"Mama, was isst Leonie gerne zum Frühstück? Ich bin bei ihr. Elyas musste heute Nacht zu Lena ins Krankenhaus und er ist noch nicht zurück und ans Telefon geht er auch nicht." tippte Joseph am frühen Morgen während er ahnungslos mit Leonie auf dem Arm vor dem Kühlschrank stand. Schnell kam eine Antwort: „Brot mit ein ganz kleines bisschen Butter und eine Scheibe Mortadella. Schneide die Rinde ab. Weisst du, was mit Lena ist?" Er schickte „Nein! :-/" zurück.
Joseph machte Leonie ihr Frühstück, setzte sie dann auf ihren Kinderstuhl und stellte den Teller vor sie hin. Mit grossen Augen guckte sie ihren Onkel an und fragte: „Papa?" Joseph strich ihr vorsichtig über den Kopf und lächelte: „Ich hoffe auch, dass er bald wiederkommt, denn ich muss heute noch arbeiten." Verstanden hatte die Kleine zwar nichts von dem Gesagten, aber griff trotzdem beruhigt nach ihrem Brot.
Eine halbe Stunde später hatte Leonie den Tisch und Fussboden in ein Chaos verwandelt und als Joseph versuchte die Brotkrümel zusammenzufegen, kam Elyas in die Küche. „Du musst das Brot in kleine Stücke schneiden, sonst sieht die Küche so aus." sagte er trocken. Joseph guckte ihm ins Gesicht und erschrak. Er hatte rotangelaufene Augen, tiefe Augenringe und seine Pupillen rutschten unruhig hin und her. Joseph schluckte und fragte: „Lena?" Elyas schlug die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus. Er liess sich gegen die Wand fallen und schüttelte den Kopf. Sofort schien sich ein scharfes Messer in Josephs Brust zu stossen und heisse Tränen liefen auch sein Gesicht herunter. Er ging zu Elyas, nahm ihn in den Arm und sagte leise: „Es tut mir so Leid! Es tut mir so Leid! Ich bleibe heute hier bei dir."
Vier Tage später standen Elyas, seine Familie und viele seiner Freunde in schwarzer Kleidung auf dem Friedhof und starrten auf den Sarg während der Pfarrer Zitate aus der Bibel vorlas. Anika Decker stand mit Hündin Anika an der Leine neben Elyas und strich immer wieder beruhigend über seinen Arm. Aber er weinte nicht mehr, er konnte nicht mehr. Zu viel hatte er die letzten Tage und Nächte schluchzend im Bett gelegen und gebetet, dass Lenas Krankheit und Tot nur ein endlos dauernder Albtraum war. Innerlich fühlte er sich kalt und leer, er spürte nichts mehr. Die Worte des Pfarrers prallten von ihm ab, denn ihm half es nichts Geschichten über den Himmel zu hören. Das konnte seinen Schmerz nicht lindern, das würde ihm Lena nicht wieder bringen.
Nachdem bereits alle den Friedhof verlassen hatten, sass Elyas auf einer Bank vor Lenas Grab und atmete tief ein und aus. Lu beobachtete ihn von Weitem und kam dann Schritt für Schritt auf ihn zu. Er setzte sich neben ihn und schwieg für eine Weile. Dann legte er seine Hand auf Elyas Schulter und sprach: „Du konntest dich von ihr verabschieden. Ihr konntet noch Zeit miteinander verbringen. Das ist doch schon viel Wert!" Elyas lachte höhnisch: „Das ist nichts Wert! Das hat es nur noch schlimmer gemacht. Ich habe gesehen, wie sie gelitten hat und wie der Krebs sie Stück für Stück von innen aufgefressen hat... Leonie wird sie innerhalb wenige Monate vergessen haben, aber ich werde sie nie vergessen. Sie wird mir immer fehlen, mein ganzes Leben lang... In 2 Monaten soll ich in Neuseeland vor der Kamera stehen und mein Bestes geben. Aber ich weiss noch nicht mal, wie ich es bis zur nächsten Woche schaffen soll." Lu atmete tief durch und konnte den Schmerz seines besten Freundes fühlen. Er wusste, wie sehr er Lena geliebt hatte und wie verzweifelt er jetzt war. Er wollte etwas sagen, aber fand einfach nicht die richtigen Worte. Aber dann nach einer ganzen Weile sprach er: „Hey, vielleicht ist es sogar gut, wenn du nach Neuseeland gehst. Dort bist du in einer anderen Umgebung und kommst auf andere Gedanken. Da wird es dir besser gehen!" Doch Elyas schüttelte nur seinen Kopf. Dabei lief ihm ein so kalter Schauer über den Rücken, dass er anfing zu zittern.
