Wochen vergingen und Lenas Augenlicht verschwand komplett. Im Haus bewegte sie sich tastend fort und Elyas versuchte immer alles genau dort hinzustellen oder abzulegen, wo es hingehörte, damit sie es schnell finden konnte. Aber auch ihre Kopfschmerzen wurden immer stärker. Es gab Tage, wo sie gar nicht mehr aufstehen konnte, da die starken Schmerzmittel sie zu müde und schwach machten. Aber Elyas hatte es geschafft, seine Termine fast komplett zu verschieben oder abzusagen und war so immer für seine Frau da.
Normalerweise traf sich Elyas Familie jeden Sonntagabend bei seiner Mutter um zusammen zu essen. Diese Tradition hatten sie schon seit Jahren und Elyas genoss es, denn seine Familie gab ihm Halt in diesem Pressetrubel um ihn. Aber diesen Sonntag trafen sich alle in Elyas Haus, da Lena zu schwach war um raus zu gehen. Allerdings fehlte heute die entspannte Atmosphäre der Familientreffen. Niemand machte Scherze und alle guckten nur besorgt auf Lena, die müde auf dem Sessel sass und versuchte, ihre Schmerzen zu ertragen. Die Schmerzmittel halfen nicht mehr und der stechende Schmerz in ihren Schläfen raubte ihr jegliche Kraft. „Elyas, kann ich mal kurz mit dir in der Küche reden?" fragte seine Mutter. Er guckte sie überrascht an, aber stand sofort auf. Sie schloss die Tür hinter ihm und sprach in einem dringenden und ernsten Ton: „Lena muss ins Krankenhaus." Sofort schüttelte er den Kopf: „Sie will nicht und ich kümmere mich um sie. Ich... ich will auch bei ihr sein." Ihre Stimme wurde gereizt: „Sie leidet. Sie braucht Morphium und das bekommt sie nur unter ärztlicher Beobachtung. Du kannst hier nichts für sie tun. Bitte, es gibt keinen Grund, dass sie sich so quälen muss." Elyas drehte sich zur Seite und Tränen stiegen in seine Augen. In der Zwischenzeit hatte Lena Raphael gebeten, ihr hoch ins Schlafzimmer zu helfen, damit sie sich hinlegen konnte. In der Küche rieb Elyas sich die Augen und liess sich vor Frustration auf den Stuhl fallen. Tag für Tag versuchte er stark zu wirken, aber innerlich starb er mit Lena. Auch er konnte es nicht ertragen, die so zu sehen. Jede Nacht kämpfte er mit Tränen und bei jedem Gedanken an Lena wurde sein Herz von einer unsagbar starken Kraft zerdrückt. Er schrie seine Mutter verzweifelt an: „Ich weiss doch auch nicht, was ich machen soll!" Weinend stützte er seinen Kopf in die Hände und seine Mutter kam auf ihn zu und streichelte ihn über seine lockigen dunklen Haare.
In der nächsten Sekunde hörten sie Raphael in Panik rufen: „Mama! Elyas! Schnell, Lena hat einen Anfall!" Elyas sprang auf und rannte mit Raphael die Treppe nach oben. Seine Mutter versuchte ihm so schnell wie möglich zu folgen. Elyas stiess die Tür mit Wucht auf und sah Lena, wie sie auf dem Bett und lag und Krampfanfälle hatte. Sie zuckte mit ihrem Körper auf und ab und war nicht ansprechbar. Schnell sprach Raphael: „Ich habe sie nur hier hoch gebracht und plötzlich fing sie damit an." Elyas schrie: „Mama, bitte, mach was!" Sofort schob sie ein Taschentuch in Lenas Mund, damit sie sich nicht auf die Zunge biss und rief zu Raphael: „Ruf einen Krankenwagen an, sofort!" Rosemarie checkte Lenas Pupillen und ihren Herzschlag und konnte nichts anderes machen, als zu warten, bis der Krankenwagen kam. Elyas stand neben den Bett und bewegte sich nervös auf der Stelle. Er hielt seine Hände vors Gesicht und hatte Probleme beim Atmen. „Stirbt sie?" fragte er zitternd.
Im Krankenhaus musste Elyas eine unerträglich lange Zeit warten, bis endlich ein Arzt auf ihn zukam. „Guten Tag, mein Name ist Prof. Dr. Schmied. Ihre Frau ist stabil. Wir haben ihr krampflösende Medikamente gegeben und sie wird in ein paar Stunden aufwachen." sagte der Arzt während er Elyas seine Hand hinhielt. Stotternd fragte Elyas: „Wann... wann kann sie wieder nach Hause? Sie hat gesagt, sie möchte nicht in einem Krankenhaus sterben." Dr. Schmied setzte eine ernste Miene auf und sagte: „Sie verstehen nicht. Wir geben ihrer Frau Morphium und sie wird hier bei uns bleiben müssen. Später werden wir sie auf die Onkologie verlegen." Der Arzt machte eine kurze Pause und sagte dann: „Der Tumor wächst sehr schnell. Sie hat vielleicht noch ein paar Tage. Es tut mir Leid!" Elyas spürte wie sich ein heisses Messer in seine Brust bohrte und er fiel in ein tiefes schwarzes Loch.
