Schlechtes Gewissen

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Elyas verbrachte täglich mindestens 4-5 Stunden an Josephs Seite im Krankenhaus. Und als er am 4. Tag endlich wieder aufgeweckt wurde, sassen Elyas und seine Mutter um das Bett herum und warteten sehnsüchtig darauf, dass er die Augen öffnete. Als seine Augenlider zitterten, schlug Elyas Herz einen Takt schneller. Irgendwie hatte er Angst. Angst davor, dass ihm Joseph nicht verzeihen würde. Seine Familie war ihm doch so wichtig und er liebte seine Brüder abgöttisch, denn sie gaben ihm Halt in diesem ganzen Rummel, den es tagtäglich um ihn herum gab. Ganz langsam öffneten sich Josephs Augen und er guckte orientierungslos durch den Raum. Seine Sicht war verschwommen, aber er hörte die Stimme seiner Mutter und spürte ihre Hand, die sanft über seinen Arm strich: „Hallo, mein Schatz, wie geht es dir? Hast du Schmerzen? Du hattest einen Unfall, aber dir wird es bald wieder besser gehen." Kurz schloss er die Augen und wie Blitze in seinem Kopf kamen die Bilder seines Unfalls wieder zurück in seine Erinnerng: der riesige LKW, die Zusammenstoss, die höllischen Schmerzen in seinem Bein... Seine Stimme war zittrig: „Nein, ich habe keine Schmerzen." Er atmete tief ein und aus und sein Kopf rollte vor Schwäche zur Seite. Schnell griff Elyas nach dem Kissen und versuchte es so in Form zu drücken, dass Joseph bequemer liegen konnte. Dann sprach der Arzt, der die ganze Zeit in der Tür gestanden hatte: „Er braucht jetzt Ruhe. Es ist vielleicht besser, wenn sie morgen wiederkommen." Seine Mutter stand auf, küsste Joseph auf die Stirn und ging zur Tür. Aber Elyas blieb sitzen und meinte: „Ich komme gleich nach, nur noch 5 Minuten." Der Arzt guckte etwas unglücklich, aber verliess mit seiner Mutter das Zimmer.

Elyas sass schweigend neben Joseph und guckte ihn an. Die bereitgelegten Worte waren aus seinem Gedächtnis gelöscht und er wusste nicht, was er sagen sollte. „Und, was machst du hier?" fragte Joseph klar und deutlich. Elyas guckte zur Seite und zuckte leicht mit den Schultern: „Schlechtes Gewissen und so." Sein Herz schlug wie wild und seine Seele war ein schwarzes Loch, zerfressen von den Schuldgefühlen. Joseph nickte leicht und sagte: „Gut!" Elyas rieb sich die Augen und sagte schnell: „Mann, es tut mir Leid. Ich weiss noch nicht mal, warum ich es getan habe. Ich wollte dich doch nicht verletzen. Ich mochte sie so gern und ich war so wütend. Aber ich war echt ein riesiges Arschloch. Ich würde es so gern ungeschehen machen!... Warum musstest du der Neue sein? Ich dachte, du stehst auf Blondinen!" Joseph musste lachen: „Ja, eigentlich schon, aber sie ist so speziell, so anders als andere Frauen." Elyas nickte: „Ja, das ist sie... Und sie nervt mich schon die ganze Zeit; sie will dich unbedingt sehen." Aber der kleine Bruder schüttelte den Kopf: „Ich will sie aber nicht sehen. Du kannst sie haben. Die hat Gefühle für dich, sonst wäre sie nicht so eifersüchtig geworden, als sie sich mit deiner Unterwäscheschlampe gesehen hat." Elyas kniff ihn freundschaftlich und leicht in den Arm: „Du sollst Alicia nicht so nennen. Und Lena will mich auch nicht mehr. Die denkt auch, dass ich das grösste Arschloch der Welt bin." Der kleine Bruder guckte ihn an und nickte schelmisch grinsend: „Wo sie Recht hat, hat sie Recht! Na, dann bleiben wir halt beide single." Elyas hielt ihm die Hand hin und fragte: „Wieder Freunde?" Joseph griff nach der Hand: „Ich kann dir doch nie so richtig böse sein. Früher hast du mich fast wöchentlich verprügelt und jedes Mal habe ich deine Entschuldigung angenommen und daran hat sich nichts geändert. Aber bitte sag ihr, dass sie nicht vorbeikommen soll. Ihre Entschuldigung werde ich nicht annehmen." Elyas nickte, stand auf und strich ihm durch die blonden lockigen Haare: „Komm schnell wieder auf die Beine, kleiner Bruder!"

Als Elyas aus dem Zimmer war, rieb sich Joseph die Augen. Er wartete auf die Tränen, aber sie kamen nicht. Waren sie zu kurz zusammen gewesen, um wirklich verletzt zu sein? Benebelten die Schmerzmittel seine Sinne? Oder hatte er es irgendwie immer gewusst, dass sie doch einen Anderen liebte?

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