Lena starrte auf das Röntgenbild und der Stimme des Arztes schien ganz weit weg: „Sie haben einen Hirntumor von ungefähr 3 cm Durchmesser, der auf den Sehnerv drückt. Diese Art von Tumor wächst sehr schnell, deswegen haben sie erst seit kurzem Symptome." Eine Kraft, die auf seinen Brustkorb drückte, raubte Elyas den Atem und sein Herz zog sich ruckartig zusammen. Stotternd fragte er: „Ich...ich nehme an, dass muss operiert werden." Dr. Hassmann biss sich für einen Moment auf die Unterlippe und sprach dann: „Das ist leider inoperabel. Wir können den Tumor nicht entfernen ohne irreperablen Schaden an den anderen Bereichen des Gehirns zu verursachen." Ohne Gefühle zu zeigen fragte Lena: „Wie lange noch?" Der Arzt räusperte sich und sagte: „Vielleicht noch 7-8 Wochen. Mit Bestrahlung..." Sofort unterbrach sie ihn: „Nein, keine Bestrahlung." Elyas konnte seinen Ohren nicht glauben. Er atmete hastig und schien zu hyperventilieren. Ihm wurde kalt und schwindelig. Nichts machte mehr Sinn und er wurde von einer bedrohlichen Dunkelheit übermannt. Er wollte etwas sagen, irgendwas, aber er brachte kein Wort heraus. Um das Schweigen zu unterbrechen, sprach der Arzt: „Wir geben Ihnen starke Schmerzmittel mit. Gegen die Sehstörungen können wir leider nichts machen. Und innerhalb einiger Wochen werden sie komplett erblinden." Lena nickte, stand auf und bedankte sich. Elyas sass noch immer auf seinem Stuhl und starrte den Arzt an. „Elyas, kommst du?" fragte sie. Er guckte sich orientierungslos um und stand dann auf um Lena zum Fahrstuhl zu folgen. Alles in ihm war leer und er nahm nichts mehr wahr. Die Welt ging für ihn unter und jeder Atemzug, jeder Herzschlag verursachte höllische Schmerzen.
Während Elyas schnellen Schrittes zum Auto ging, rief Lena: „Elyas, Elyas, warte..." Aber er hörte nichts mehr und sie musste ihn an die Schulter fassen, damit er aus seiner Trance erwachte. Er guckte sie erschrocken an. „Komm, wir setzen uns einen Moment dort auf die Bank. Du kannst sowieso nicht fahren." Sie griff nach seiner Hand und führte ihn wie ein orientierungsloses kleines Kind in den Park, wo eine Bank vor einem kleinen Teich stand. Sie setzten sich und Elyas starrte geradeaus und hielt Lenas Hand so fest, dass er ihr fast weh tat. Minutenlang schwiegen beide und dann endlich sagte Elyas kopfschüttelnd: „Ich warte noch darauf, dass ich aus diesem Albtraum aufwache. Das muss jede Sekunde passieren, oder?" Sein Gesicht verzog sich zu einer weinerlichen Grimasse und er guckte Lena an. Sie atmete tief ein und aus und ihre Hand zuckte in seiner: „Ich wünschte, es wäre einer. Ich... ich habe es mir heute früh schon gedacht, aber so schnell. Es ist zu schnell." Elyas konnte ihren Worten fast nicht folgen. Seine Gedanken kreisten und halblaut sagte er: „Und Neuseeland?" Lena schluchzte ganz leise auf: „Dein Leben geht weiter. Du gehst dahin und zeigst der Welt, was für ein toller Schauspieler du bist. Und..." Sie unterbrach ihren Satz, schluckte und spürte die Tränen ihre Wangen herunterlaufen. Sie drückte Elyas Hand ganz fest und sprach weiter: „Und Leonie wird es lieben. Sie wird gerne in den Kindergarten gehen." Bei dem Gedanken, dass sie nicht sehen wird, wie ihre Tochter aufwächst, wie sie den ersten Tag in den Kindergarten geht, wie sie eingeschult wird, wie sie mit ihrem ersten Freund vor der Haustür rumknutscht und wie sie die Schule abschliesst, schien ihr Herz in Stücke zerrissen zu werden und sie stiess einen Laut aus, der einem Todesschrei glich. Sie stützte den Kopf in ihre Hände und brach weinend zusammen. Elyas umarmte sie und zog sie auf seinen Schoss während Tränen seine Wangen herunterliefen. Er drückte sie mit all seiner Kraft an sich, in der Hoffnung, dass er sie so nie verlieren würde. Fast unverständlich sagte er weinend: „Das darf nicht passieren. Das geht nicht. Ich kann nicht ohne dich leben. Mein Leben ohne dich wäre sinnlos. Und ich schaffe das mit Leonie nicht alleine. Ich schaffe das alles nur wegen dir! Ohne dich bin ich ein Nichts!" Er wiegte sie hin und her und schluchzte so stark, dass er keine Luft mehr bekam. Lena klammerte sich an ihn fest und sagte ganz leise: „Natürlich schaffst du das. Du bist der beste Vater der Welt und der beste Ehemann! Ich werde dich so sehr vermissen!" Fast eine ganze Stunden sassen sie eng aneinander geschlungen auf der Bank und wollten nicht voneinander ablassen.
