Ich trinke nur noch ein paar Bier

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"Ja, ich weiss, ich bin morgen genau um 11.00 Uhr vor dem Krankenhaus. Ich bin immer pünktlich, keine Sorge. Ich trinke nur noch ein paar Bier mit meinen Freunden. ... Geht klar! Tschüs!" Mit rollenden Augen legte Elyas auf und guckte in die Runde. Er und seine Kumpels sassen in einer Bar bei dem zweiten Bier und Lu fragte überrascht: „Krankenhaus?" Elyas Blick zeigte einen leicht genervten Ausdruck: „Ich habe doch meine Agentur gewechselt und mein neuer Agent meinte, ich sollte mich mehr bei sozialen Projekten engagieren. Naja, auf jeden habe ich morgen einen Pressetermin im Krankenhaus auf einer Kinderkrebsstation. Die brauchen halt mehr Fördergelder und das Ganze wird dann auf der ‚Ein Herz für Kinder'-Show gezeigt um zum Spenden aufzurufen." Lu und die Anderen guckten beeindruckt, denn sie wussten, dass Elyas es sonst in der Tat nicht mit sozialem Engagement hatte. Nicht weil er kein Mitleid fühlte, sondern eher weil er es für seine Karriere nicht für nötig hielt. Aber seine neue Agentur wollte seinen Ruf etwas verbessern und ihn nicht mehr so stark als Frauenaufreisser darstellen, sondern auch als einen erwachsenen Mann, der sich für das Leben Anderer einsetzt. Immerhin war er auch schon 32.

Die Nacht wurde lang, da sie am späten Abend noch in einen Club zum tanzen gingen und erst um 4.00 Uhr morgens hielt das Taxi vor Elyas Wohnung. Er war voll und stolperte mit unsicheren Schritten die Treppe nach oben. Dort hatte er arge Probleme den Schlüssel ins Schlüsselloch zu stecken, denn um ihn herum drehte sich alles. Leise lallend sagte er zu sich selbst: „Alter, Mann, so schwer kann es doch nicht sein, einfach zustechen, wenn die Tür vorbeikommt." Als er endlich drin war, fiel er ins Bett und schlief sofort ein, ohne sich die Zähne zu putzen oder zu duschen. Nur 5 Stunden später klingelte sein Wecker und stöhnend griff er danach um das piepende Geräusch zu töten. „Scheisse, warum bin ich gestern noch mit in den Club gegangen? Jetzt muss ich verkatert zu diesem Pressetermin!" dachte er laut und quälte sich aus dem Bett. Als er sich im Bad im Spiegel betrachtete, erschrak er förmlich, denn seine Augenringe waren noch tiefer und auch die Falten um die Augen hatte sich noch einmal vermehrt. Diese Partynächte, der Alkohol und die vielen Zigaretten hinterliessen inzwischen deutliche Spuren. Auch er selbst merkte, dass er langsam etwas Anderes wollte. Er wollte eine feste Freundin und Familie. Er brauchte jemanden, mit dem er abends auf dem Sofa relaxen und sich unterhalten konnte. Aber so etwas schien noch weit entfernt. Über mangelnden Sex konnte er sich nicht beschweren, denn es gab mehrere Frauen, mit denen er sich regelmässig vergnügte, aber Liebe war das definitv nicht.

Das Krankenhaus war relativ weit von seiner Wohnung entfernt, aber überpünktlich 10.45 Uhr fuhr er auf den Parkplatz. Dort wartete auch sein Agent auf ihn und begrüsste ihn mit Handschlag. „Na, du siehst ja müde aus!" rief dieser gleich aus. Elyas rieb sich die Augen und meinte sofort: „Ja, keine Ahnung, ich habe schlecht geschlafen. Ich bin wohl noch immer gejetlagged von der Reise nach L.A." Das war seine Standardausrede, wenn er mal wieder zu viel getrunken hatte und erst spät ins Bett kam. Er hoffte inständig, dass dieser Termin schnell vorbeigehen würde, denn in seinem Kopf schien ein Presshammer seine Arbeit zu verrichten und die 2 Aspirin, die er genommen hatte, halfen kein bisschen.

Zusammen gingen Elyas und sein Agent in das Krankenhaus und steuerten auf die Kinderstation zu. Schnell wurde Elyas bewusst, dass dieser Tag nicht schnell vorbeigehen würde, denn er sah Fernsehteams von 4 verschiedenen Sendern und Journalisten von unmengen von Zeitungen und Zeitschriften. Stotternd und mit einem komischen Gefühl im Magen sagte er zu dem Agenten: „Ähm, du hast das hier ja richtig gross aufgezogen. Ich dachte, dass wäre nur für die Show." Sein Agent lächelte: „Naja, die Anderen haben irgendwie Wind davon gekriegt und da dachten wir, dass wir sie auch einladen können. Immerhin ist es ja für einen guten Zweck!.. Achja, da vorne ist die Maske. Mit den ganzen Interviews geht es dann 11.30 Uhr los." Zwar war Elyas noch immer geschockt von der Grösse der Veranstaltung, aber innerlich freute er sich, dass sein Agent an die Maske gedacht hatte, denn so konnte man ihm wenigstens die Augenringe wegschminken. Er war doch ziemlich eitel!

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