Die Wochen vergingen und Elyas meldete sich nicht bei Lena und Lena auch nicht bei Joseph. Jeder leidete alleine und versuchte seinen Schmerz und seine Sehnsucht irgendwie zu unterdrücken. Fast jede Nacht träumte Lena von Elyas und wie er sie berührte, küsste und ihr eine unglaubliche Gänsehaut zauberte. Aber sie redete sich ein, dass sie mit ihm nie glücklich werden würde. Elyas stattdessen tröstete sich mit Alicia und inzwischen verbrachte er fast jede Nacht mit ihr. Er liebte sie nicht und würde die niemals lieben, aber er wollte nicht alleine sein und brauchte die Ablenkung.
Die Uni hatte bereits wieder angefangen und Lena war jeden Tag nur wenige Stunden auf der Kinderstation. Es war an einem Freitagnachmittag und kurz vor dem Feierabend wollte sie noch schnell ein paar Dokumente zum Oberarzt bringen. Sie klopfte an sein Büro, trat schnell hinein und sprach, während sie den Arzt anguckte: „Das sind die Untersuchungsergebnisse von dem kleinen Max. Ich gehe dann jetzt. Bis mo..." Sie unterbrach ihren Satz als ihr Blick in Richtung des Sofas schweifte: Dort sass Elyas, der gerade von der Schwester ein Pflaster an seinen linken Arm geklebt bekam. Ihre Augen verformten sich zu kleinen Schlitzen und sie schrie ihn an: „Bist du zu blöd zu verstehen, dass du hier nicht mehr wegen mir auftauchen sollst? Es ist vorbei!" Der Oberarzt räusperte sich und sprach mit einem ruhigen Ton: „Ich weiss zwar nicht, was sie gegen Herrn M'Barek haben, aber er ist definitiv nicht wegen Ihnen hier. Er würde als Spender für Mara in Frage kommen und wir haben gerade Blut abgenommen um seine Blutwerte zu sehen." Lena war total verwirrt. Sie konnte nicht glauben, dass Elyas wirklich Knochenmark spenden würde. Sie fragte sich, warum er das tat! Wollte er sie beeindrucken? War das seine Masche, sie wieder zu bekommen? Ja, sie war sich sicher, dass es das war! Sie fauchte Elyas an: „Das ist nicht dein Ernst, oder? Denkst du echt, dass es was aus uns wird, weil du dich hier als Held aufspielst? Das ist echt die schlechteste Idee, die du haben konntest!" Er schluckte und sprach dann ernst: „Lena, es geht hier nicht um dich! Vielleicht bin ich endlich erwachsen genug um zu erkennen, dass man auch mal selbstlos sein muss. Und wenn ich dem kleinen Mädchen helfen kann, dann mache ich das gerne. Tschüs!" Er ging so schnell an ihr vorbei, dass er unabsichtlich an ihren Arm stiess und sie ein Stück zur Seite schubste. Die Tür fiel ihm beim Schliessen vor Wut aus der Hand und sie knallte mit einem lautem Geräusch zu.
Als Elyas den Tag zuvor den Anruf erhalten hatte, dass er als Spender für ein Mädchen namens Mara in der Leukämiestation in Frage kommen würde, war er zuerst sprachlos und hatte sogar Angst, aber stimmte dann doch zu, nachdem der Arzt ihm am Telefon die OP und die Notwendigkeit und die Dringlichkeit der Spende erklärt hatte. Natürlich war sein erster Gedanke gewesen, dass er damit vielleicht Lena beeindrucken konnte, aber schnell wurde ihm klar, dass das nicht funktionieren würde. Trotzdem war er gerne zu dem Termin zur Blutabnahme gegangen, da er das erste Mal in seinem Leben fühlte, dass er wirklich etwas Besonderes tat. Er würde etwas geben, was man nicht einfach so mit Geld kaufen konnte und vielleicht konnte er ein Leben retten.
Nachdem Lena vom Oberarzt fragend angeguckt wurde, schüttelte sie ihren Kopf und meinte: „Sorry, ich.. wir.. also, Elyas... Herr M'Barek und ich sind halt keine guten Freunde. Er hat.. Ach, ist doch egal, es ist was persönliches!" Nervös biss sie sich auf die Unterlippe und war sehr peinlich berührt, weil sie vor ihrem Chef so ausgerastet war. Der Oberarzt guckte sie ernst an und meinte: „OK. Ich hoffe, das war ein Einzelfall. Denn es ist wirklich nicht vorteilhaft, wenn sie uns so die Spender wegjagen!" Lena war so wütend, dass sie das Gefühl hatte zu explodieren, denn dieser Idiot verstand einfach gar nichts. Aber sie schluckte ihre Gefühle herunter und verabschiedete sich um aus der Tür zu gehen und sich umzuziehen. Aber sie bekam Elyas Worte nicht aus dem Kopf: Hatte er sich wirklich als ‚erwachsen' beschrieben? War er das? War er reifer geworden? Vielleicht sogar durch sie? Hatte er etwas gelernt und wollte wirklich nur helfen? Umso länger sie darüber nachdachte, desto frustrierter wurde sie. Sie vermisste ihn so sehr und so eine Tat war genau das, was sie sich immer von ihm erhofft hatte um ihn vielleicht doch bewusst lieben zu können. Aber als sie ihn dann wirklich vor sich sah, hatte sie wieder falsch reagiert! „Scheisse, ich bin so dumm!" schrie sie während sie sich gegen die Schränke in dem Umkleideraum fallen liess und wieder liefen die Tränen wie ein Bach ihre Wangen herunter.
