Wieder einmal musste Lena mehr als 10 Stunden arbeiten und als sie totmüde in die überfüllte U-Bahn stieg, wurde ihr schon beim Gedanken an die stickige Luft schwindelig. Schnell guckte sie sich um, aber stellte enttäuscht fest, dass wirklich alle Sitzplätze belegt waren. Sie quetschte sich weiter in die Mitte des Wagons und liess sich mit dem Rücken gegen die Wand fallen. „Wollen Sie setzen? Sie sehen aus sehr müde!" sagte ein junger Mann mit gebrochenem Deutsch und stand auf um Lena seinen Platz anzubieten. Sie lächelte, bedankte sich und setzte sich sofort hin. Sie betrachtete den Mann etwas genauer und stellte fest, dass er genauso schöne dunkle Augen mit dichten schwarzen Wimpern wie Elyas hatte. Bei dem Gedanken an Elyas spürte sie eine angenehme Wärme aufsteigen, aber danach sofort ein unsicheres Gefühl über die bevorstehende Konversation. Ihr Handy piepte und zeigte eine Nachricht von Elyas an: „Soll ich dich abholen? Ich bin schon auf dem Weg nach Hause." Sie lächelte, denn manchmal hatte sie das Gefühl, dass er ganz genau wusste, wann sie an ihn dachte und schrieb dann: „Nein, brauchst du nicht. Ich bin schon in der U-Bahn. Ich bin gleich da!"
Dreissig Minuten später öffnete Lena die Wohnungstür und Anika kam mit wackelndem Schwanz und glänzenden Augen angerannt um ihr Frauchen zu begrüssen. Wie immer bückte sich Lena nach unten, strich ihr liebevoll über den Kopf und gab ihr einen Kuss auf die Nase. Es roch köstlich in der Wohnung und Lena ging sofort gefolgt von Anika in die Küche. Dort stand Elyas und öffnete freudestrahlend zwei Pizzakartons vom besten Italianer der Stadt. Als er Lena hörte, drehte er sich um, gab ihr einen Kuss und sagte: „Ich hoffe, Pizza ist OK. Ich hatte keine Lust, was zu kochen." Sie lächelte ihn verliebt an und antwortete: „Pizza ist toll!" Sofort griff sie nach einen Stück und biss gierig ab.
„So, was ist nun? Die Untersuchungen haben nichts ergeben?" fragte Elyas als die Pizzakartons leer waren. Lenas Herz stockte, sie rieb sich das Gesicht und stotterte: „Naja, da ist schon was Kleines." Das war wirklich eine gute Beschreibung: ‚etwas Kleines'! Er guckte sie besorgt an und fragte: „Und was? Aber nichts Schlimmes, oder?" Sie schwieg einige Sekunden und Elyas Brustkorb schmerzte vor Sorge. Aber dann sprach sie: „Ich bin schwanger." Elyas rief sofort aus „Was?" und guckte sie mit aufgerissenen Augen und halboffenem Mund an. Sie guckte nach unten und dachte sich: „Ja, genau das ist die Reaktion, die ich erwartet hatte. Und gleich rastet er aus und zeigt mit ein bisschen von seinem südländischen Temperament. Der Countdown läuft: Drei, zwei, eins..." Etwas stotternd sagte er endlich: „Ich... ich werde Vater? Oh Gott, Lena, das ist so krass! Wie geil ist das denn? Wow!!!" Nun riss Lena die Augen auf, denn nie hätte sie erwartet, dass er sich freuen würde. Sie war total perplex und fühlte eine Leere in sich aufsteigen. Sie war verwirrt und wusste nicht mehr, was sie sagen sollte. Sie hatte sich bereits die ganze Konversation bereitgelegt und wollte ihm erklären, dass es einfach so passiert ist und sie das nicht wollte, dass sie so schnell wie möglich einen Termin für die Abtreibung machen könnten und dann später, in 4-5 Jahren, eine Familie planen könnten und dass es nichts zwischen ihnen ändern würde. Tränen der Verzweiflung stiegen in ihr auf und sie versuchte ihre Gefühle zu unterdrücken und sprach so kontrolliert wie möglich: „Ich weiss nicht, ob ich es behalte. Ich will jetzt noch kein Kind, ich fühle mich nicht bereit. Ich bin erst 25 und ich wolltezuerst ein paar Jahre arbeiten, bevor ich überhaupt an eine Familie denken wollte." Elyas Gesicht wurde zu einer bösen Maske und seine Augen loderten vor Wut: „Was bitte? Du willst es abtreiben? Bist du verrückt? Das ist unser Kind, Lena, unseres! Das ist doch egal, ob es geplant war oder nicht! Ich bin der Vater, du kannst das nicht einfach so alleine entscheiden!" Nun guckte auch Lena ihn ernst an: „Doch Elyas, die Frau kann entscheiden, ob sie das Kind behält oder nicht. Du hast da kein Mitspracherecht, denn ich werde diejenige sein, die ihre Karriere aufs Spiel setzt. Und ich habe nicht 6 Jahre studiert um dann als Hausfrau deine Hemden zu bügeln." In Elyas stieg eine Hitze vor Wut auf und er fauchte böse: „Habe ich jemals gesagt, dass du eine Hausfrau sein sollst? Ich bin sehr stolz darauf, eine so intelligente und hartarbeitende Freundin zu haben. Aber das gibt dir kein Recht, unser Kind zu töten!" Plötzlich schnellten seine Hände nach vorne, umfassten Lenas Arme mit einem harten Griff und während er sie schüttelte, schrie er sie an: „Das kannst du nicht machen! Das ist MEIN Kind!" Lena schrie vor Schreck und Schmerz auf und stiess Elyas mit voller Kraft nach hinten, stand auf und guckte ihn keuchend an. Rennend und weinend verliess sie die Wohnung.
