Bleib bei mir

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Als Lena langsam erwachte, strich ihr Elyas vorsichtig durchs Gesicht , gab ihr einen Kuss und sprach mit einer beschlagenen Stimme: "Hallo Süsse, geht es dir besser?" Er hielt ihre Hand fest und strich zärtlich über ihre mager gewordenen Finger. Sie nickte leicht. „Sie behalten dich hier, damit du keine Schmerzen hast. Ich weiss, dass du das nicht willst, aber ich werde die ganzen Tage über bei dir sein und morgen bringe ich Leonie. Ich lasse dich hier nicht allein." Tränen liefen ihre Wangen herunter und sprach ganz leise: „Ist OK." Innerlich war sie bereit aufzugeben, sie hatte keine Kraft mehr und wollte nur noch schlafen. Sie konnte Elyas auch nicht mehr vormachen, dass es ihr gut genug ging um zu Hause zu bleiben. Sie brauchte keinen Arzt, um ihr zu sagen, dass ihre Tage gezählt waren. Aber sie hatte keine Angst. Nein, sie hatte keine Angst vorm Sterben. Sie hatte Angst um Elyas und Leonie. Sie hatte Angst, dass er es alleine nicht schaffen würde, weil er sie zu sehr liebte.

Am nächsten Tag kam Elyas mit seiner Tochter im Arm in das Krankenzimmer. Er setzte sie sanft auf Lenas Bett und flüsterte in ihr Ohr: „Drück Mama mal ganz fest!" Sofort tat die Kleine wie befohlen und Lena wachte auf und erwiderte leicht lächelnd die Umarmung. An diesem Tag war Lena kaum ansprechbar und sagte nicht mehr als drei Worte. Sie war wach, aber zu schwach um zu sprechen oder sich zu bewegen. Elyas hatte Probleme sich zu kontrollieren. Er wollte nicht vor Leonie weinen, aber Lenas Anblick liess sein Herz stocken und er atmete schwer. Nachdem er sich von Lena verabschiedet hatte, ging er zu dem Arzt der Station und guckte ihn ernst an. Mit zittriger Stimme sagte er: „Wenn es ihr schlechter geht, wenn sie nicht mehr kann, möchte ich, dass sie mich anrufen, bitte!" Der Arzt nickte: „Natürlich. Kein Problem."

Einen Tag später kam Elyas wieder mit Leonie ins Krankenhaus, aber auch dieses Mal zeigte sie nicht mehr Reaktion. Am Nachmittag nahm er die Kleine wieder auf den Arm, die bis eben auf Lenas Bett mit ihrem Teddybären gespielt hatte und sagte: „Komm, meine kleine Prinzessin. Wir lassen die Mama schlafen. Sie ist sehr müde." Zu Hause angekommen, parkte er seine Tochter vor dem TV, was er sonst nie machte, nahm sich ein Glas und die Whiskeyflasche und trank zwei grosse Gläser in schnellen Zügen. Als es dunkel wurde, seufzte er und brachte Leonie ins Bett. Auch er legte sich früh hin und fand weinend und schluchzend einen unruhigen Schlaf.

Es war 3.00 Uhr nachts als Elyas Handy klingelte, er erschrocken sofort danach griff und antwortete. „Herr M'Barek, entschuldigung für die späte Störung, aber wir sollten sie anrufen, wenn es ihrer Frau schlechter geht. Ich glaube, sie sollten so schnell wie möglich hierher kommen." sagte eine Frauenstimme am anderen Ende. Sofort sprang er auf, zog sich an und wählte Josephs Nummer. Es musste es zwei mal klingeln lassen, bevor er endlich antwortete und Elyas sprach schnell: „Joseph, bitte komm sofort zu mir nach Hause! Ich muss ins Krankenhaus und du musst auf Leonie aufpassen." Sein kleiner Bruder sagte sofort zu und Sekunden später verliess Elyas das Haus in der Hoffnung, dass seine Tochter nicht aufwachen würde bevor Joseph ankam.

Im Krankenhaus rannte Elyas zu Lenas Zimmer und dort stand ein Arzt neben ihr, der ihr mehr Medikamente verabreichte. Er drehte sich um und sagte: „Die Herztöne verlangsamen sich und sie atmet nur noch ganz flach." Elyas schluckte und sein Herz wurde auseinandergerissen. Es war soweit und er war nicht bereit. Er wollte sie nicht verlieren, denn er wusste nicht, wie er ohne sie weitermachen sollte. Sein Leben würde keinen Sinn mehr machen. Sofort liefen ihm Tränen über die Wangen und er setzte sich an Lenas Seite. Plötzlich schlug sie die Augen auf und versuchte in seine Richtung zu gucken. Ihre Stimme sagte ganz zart: „Hey Baby, schön, dass du hier bist!" Elyas atmete schnell und zögerte, aber sagte dann: „Hast du Schmerzen?" Lena schüttelte ganz leicht den Kopf und bekam feuchte Augen. Mit beschlagener und schwacher Stimme sprach sie: „Bitte pass gut auf unsere Kleine auf, bitte! Ich möchte sie erst in vielen Jahren dort oben sehen, in sehr vielen. Elyas, ich liebe dich!" Er stiess einen kleinen Schrei aus, stützte seinen Kopf auf ihr Bett und griff nach ihrer Hand. Schluchzend sprach er: „Ich liebe dich auch, Lena, ich liebe dich so sehr! Ich will dich nicht verlieren, bitte bleib bei mir! Bitte, wir gehören doch zusammen! Lena!" Aber genau in diesem Moment ertönte dieser durchgängige Piepton, der unverwechslbar Lenas Ende ankündigte. Elyas guckte sich nach dem Arzt um und schrie: "Mach was! Mach irgendwas! Hilf ihr!" Aber dieser blieb in der Tür stehen und sagte mit traurigem Gesicht: „Es tut mir Leid, Ihre Frau möchte keine lebenserhaltenden Massnahmen." Elyas Gesicht verzog sich zu einer grausamen Grimasse, stiess Lena langsam mit seiner Hand an und rief noch einmal: „Lena, bitte, bleib bei mir! Lena, tu mir das nicht an! Ich schaffe das nicht!" Aber sie blieb regungslos liegen. Elyas stand auf, guckte sich panisch nach Hilfe um, aber niemand kam . Alles drehte sich und er versuchte seine Orientierung wieder zu erlangen. Er wusste nicht mehr, wo er war. Er wollte raus, einfach nur weg, alles ungeschehen machen, aber er wusste nicht wie. Ihm wurde schwindelig und sein Herz stoppte. Eine Dunkelheit und Kälte umhüllte ihn und er fiel, ganz tief und ohne Ende.

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