Ist er... tot?

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In sekundenschnelle wurden Pressemitteilungen mit allen Details von Elyas' Verschwinden herausgegeben, obwohl Ava das gar nicht wollte. Und die eigentlichen News waren nicht, dass er eventuell verschüttet worden war, sondern dass er eine Tochter und scheinbar Freundin hatte, die er schon mehr als zwei Jahre verheimlichte. In den Beiträgen im TV wurde es so beschrieben, dass Ava die Mutter seiner Tochter war. Ava war frustriert und erschrocken darüber, wie schnell aus Elyas Privatleben eine so grosse Story gemacht wurde und das ausgerechnet jetzt.

Kurz nachdem die Decke mit einem lauten Donnerschlag nach unten geknallt war, überkam Leonie eine beängstigende Dunkelheit und Stille. Sie löste sich aus der festen Umarmung ihres Papas, der reglos am Boden lag. Leonie musste husten, da überall noch Staub herumwirbelte. Sie stand auf, stiess aber sofort mit dem Kopf an Steine und verzog vor Schmerzen das Gesicht. Auf allen Vieren krabbelnd rief sie nach Avas Namen. Aber bekam keine Antwort. Schnell stellte sie fest, dass es hier keinen Ausgang gab und die Höhle, in der sie gefangen war, winzig klein und sauerstoffarm war. Ihr wurde heiss und sie zog ungeschickt an ihrer Jacke herum um sie auszuziehen. Schnell kehrte sie zu Elyas zurück, der blutverschmiert auf dem Rücken lag. Sie schubste ihn an und rief: „Papa! Daddy! Komm!" Aber er bewegte sich keinen Millimeter und Leonie guckte beängstigt in die Finsternis.

Minuten später klingelte sein Handy und Leonie schreckte nach oben. Elyas hatte ihr verboten, sein Handy anzufassen und generell hielt sie sich auch sehr genau daran. Aber als es zum 3. Mal klingelte, griff sie in seine Hosentasche und zog es mit ihren kleinen Fingern heraus. Sie legte es neben Elyas Kopf und stiess ihn noch einmal an und sagte: „Papa, ring ring, phone!" Aber wie immer kam keine Reaktion. Draussen im Tageslicht stand Ava mit trännennassem Gesicht und schüttelte den Kopf als die Diplomatin sie fragend anguckte. Ava sprach: „Er geht nicht ran. Aber der Ruf geht durch." Die Frau fasste sie beruhigend auf die Schulter: „Keine Sorge, vielleicht ist er nur bewusstlos. Wir wissen durch die GPS-Daten genau, wo er sich befindet. Nur wird es eine Weile dauern, bis die Trümmer beiseite geräumt sind." In Avas Brust bohrte sich vor Sorge ein scharfes Messer in ihr Herz und noch mehr Tränen liefen über ihre Wangen.

Beim 4. Klingeln nahm Leonie das Handy in die Hand und starrte auf den Display. Dann tat sie das, was Elyas immer machte um den Anruf zu beantworten und wischte über den Bildschirm, hielt das Telefon ans Ohr und sagte: „Hallo!" Aber am anderen Ende sprach keiner und es war alles still. Ava riss die Augen auf und guckte auf ihr Display. Schnell sagte sie zur Diplomatin: „Der Anruf wurde abgebrochen, als ob er die Auflegen-Taste gedrückt hat." Sofort wählte Ava noch einmal und liess es klingeln. Noch immer hatte Leonie das Handy in ihren Fingern und guckte skeptisch darauf. Noch einmal versuchte sie über den Bildschirm zu wischen, aber dieses mal tat sie es schnell und in verschiedene Richtungen. Plötzlich erklang eine Stimme im Telefon, die fragte: „Elyas? Ist alles OK?" Leonie legte das Handy an ihr Ohr und sprach: „Hallo?" Avas Atem stockte und rief dann: „Leonie? Geht es dir gut?" Die Kleine nickte, aber Ava vernahm natürlich nichts und fragte noch einmal: "Leonie? Wo ist der Papa?" Sie zeigte auf Elyas und sagte ins Telefon: „Schläft." Sofort fragte Ava: „Kannst du ihn aufwecken? Versuch es mal!" Leonie schüttelte mit dem Kopf und sprach: „Nein!... Aua." Mit zitternder Stimme sagte Ava: „Leonie, hör mir gut zu. Du bleibst ganz nah bei deinem Papa, OK? Du darfst nicht weggehen. Du musst bei ihm warten. Bitte, versprichst du mir das?" Die Kleine nickte wieder, aber sagte dann doch „OK." und legte das Handy auf Elyas Brust um sich wie befohlen ganz eng in seine Arme zu kuscheln. Ava unterbrach die Verbindung und starrte die Diplomatin an: „Das war seine Tochter. Sie sagt, dass er schläft und verletzt ist. Aber schläft er wirklich? Oder ist er...tot?" Ihr wurde schwindelig und ihre Sicht verschwomm. Ihr Herz schlug rasend schnell und sie spürte es bis in den Hals. Ihre Hände zuckten unwillkürklich, dann verlor sie die Balance und stürzte zu Boden.

HoffnungenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt