Aber der erwartete Schmerz kam nicht, stattdessen sah Elyas in der nächsten Sekunde wie Lena vor ihm kniete und sich den Bauch hielt. Blut tropfte auf den Boden und in Elyas explodierte vor Wut: Er nahm die Waffe nach oben, zielte und drückte ab. Der Anführer wurde genau ins Herz getroffen und ging sofort zu Boden. Elyas warf die Waffe zur Seite und kniete sich über Lena. „Lena! Sag etwas, bitte! Irgendetwas! Warum hast du das gemacht?" Aus Lenas Bauch quoll das Blut in grossen Mengen hervor und sie zitterte so stark, dass ihre Zähne aufeinanderstiessen. Sie wurde kreidebleich und ihre Hand löste sich aus Schwäche von der Schusswunde und sofort lief das Blut noch schneller. Elyas drückte wie aus Reflex auf die Wunde und sprach weinend: „Hey, halte durch! Die kommen gleich mit ein paar Ärzten.OK?" Tränen liefen Lenas Gesicht entlang und sie flüsterte: „Elyas, ich liebe dich!" Ihm stockte der Atem und ein heisses Messer bohrte sich ganz langsam in die Brust. In diesem Moment wurde Elyas zur Seite geschoben und zwei Ärzte legten Lena auf eine Liege und schoben sie in windeseile aus dem Raum. Elyas liess sich auf den Rücken fallen und atmete schnell. Die Umrisse verschwommen vor seinen Augen und als ein Arzt sich neben ihn hockte und fragte „Sind Sie verletzt?" konnte er nicht antworten. Er hatte keinerlei Kontrolle über seine Sinne und sah nur die blasse und sterbende Lena vor sich.
Als die Sonne langsam aufging, wurde Elyas Sicht wieder klar und er guckte in die müden Augen seiner Mutter und von Joseph. Es dauerte einen Moment, bevor er realisierte, wo er war und was passiert war. Aber als die Erinnerungen zurückkamen, fragte er panisch: „Lena? Geht es ihr gut?" Joseph legte seine Hand auf Elyas Schulter und sagte leise, nachdem er tief einatmete: „Sie hat sehr viel Blut verloren. Sie wurde an der Aorta getroffen. Sie ist noch nicht über den Berg, aber die Ärzte tun alles für sie." Elyas Herz schien sich zu verkrampfen und Tränen stiegen in seine Augen. Mit zittriger Stimme fragte er: „Kann ich sie sehen?" Aber Joseph schüttelte leicht den Kopf. Elyas versuchte sich aufzurichten und sprach hektisch: „Bitte! Ich muss sie sehen! Sie hat es für mich getan. Die Kugeln waren für mich bestimmt! Sie darf nicht sterben!" Dieses Mal strich seine Mutter ihm durchs Haar und drückte ihn vorsichtig zurück ins Bett. Mit ihrer sanften Stimme sagte sie: „Schatz, beruhige dich! Es tut mir Leid, du kannst jetzt nicht zu ihr. Und... da stehen noch zwei Polizisten vor der Tür und wollen dich befragen. Es ist wohl noch nicht so ganz klar, wer gestern Nacht auf wen geschossen hat und alle andern sind tot und Lena ist schwer verletzt." Bei dem Gedanken, dass er gestern jemanden getötet hatte, wurde ihm übel und er musste seinen Brechreiz unterdrücken. Jegliche Farbe verschwand aus seinem Gesicht und er atmete schnell und unkontrolllierbar. Er guckte Joseph mit ängstlichen und aufgerissenen Augen an, aber dieser fasste ihn beruhigend auf seine Hand, drückte sie leicht und sagte: „Keine Sorge, es passiert dir nichts. Es war Notwehr. Es geht nur um den Verlauf der Schiesserei." Er schluckte und am liebsten hätte er gebeten, dass seine Mutter an seiner Seite blieb um seine Hand zu halten. Aber sie und Joseph gingen aus dem Zimmer und sofort kamen die Polizisten herein.
Die Polizisten waren sehr nett und Elyas beantwortete alle ihre Fragen geduldig, aber doch mit schlechtem Gewissen. Er war kein Mörder und er wollte nie jemanden töten; es war aus Reflex, aus Selbstschutz. Am Ende des Gesprächs versicherten die Polizisten ihm, dass diese Informationen vertraulich behandelt werden würden und nicht der Presse zugänglich waren. Elyas bedankte sich und verschwand wieder in Gedanken an Lena.
Alle paar Stunden fragte er nach dem Zustand von Lena, aber die Antwort war immer die gleiche: „Es geht ihr sehr schlecht, aber sie kämpft weiter." Am frühen Abend verlor er die Geduld und flehte die Krankenschwester an: „Bitte, ich muss sie sehen, nur 5 Minuten!" Aber die Schwester machte einen mitfühlenden Gesichtsausdruck und schüttelte leicht mit dem Kopf: „Es tut mir Leid, nur Familienangehörige, aber ihre Eltern leben in den USA. Und laut Angaben ihrer Kollegen und Freunde hat sie auch keinen festen Freund." Elyas guckte der Schwester tief in die Augen und sagte: „Ich bin so etwas wie ihr neuer Freund. Bitte! Sie hat doch sonst keinen, das haben Sie eben gesagt." Sie rollte genervt mit den Augen und sprach: „Dann kommen Sie mit. Fünf Minuten und nicht mehr!" Schnell sprang Elyas aus dem Bett und bemerkte, dass die Schmerzmittel nicht stark genug waren um diese schnellen Bewegungen schmerzfrei auszuführen. Er stützte sich am Bett ab und atmete schnell und versuchte den Schmerz zu unterdrücken. Die Schwester grinste: „Na, da hat es aber jemand eilig." Elyas fand das nicht lustig, war aber auch nicht in der Verfassung um eine passende gemeine Antwort zu finden.
