Als er zwei Tage später seine Facebook-Fanseite checkte und unzählige Posts wie „Du bist so geil!" und „Dein Film ist der Hammer!" runterscrollte, stach ihn plötzlich „Sorry, war nicht so gemeint!" ins Auge. Er starrte auf den Namen über dem Post und lass ihn halblaut vor: Lena Müller. Sein Herz machte einen Salto und seine Finger zuckten ungewollte zusammen. Schnell klickte er auf ihr Profil, aber sie hatte alles auf privat gestellt und eine Freundschaftsanfrage konnte man auch nicht schicken. Daher entschied er sich, sofort zu ihr zu fahren. Er schlüpfte unter die Dusche, zog sich an und stieg ins Auto. Als er bereits fast vor dem Krankenhaus war, bemerkte er seine Lederjacke. Laut rief er aus: „Mist, warum habe ich die denn angezogen? Die mag doch keine Lederjacken!"
Bevor er aus dem Auto stieg, zog er die Lederjacke aus, durchwuschelte noch einmal seine Haare, damit sie natürlich aussahen und rannte schnell durch den kalten Regen. Zum Glück war er generell keine Frostbeule. Sofort lief er zur Kinderstation und fand Lena in einem offengelassenem Patientenzimmer, wie sie dem Oberarzt asestierte, einen neuen Zugang zu legen. Er wartete vor der Tür bis sie fertig war. Als sie in den Gang trat und ihn sah, zog sie ihre Augenbrauen hoch und guckte sich um: „Und, wo sind die Journalisten?" Elyas rollte die Augen und wieder einmal stieg Wut in ihm auf, aber er kontrollierte sich und sagte ruhig: „Ich komme wegen dir. Ich habe gerade deine Facebook-Nachricht gelesen." Lena biss sich nervös auf die Lippen: „Oh, ich habe gedacht, du würdest es eh nie lesen. Aber ich musste mein schlechtes Gewissen loswerden, deswegen habe ich es geschrieben. Aber egal! Ich wollte mich nur entschuldigen, dass ich nicht richtig reagiert habe. Manchmal erwarte ich halt zu viel von meinen Mitmenschen. Aber du hast ja kein normales Leben, du brauchst dir darüber keine Sorgen zu machen. Also Tschüs!" Sie drehte sich um und lief den Gang entlang. Elyas war mal wieder so überrascht von ihrer Reaktion, dass es einige Sekunden dauerte, bevor er sich fangen konnte. Aber dann rief er: „Lena, warte!" Sie drehte sich abrupt um und fragte genervt: „Was?" Wieder einmal verfluchte er sie für ihre Reaktion, aber riss sich zusammen und sagte: „Mann, vielleicht hast du ja Recht." Sie inspizierte ihn ganz genau und irgendwie überzeugte seine Mimik sie, dass er es ehrlich meinte. Aber noch immer wusste sie nicht, warum er ausgerechnet sie näher kennen lernen wollte. Sie hatten doch nichts gemeinsam; sie passten einfach nicht zusammen. Daher sagte sie eher lustlos: „OK, unten im Labor können die eine Blutprobe nehmen und dann bist du registriert." Elyas wollte ausflippen, denn er wusste einfach nicht, wie er mit dieser Frau umgehen sollte. Normalerweise reichte ein leichtes Lächeln und alle Frauen lagen ihm zu Füssen. Er schluckte und nahm mal wieder all seinen Mut zusammen: „Und wenn ich das mache, gehst du dann mit mir aus?" Dabei neigte er seinen Kopf leicht nach unten und riss seine dunklen intensiven Augen auf und guckte sie mit seinem besten Dackelblick an. Lena musste lachen, aber zur gleichen Zeit stiegen Schmetterlinge in ihrem Bauch auf. Sie versuchte sich zu kontrollieren und sagte dann: „OK, Deal! Wir gehen jetzt zusammen ins Labor und ich gehe mit dir aus." Elyas spürte eine Art Triumph, grinste sie an und folgte Lena mit rasendem Herzen zum Fahrstuhl.
Im Fahrstuhl standen sie schweigend gegenüber, aber dann sagte Lena: „Das mit dem Image aufpolieren hat ja echt funktioniert! Überall berichten sie von diesem kinderlieben engagierten Schauspieler Elyas. Obwohl ich ja finde, dass der letzte Besuch schon fast übertrieben war. Bald wirst du als Lusche dastehen." Elyas schüttelte leicht den Kopf und guckte eher enttäuscht: „Was denkst du denn, warum ich noch zwei mal gekommen bin?" Lena guckte ihn fragend an. Elyas sagte genervt: „Ich wollte DICH beeindrucken. Scheiss auf meinen Ruf, ich habe auch so genug Rollen und Fans." In diesem Moment ging die Fahrstuhltür auf und Lena ging nach draussen und drehte sich aber direkt wieder zu Elyas: „Achso, du benutzt die Kleinen um eine Frau aufzureissen! Super! Du bist ja echt ein noch grösseres Arschloch als ich gedacht habe!" Eine Stimme in Elyas Kopf schrie laut: FUCK!!! Sofort stieg sie wieder in den Fahrstuhl und drückte den Knopf und als die Tür zuging, rief er: „Lena, das war nicht so gemeint. Die Kinder bedeuten mir auch etwas, wirklich! Ich meinte doch nur, dass ich dich wirklich kennen lernen wollte." Aber dann sah er, wie der Fahrstuhl bereits nach oben bewegte. Vor Wut trat er gegen die geschlossenen Fahrstuhltüren und raufte sich die Haare. Er bekam Magenschmerzen und stand unentschlossen im Flur. Schnell atmend ging er hin und her und schlug immer wieder die Hände vor das Gesicht. „Wie kann ich nur so blöd sein!?" rief er immer wieder in den menschenleeren Gang.
