Am nächsten Morgen musste Elyas so früh ans Set, dass Leonie noch tief und fest schlief, als er das Apartment verliess, während Ava hineintrat um für die Kleine da zu sein. Bevor er die Tür verliess, sagte er: „Sie ist ein bisschen erkältet, glaube ich. Sie hat die ganz Nacht gehustet. Vielleicht ist es besser, wenn sie heute nicht in den Kindergarten geht. Ich bin am Nachmittag wieder da. Wenn es nicht besser wird, fahre ich dann mit ihr zum Arzt." Ava flüsterte: „Kein Problem. Ich gebe ihr Tee und ein paar homöopathische Tropfen. Vielleicht geht es ihr dann schon wieder besser." Elyas atmete beruhigt auf, denn er wusste, dass seine Tochter in den besten Händen war. Er verabschiedete sich mit einem zärtlichen Kuss von Ava.
Am Nachmittag fuhr der Fahrer mit einem dösendem Elyas vor das Gebäude, wo sich sein Apartment befand und sagte erschrocken: „Oh Fuck, hier ist was passiert!" Elyas öffnete sofort die Augen und guckte sich um. Die Haustür war weit aufgerissen und auf dem Boden lagen Dinge, wie Laptops, Ipads und sogar Schmuck. Der Fahrer rief: „Die haben hier versucht einzubrechen und konnten wohl nicht alles mitnehmen. Bleib im Auto, ich hole die Polizei!" Aber Elyas hörte kein Wort von dem Gesagten, sondern dachte nur noch an Leonie. Er riss die Autotür auf und mit einem rasenden Herzen stürzte er ins Gebäude und lief zu seiner Wohnung. Die Tür war auch geöffnet und alles war durcheinander: Bücher lagen auf dem Boden, die Stehlampe war umgekippt, Hosen und T-Shirts häuften sich vor seinem Schrank und praktisch alle technologischen Geräte fehlten. Aber das interessierte ihn nicht. Sofort rief er nach Ava und Leonie, aber es kam keine Antwort. Panik stieg in ihm auf und ihm wurde vor Angst schlecht. Sein Brustkorb schmerzte und alles um ihn herum drehte sich. „Haben die meine Tochter entführt?" sagte er halblaut vor sich hin. Aber dann bemerkte er die offene Terrassentür und lief nach draussen. Sein Herz stoppte als er Ava mit einer grossen Kopfwunde am Boden liegen sah. Er rannte zu ihr und guckte sich im gleichen Moment nach Leonie um, aber sie war nirgends zu sehen. Er kniete sich neben Ava, nahm ihre Hand und fasste sie gleichzeitig vorsichtig ins Gesicht um sie aufzuwecken. „Ava, Ava, wo ist Leonie! Bitte, sag's mir!" schrie er voller Angst. Ava öffnete ganz langsam ihre Augen und sie spürten einen stechenden Schmerz in ihrem Kopf. Ihre Sicht war verschwommen und noch einmal wiederholte Elyas seine Worte: „Wo ist Leonie?" Ava versuchte ihren Brechreiz zu unterdrücken und sprach stockend: „Sie... Die hatten Waffen und sie hatte Angst. Sie ist weggelaufen, aber... ich hatte, sie haben mich geschlagen...ich konnte nicht hinterher. Sie ist in den Wald. Es tut mir so Leid... ich konnte nicht und sie hat nicht gehört." Hektisch drehte sich Elyas um und guckte in die Richtung des grossen dunklen Waldstückes. Seine Atmung stoppte einen Moment und guckte dann besorgt zu Ava. Aber sie sagte: „Geh, es ist OK! Such sie!"
Schnell sprang er auf und rannte in den Wald. Immer wieder rief er Leonies Namen und ging tiefer und tiefer hinein. Aber er bekam keine Antwort und sie war weit und breit nicht zu sehen. Auf seinem Herz lastete ein so starker Druck, dass er keine Luft mehr bekam. Er stüzte sich weinend an einen Baum und rief noch mal mit aller Kraft: „Leonie, bitte, komm her!" Aber auch dieses Mal passierte nichts und die Stille des Waldes schien ihn zu verschlucken. Er rutsche langsam den Baum herunter und setzte sich auf den Waldboden. Während er sich die Tränen wegwischte, sah er plötzlich etwas Buntes weit weg von ihm auf dem Waldboden liegen. „Oh Gott, nein!" schrie er, während er schon seine tote Tochter vor den Augen sah. Mit weichen Beinen stand er auf und lief die 200 Meter so schnell er konnte. Als er stoppte, stand er vor Leonies grossem Teddy, der eine rosane Latzhose und blauen Hut trug. Zitternd hob er das Kuscheltier auf und liess abermals seinen Blick schweifen, aber seine Tochter konnte er nicht sehen. Er liess sich auf die Knie fallen und stützte den Kopf schluchzend in seine Hände. In dem Moment hörte er ein Geräusch von hinten und drehte sich erschrocken um. Mehrere Polizisten kamen mit Schäferhunden auf ihn zu und einer fragte: „Ist das ihr Kuscheltier?" Elyas nickte schnell. Der Polizist stellte sich als Sheriff Madison vor und sagte so beruhigend wie möglich: „Wir sind hier um ihre Tochter zu suchen. Wir haben bis jetzt nur erfahren, dass sie in den Wald gelaufen ist. Wie heisst sie denn? Und wie alt ist sie?" Elyas sass noch immer auf dem Waldboden und fühlte sich zu schwach um aufzustehen. Mit beschlagener Stimme sagte er: „Leonie und sie ist 1,5 Jahre alt." Sheriff Madison sprach ganz ruhig weiter: „OK, also, so weit wird sie in ihrem Alter nicht gelaufen sein. Was hat sie heute getragen?" Elyas schüttelte irritiert den Kopf: „Ich weiss nicht, ich weiss nicht, meine Babysitterin hat sie angezogen." Aber dann plötzlich fiel ihm ein, dass Ava ihm um die Mittagszeit ein Foto per Whatsapp geschickt hatte und drunter schrieb: „Es geht ihr schon viel besser." Schnell tastete er nach seinen Handy, zog es zitternd hervor und suchte nach dem Foto. Er sah das Foto von einer lachenden Leonie, die mit einem Schal und Jacke auf der Terrasse mit ihren Legosteinen spielte und konnte nichts mehr sagen. Er drehte das Handy zu den Polizisten und Sheriff Madison studierte es ganz genau um dann zu fragen: „Können wir den Teddy haben, für die Hunde, damit wir die Fährte aufnehmen können?" Elyas übergab den Teddy und seine Finger zuckten hin und her. Dann sagte der Polizist: „Bitte gehen Sie zurück zum Haus! Dort sind weitere Polizisten, sie werden das Foto gebrauchen können um gleich eine Vermissstenanzeige für das Radio und Fernsehen rauszugeben. Vielleicht hat jemand sie gesehen. Wir werden alles tun um ihre Tochter zu finden." Wie in Trance stieg Elyas auf und ging den Weg zurück zum Haus. Er hörte, spürte und fühlte nichts mehr. Alles war kalt und dunkel und er atmete nur stockend.
