Die Wochen vergingen: Elyas bekam Reitunterricht und verbrachte oft 12 Stunden oder mehr am Tag am Set. Abends kam er müde nach Hause als Leonie schon schlief. Oft sass er dann noch minutenlang an ihrem Bett und entschuldigte sich dafür, dass er keine Zeit für sie gehabt hatte. Er fühlte sich wie ein schlechter Vater und mehr als einmal strich er sich die Tränen aus den Augen. Er konnte nicht Mutter und Vater auf einmal sein und sein Beruf liess ihm nicht die Freiheit nach 8 Stunden wieder bei seiner Tochter zu sein: er musste so lange wegbleiben, wie der Regisseur es verlangte. Eines Abends, während er halbweinend vor Leonie sass, kam Ava überraschend in sein Apartment. Er guckte sich erschrocken um und rieb sich durchs Gesicht. Schnell sprach sie: „Sorry, ich dachte, du schläfst schon. Ich... ich wollte nur noch mal nach ihr gucken. Du hast gesagt, dass deine Tür immer offen ist und ich wollte sicher gehen, dass alles OK ist." Er schluckte und sagte mit beschlagener Stimme, die er nicht unterdrücken konnte: „Kein Problem. Aber ich habe alles unter Kontrolle. Sie schläft sowieso durch." Er stand auf und versuchte sich ein Lächeln aufzuzwingen. Langsam ging er auf sie zu und nahm sie in den Arm, küsste sie sanft auf die Schläfe und sagte: „Danke! Danke für alles! Sie liebt dich und du bist so eine tolle..." Er stockte und schüttelte sich, denn eigentlich hätte er ‚Mutter' sagen wollen. Aber sie war nicht Leonies Mutter, sie war nur die Babysitterin. Stotternd sprach er weiter: „Ähm, ich meinte, du bist ganz toll mit ihr und ich weiss das wirklich zu schätzen."
Ava ging an diesem Abend zurück in ihr Zimmer und atmete so schnell, dass sie fast hyperventilierte. Er hatte sie geküsst und sie hatte seine Nähe und Wärme vernommen. Laut dachte sie: „Hat er Gefühle für mich? Spürt er das Gleiche, was ich spüre? Sehnt er sich auch jeden Morgen mich zu sehen? Freut er sich auch über mein Lächeln?" Nervös strich sie sich durch ihre lockigen und blonden Haaren. Und plötzlich kam Ben ihr wieder in den Sinn. Es war an einem der ersten Tage, als sie alle auf der Wiese eine riesige Grillparty veranstalteten. Es klang laute Musik aus den Boxen und sie hatte schon Angst, dass Leonie aufwachen würde, aber Elyas beruhigte sie und meinte, dass sie einen festen Schlaf hätte.
An diesem Abend kam Ben auf sie zu, umfasste ihre Hüften und zog sie um die Hausecke herum. Sie erschrak so sehr, dass sie in Panik gerat und ihn wegstiess. Aber er war betrunken und fasste sie noch härter an. Sie versuchte sich auf seinen Griff zu winden und sagte ihm, dass sie nicht interessiert wäre. Aber er wollte nicht hören und drückte sie an eine Wand. Sie atmete schnell und schien vor Angst zu explodieren. Tränen stiegen in ihre Augen und sie bettelte, dass sie ihn loslassen würde. Doch noch immer schien er es nicht zu verstehen und flüsterte in ihr Ohr: „Komm, hab dich nicht so. Wir gehen einfach in den zweiten Stock in mein Apartment und haben eine unvergessliche Nacht!" Sie zitterte und sagte stotternd: „Bitte, bitte, lass mich los! Ich möchte nicht, ich kann nicht! Bitte, tu mir das nicht an!" Bens Augen fingen an, böse zu funkeln und er brüllte sie an: „Was hat Elyas, was ich nicht habe? Der Arsch steht noch nicht mal auf dich, das hat er mir deutlich gesagt! Scheissfrauen, immer verlieben die sich in den Falschen. Ihr wisst gar nicht, was ihr verpasst! Ich könnte dich glücklich machen!" Tränen liefen Avas Wangen entlang und sie bekam Schluckauf: „Bitte, bitte, lass mich gehen... Bitte! Ich...ich kann sonst nichts garantieren." Ben lachte laut auf: „Was bitte willst du denn machen, Kleine?" Plötzlich kam von hinten einer der Laternen geflogen, die im Boden steckten und landete mit der spitzen Seite in Bens Wade. Dieser schrie laut auf und zog mit einer schnellen Bewegung die Lampe heraus. Er sah Blut an seiner Hand und guckte Ava entgeistert an. Sie atmete schnell und sagte zitternd: „Es tut mir Leid, es tut mir so Leid!" Und im nächsten Moment lief sie in Elyas Apartment und setzte sich weinend neben Leonies Bett und hielt ihre kleine zierliche Hand. Wie so oft in den vergangenen Jahren brach sie weinend zusammen und hoffte, dass die Qualen einfach enden würden und dass sie endlich glücklich sein könnte. Es war Stunden später, als Elyas in Leonies Zimmer kam und Ava aufweckte und fragte, was sie hier machen würde. Sie guckte ihn erschrocken an, stammelte „Ähm... ich wollte nur nach ihr gucken und bin wohl eingeschlafen." Sie guckte sich orientierungslos um und stand schnell auf um in ihr Apartment zu laufen.
