Das ist wunderschön

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"Lust auf einen Ausflug? Du kennst dich doch hier aus, oder?" fragte Elyas Ava bei einem späten Frühstück in der Lobby. Sie antworte: „Ähm, ja, aber nein." Sie grinste ihn an und erklärte dann: „Also, ich würde schon gerne mitkommen, aber so richtig kenne ich mich hier nicht aus, da ich aus Christchurch bin. Ich konnte dir den Weg zum Kindergarten nur erklären, weil ich ihn vor drei Tagen abgefahren bin und mich da erkundigt habe. Ich wollte halt vorbereitet sein." Elyas lächelte: „Kein Problem. Wir haben doch ein Navi. Hier soll es irgendwo ein paar Wasserfälle geben und die Kleine mag die Natur. Ich habe das Gefühl, dass sie dann viel relaxter ist, wenn ich mir ihr draussen bin." Ava nickte während sie Elyas Augen fixierte und sie konnte sich vor Vorfreude auf einen ganzen Tag mit Elyas kaum kontrollieren.

Schnell packten Elyas und Ava ihre Badesachen, Handtücher, Sonnencreme und etwas zu essen in ihre Taschen und starteten in Richtung der Wasserfälle. Auf der Fahrt erzählte Elyas viel über seine Arbeit und wie seine Karriere begonnen hatte und Ava hörte interessiert zu. Die Fahrt war lang und als sie endlich ausstiegen um den Rest zu laufen, freute sich Leonie sich bewegen zu dürfen und lief glücklich vor Ava und ihrem Papa den Weg entlang. Plötzlich guckte Elyas Ava besorgt an: „Darf ich dich was fragen? Du hast das doch studiert, also Kindererziehung und Psychologie und so." Sie nickte sofort und sagte: „Ja klar. Was ist denn?" Er atmete tief ein und aus, während er Leonie beobachtete, wie sie mit kleinen unsicheren Schritten vor ihnen herlief: „Sie spricht kaum. Ich meine, eigentlich spricht sie gar nicht. Sie kann nur das Wort ‚Papa'. Sie hat nie ‚Mama' oder so gesagt. Und jetzt ist ihre Mutter seit zwei Monaten tot und sie hat kein weiteres Wort gelernt. Wenn sie etwas will, zeigt sie nur auf etwas und schreit. Aber egal, wie sehr ich es probiere, sie spricht einfach nicht!" Als er das sagte, verspürte er eine unglaublich grosse Angst, dass mit ihr etwas nicht stimmte und er musste sogar seine Tränen unterdrücken. Ava antwortete schnell: „Mach dir keine Sorgen! Vielleicht ist sie ein bisschen traumatisiert und sie vermisst ihre Mama bestimmt. Aber natürlich kann sie es noch nicht ausdrücken und jetzt mit dem Englischen wird sie noch verwirrter sein. Gib ihr ein bisschen mehr Zeit, das ist ganz normal!" Bei den Worten, dass sie bestimmt auch ihre Mama vermisst, blieb Elyas das Herz stehen und er bekam keine Luft mehr. Aber dann schüttelte er kurz seinen Kopf und antwortete mit einem kurzen „Ok."

Leonie lief den ganzen Weg zu den Wasserfällen alleine und als sie das laute Geräusch des Wassers hörte, stoppte sie und guckte ihren Papa erschrocken an. Elyas kam schnell zu ihr, nahm sie auf den Arm und sagte: „Keine Angst. Guck mal, da! Siehst du das? Das ist wunderschön!" Die Kleine schlung ihre Arme um Elyas Hals und guckte in die Richtung, in der er zeigte. Vor den Wasserfällen legte Ava die Decke aus und alle hatten ein kleines Picknick. Gerne liess sich Leonie von Ava mit den Sandwiches füttern und guckte sie lachend an. Elyas beobachtete die Szene mit einem lächelnden Gesicht und freute sich, dass seine Tochter mit der Babysitterin so schnell einen guten Kontakt hatte.

Nach dem Picknick verschwand Elyas hinter einem Busch und kam Sekunden später mit seiner Badehose wieder hervor. Während Ava und Leonie auf der Decke sassen, beobachten sie, wie Elyas von einem Felsvorsprung mit einem Köpfer ins eiskalte Wasser sprang. Schnell nach Luft ringend tauchte er auf und rief: „Holy Fuck, ist das kalt!!!" Ava lachte laut auf und rief: „Das hätte ich dir auch vorher sagen können. Dreimal darfst du raten, warum ich noch hier auf der Decke sitze?!" Sofort waren Elyas Füsse gefroren, aber die ganze Landschaft erinnerte ihn an einen Film und er schwamm zu einem Felsvorsprung, auf den er hinaufkletterte um so direkt unter den Wasserfall zu gelangen. Vorsichtig taste er sich die Steine entlang und spürte die spitzen und kalten Felsen unter sich, aber irgendwie fühlte er sich stark und selbstsicher und weniger Meter später stand er direkt vor dem fallenden Wasser und streckte seinen Arm aus. Die Tropfen fielen hart und kalt auf seine Finger, aber troztdem stellte er sich komplett unter das auf ihn herunterkrachende Wasser. Er liess seinen Kopf in den Nacken fallen und breitete die Arme aus. Er atmete tief ein und aus und schloss die Augen. Die kühlen und grossen Tropfen schienen ihn von seinen dunklen Gedanken und Sorgen zu erlösen und erfrischten seine Seele. Während er so da stand, lachte er, öffnete seinen Mund und er schmeckte das frische Quellwasser. Er stiess einen kleinen Jubelschrei aus und sprang wie in Zeitlupe zurück in den Fluss. Ava hatte die ganze Szene genau beobachtet und bewunderte seinen Körper und Haltung; alles schien so perfekt inszeniert! Sie war immer noch in Trance, als er aus dem Wasser stieg und auf Ava und Leonie zuging. „Los, Bikini anziehen und reinspringen; es ist wundervoll!" sagte er bestimmend. Schnell schüttelte sie den Kopf, aber Elyas griff nach ihr und zog sie Richtung Wasser. Sie zappelte und rief lachend: „Nein, nein, bitte nicht! Warte!!!... OK, ok, ich gehe! Aber lass mich erst umziehen!" Er liess sie los und guckte sie lachend an während seine Augen strahlten.

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