Es war bereits eine Woche vergangen und Lena hatte alle Anrufe und Nachrichten von Elyas ignoriert. Aber in den letzten beiden Tagen war ihr Handy stumm geblieben. Anscheinend hatte er aufgegeben. Einerseits war das erlösend, aber andererseits machte sie das auch traurig. Daher schleppte sie sich jeden Tag mit gebrochenem Herzen zur Uni und danach auf die Kinderstation. Aber auch die lachenden Kinder und Schokoladengeschenke konnten sie nicht aufheitern. Sie vermisste Elyas, seinen Geruch, sein ansteckendes Lachen und seine strahlenden dunklen Augen. Aber sie blieb stark und redete sich ein, dass es so auf Dauer besser wäre, für beide.
Als sie heute ins Schwesternzimmer trat, kam ihr die Oberschwester entgegen und meinte: „Du hast einen Brief bekommen." Lena runzelte die Stirn und fragte: „Von wem?" Die Schwester zuckte mit den Schultern und sagte: „Steht nicht drauf!" Sofort dachte Lena nur an Eines: Würde Elyas ihr wirklich einen Brief schreiben? Aber die Schrift auf dem Umschlag war nicht seine Schrift, es war eine sehr feminine Schrift. Sie riss den Umschlag auf und begann zu lesen:
Liebe Lena,
ich bin es, Anika Decker und falls du dich gleich fragst: Nein, Elyas hat mich nicht gebeten, dir zu schreiben. Allerdings hat er mich am Samstag am Boden zerstört angerufen und mir alles erzählt.
Ich möchte Einiges klarstellen: Elyas und ich kennen uns schon lange und sind sehr gute Freunde und das ist auch wirklich alles. Er ist wie ein kleiner Bruder für mich, der mich auch oft mal um Rat bei Frauen anruft oder mir sein Herz ausschüttet, wenn es nicht so gut läuft.
Am letzten Samstag hatten wir uns eigentlich getroffen um noch ein paar Details zur Premiere und Kinotour zu besprechen, aber er sprach die ganze Zeit nur von dir. Er erzählte mir von deiner Arbeit und schwärmte mir vor, wie intelligent, gefühlvoll, natürlich, humorvoll, selbständig und sensibel du bist. Ich weiss sicher, dass er dir treu ist und dich mit ganzen Herzen liebt. Ehrlich gesagt, habe ich ihn noch nie so erlebt. Noch nie hat er jemanden so sehr geliebt wie dich.
Ich weiss nicht, ob du mir glaubst oder ob dieser Brief deine Meinung über Elyas ändert. Aber ich würde es mir wünschen, den jeder verdient es, diesen einen speziellen Menschen an der Seite zu haben. Elyas ist nicht einfach und auch sein Beruf verkompliziert einiges, aber mit Vertrauen und Liebe können diese Probleme überwunden werden.
Liebe Grüsse, Anika
Lena stand zitternd mit dem Brief in der Hand und Schwesternzimmer und atmete schnell ein und aus. Ihr wurde schwindelig, setzte sich auf einen Stuhl, liess denn Brief fallen und stützte ihren Kopf in die Hände. Wieder einmal brach sie in Tränen aus und ihr schlechte Gewissen schien sie von innen aufzufressen. Plötzlich wurde ihr alles klar: Das Problem der Beziehung war sie. Er war immer ehrlich ihr gegenüber gewesen, denn er hatte immer nur sie gewollte und sie hatte sich gesträubt. Sie war diejenige, die alle Fehler gemacht hatte. Diejenige, die vielleicht alles zerstört hatte! Eine der Schwestern fasste sie an die Schulter und fragte: „Lena, ist alles OK? Was ist passiert?" Sie guckte sie mit geschwollenen und tränennassen Augen an: „Nein, nichts ist OK. Ich bin der grösste Idiot der Welt! Scheisse! Ich muss los. Sorry, ich komme morgen wieder." Sie sprang auf, stopfte den Brief in ihre Tasche und rannte den Gang entlang um in ihr Auto zu springen und loszufahren.
