Du hast doch keine Ahnung

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Es war Freitagabend und Lena lag hellwach auf Claudias Sofa und konnte einfach nicht einschlafen. Sie hatte es bereits mit Lesen, warmer Milch und Kamillentee versucht, aber ihre Augen wollten einfach nicht zufallen. Ihre Gedanken liessen sie nicht in Ruhe und sie sehnte sich nach Elyas. Leise stand sie auf, zog sich an und schlich sich aus Claudias Wohnung um zu Elyas zu fahren.

Ihr Herz pochte laut vor Vorfreude und auch Angst Elyas wiederzusehen, als sie die Tür aufschloss. Aber in der Wohnung war alles dunkel und als sie das Licht anmachte, kam nur eine aufgeregte und fröhliche Anika auf sie zugerannt. Sie nahm die Hündin in den Arm und drückte sie sanft, während sie sagte: „Ja, dich habe ich auch vermisst! Und wo is denn der Elyas?" Anika guckte sie mit ihren grauen Augen ratlos an und schleckte vor Freude Lenas Gesicht ab. Lena setzte sich aufs Sofa, nahm ihr Handy und schrieb: „Elyas, wo bist du? Ich bin zu Hause und möchte mit dir reden. Ich habe dich vermisst!" Es dauerte einige Minunten, bis die Antwort kam: „IchHH bin mit meinnnn Kumpels in eineR Bar. aber komme gleich,,, WartEE auf mich!!!"

Nur 10 Minuten später hörte sie, wie Elyas versuchte, den Schlüssel von aussen ins Schloss zu stecken. Schnell sprang sie auf und lief in den Flur um die Tür zu öffnen. Sie lächelte einem wankendem Elyas entgegen, der sich am Türrahmen festhielt und „Danke!" sagte. Dann ging er an ihr vorbei und torkelte in die Küche, wo er eine Flasche Wasser suchte. „Elyas, es ist halb 12 und du bist schon sturzbetrunken!" rief Lena ihm hinterher. Elyas torkelte in Richtung Wohnzimmer und stolperte über seinen Fuss. „Fuck!" rief er, verlor sein Gleichgewicht und krachte auf den Boden. Die Szene war so lustig, dass Lena sich das Lachen verkneifen musste. Dann ging sie auf ihn zu und fragte: „Alles OK?" Er prustete laut los vor Lachen, aber es war ein böses Lachen und sprach lallend: „Ja klar, alles ist OK. Meiner Freundin ist es scheissegal, was ich denke oder möchte und fast wäre ich Vater geworden, aber eine Egoistin hat dafür gesorgt, dass das nicht passiert! Also, bin ich mit den Leuten, die sich noch um mich sorgen, was trinken gegangen um auf die Abtreibung anzustossen. Die Tötung meines Kindes muss ja ordentlich gefeiert werden! Also, beschwer dich nicht, dass ich betrunken bin!" Lena versuchte ihn zu unterbrechen, aber Elyas sprach ernst weiter, während er sie mit funkelnden Augen anstarrte: „Jetzt hältst du einfach mal die Klappe und hörst MIR zu! Du hast doch keine Ahnung, wie ich mich fühle. Mann, ich will eine Familie mit dir haben! Jedes mal, wenn ich in deine Augen gucke, wünsche ich mir nichts sehnlicher, eine Tochter oder einen Sohn zu haben, der genauso intelligent, selbstsicher, fleissig und hübsch ist wie du. Und du zerstörst diesen Traum einfach so, ohne auch nur das geringste Gefühl zu zeigen. Und noch was: Immer, wenn ich an einem Juwelierladen vorbeilaufe, bleibe ich stehen und betrachte die Verlobungsringe und denke mir aus, wie ich dich fragen würde, meine Frau zu werden. Aber jedes Mal bekomme ich Angst, dass du ‚nein' sagen würdest, weil dir immer alles zu schnell geht oder weil du selbstständig sein willst und dich nicht binden willst. Ich habe Angst, dass du es mit mir nicht so ernst meinst, wie ich es mit dir. Ich liebe dich so sehr und ich versuche wirklich alles zu machen um dich niemals zu verlieren." Er stoppte einen Moment und seufzte: „Und ich weiss nicht wie, aber ich werde dir vergeben müssen, denn ich kann ohne dich nicht leben!" Bei diesem letzten Satz guckte er nach unten und eine Träne lief über seine Wange. Er schluchzte leicht auf, rappelte sich vom Boden, ging in Richtung des Schlafzimmers und sagte: „Ich gehe jetzt ins Bett. Wir können ja morgen weiterreden, wenn ich wieder klar denken kann. Gute Nacht!" Lena stand für einen Moment wie angewurzelt da, rief ihm dann aber hinterher: „Elyas, warte, ich...." Aber genau in diesem Moment hörte sie, wie er die Tür zuschmiss und abschloss. Nun liefen ihr die Tränen herunter und ihr wurde klar, wie sehr er verletzt war. Seine Worte trieben ihr ein schlechtes Gewissen in die Seele, welches sie fast auffrass. Sie fasste sich an den Bauch und atmete tief ein und aus, was aber wie ein Stöhnen klang.

HoffnungenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt