sein konnte, wenn es nicht klappte.
"Wie machst du das", hörte ich meinen Freund verstört aus dem Wohnzimmer sagen.
"Wie mache ich was", wollte ich wissen
"Das Hallo. Wie machst du das?" Diesmal stand er direkt vor mir und sah mir gefährlich tief in die Augen. Vorsichtig ging ich einen Schritt zurück.
"Das kam bei dir an?" Ich konnte meine Verwunderung nicht unterdrücken.
"Sonst würde ich nicht fragen. Aber wie zur Hölle hast du das angestellt? Ich habe Jahre dafür gebraucht, du bist gerade mal knapp fünf Tage alt", meinte er leicht verwirrt.
"Ich habe bloß versucht, dir eine Nachricht zu schicken. Du meintest, alles wäre durch Gedanken steuerbar, also habe ich das versucht", erklärte ich.
Kopfschüttelnd setzte er sich auf einen Stuhl. "Das macht keinen Sinn."
"Weißt du was ich glaube", sagte ich in einem ruhigen Ton. "Das liegt daran, dass du dich selbst nicht akzeptieren kannst. Ich merke das immer öfter, aber am stärksten hat sich das gezeigt, als wir in Daegu waren. Ständig hast du selbst mit dir gestritten, du tust es immer noch, und egal was ist, du stellst dich immer schlecht dar. Aber warum? Du bist doch perfekt so, wie du bist."
"Taehyung, siehst du überhaupt, was ich getan habe? Erst konnte ich dich nicht beschützen, obwohl das meine einzige Aufgabe war, dann hast du wegen mir dein Leben verloren und jetzt musst du dieses beschissene Leben führen. Nur, weil ich zu blöd bin, um nachzudenken. Und vom Rest will ich gar nicht erst anfangen. Da ist nichts mit perfekt, ich gehöre eigentlich gar nicht hier her." Er wurde mit jedem Satz wütender. Nicht auf mich, sondern auf sich selbst.
"Siehst du, das ist genau der Punkt. Ich habe kein Problem mit diesem Leben, ich akzeptiere es einfach. Wenn ich jetzt noch weiter um mein altes Leben trauere, wohin bringt mich das? Genau, nirgendwo hin, also versuche ich einfach, normal weiterzumachen. So beschissen ist es gar nicht, du musst nur einmal die positiven Aspekte sehen, außerdem muss man immer das beste aus der Situation machen."
"Ich frage dich in hundert Jahren wieder, ob dieses Leben wirklich nicht so beschissen ist."
Ich seufzte. Yoongi wollte es wohl wirklich nicht verstehen. "Mit der Einstellung kanns nur scheiße werden. Aber mal sehen, ob wir uns in hundert Jahren immer noch kennen, denn so wie du dich in letzter Zeit von mir distanzierst habe ich nicht unbedingt das Gefühl, dass du gerne mit mir zusammen bist."
Leicht entsetzt sah er mich an. "Siehst du, ich bin nicht einmal in dazu in der Lage, dir das zu geben, was du brauchst."
Kopfschüttelnd setzte ich mich auf seinen Schoß und sah ihm tief in die Augen. "Alles, was ich brauche, bist du, versteh das doch. Mir passt es nur nicht, dass du immer so schlecht von dir und diesem Leben denkst, und das will ich ändern. Aber alleine kann ich das nicht, du musst mir schon helfen, okay?", meinte ich sanft.
Er nickte und umarmte mich. "Mit was habe ich dich bloß verdient?"
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hunted || taegi
Fanfiction"Es war schon fast zu ruhig. Normalerweise hörte ich immer irgendwelche Tiere oder Insekten auf dem Weg, doch diesmal war keine Spur davon zu entdecken. Mein Bauchgefühl sagte mir auch, dass etwas nicht stimmte, aber ich konnte nicht sagen, was fals...