Elyas ging zurück zur Lobby, wo Leonie laut nach ihrem Papa rief. Er nahm sie auf den Arm und setzte sich an den Tisch und bestellte sich sein Frühstück. Während er an seinem Kaffe nippte, küsste er seine Tochter zärtlich auf den Kopf und kuschelte sich eng an sie. Seine Gedanken kreisten: „OK, ich hatte gestern Sex, das erste Mal seit Lenas Tot.... Spass?! Haha! Ja klar, es hat Spass gemacht, aber fühle ich mich jetzt besser? Nein! Wieder ist im Inneren alles leer." Genau in dem Moment wurde er aus seiner Trance gerissen, als Dana an den Tisch kam und sich setzte. Etwas abfällig sagte sie: „Kommt deine Babysitterin immer so in deine Wohnung geplatzt?" Elyas zuckte mit den Schultern: „Sie wollte bestimmt nur etwas für Emilia holen. Sie hat auch einen Schlüssel, sodass sie rein kann, wenn ich nicht da bin." Dana runzelte die Stirn: „Du hast aber viel Vertrauen zu ihr!" Er riss die Augen auf und konterte: „Ich vertraue ihr mein Kind an, das ist das wertvollste, was ich besitze und da muss ich viel Vertrauen haben." Sie schien unbeeindruckt von seinen Worten und sagte: „Apropos Kind, kann sie nicht heute auf Leonie aufpassen? Dann könnten nur wir beide zusammen was unternehmen. Wir hatten doch eine gute Zeit gestern, oder?" Das Wort ‚Kind' sprach sie aus, als wäre es eine unangenehme Pilzinfektion. Schnell antwortete er: „Sorry, Wochenenden sind für die Kleine reserviert. Ich kann sie ansonsten ja kaum sehen." Dana guckte etwas beleidigt, sagte „Schade!" und ging weg und Elyas zuckte unbeeindruckt die Schultern.
Noch fester zog Elyas Leonie zu sich ran und verschwand wieder in seinen Gedanken: „Es war so schön, Lena zu lieben. Das gab mir so viel Wärme und Halt! Das ist genau das, was ich wieder haben will: Liebe, jemanden, der mit mir lacht, mich unterstützt, meine Tochter mag und..." Plötzlich wurde Elyas alles klar und leise sagte er: „Fuck!" Sein Herz schien sich zu verknoten und sein schlechtes Gewissen frass ihn auf. Er stützte seinen Kopf in seine Hände und Frustration stieg in ihm auf. Emilia guckte ihn mit grossen Augen und Elyas nickte: „Guck nicht so! Ich weiss, dass ich ein blinder Idiot bin. Ich rede gleich mit Ava, versprochen! Ich krieg das wieder hin. Ich habe sie auch lieb, sogar sehr lieb."
Nach dem Frühstück ging Elyas mit Leonie in der Hand zu Avas Wohnung und er klopfte zart an die Tür während er sagte: „Ava, bitte mach auf, wir müssen mit dir reden. Naja, ich würde das Reden übernehmen, da Leonies Wortschatz noch nicht gross genug ist." Es dauerte eine Sekunde, aber dann öffnete sich dir Tür und Ava stand mit verweintem Gesicht vor Elyas. Als sie ihm sah, stieg wieder die Wut auf ihn in ihr auf und zugleich war sie verzweifelt. „Können wir reinkommen?" fragte er. Ava machte die Tür noch weiter auf und ging dann ins Innere der Wohnung. Langsam kam Elyas hinterher und schloss die Tür. Ava setzte sich aufs Sofa und wischte abermals die Tränen von ihren Wangen. Elyas sagte leise: „Mann, Ava, es tut mir Leid, ich habe das nicht so gemeint. Ich..du... wir...also, alles... Fuck! Vielleicht sollte ich das Reden doch Leonie überlassen!" Ava musste grinsen, obwohl sie immer noch weinte. Dann atmete er tief ein und sprach er weiter: „OK, also, wenn wir zusammen sind, dann geht es mir so gut, es ist, als ob alles perfekt ist. Aber irgendwie bekomme ich dann immer ein schlechtes Gewissen, denn eigentlich sollte ich doch trauern, denn ich vermisse sie immer noch. Ich kann sie doch nicht einfach nicht so vergessen... Und da ist noch etwas: In Sachen Liebe war ich noch nie besonders gut. Sex ist einfach, aber das mit den Gefühlen ist immer so kompliziert. Und ich glaube, ich kann dir momentan einfach nicht viel bieten. Ich will dich nicht verletzen und Leonie nicht. Ich will einfach, das alles..also, normal ist und nicht so kompliziert." Als er den letzten Satz sprach, stiegen Tränen in seine Auge, aber er fixierte das Gesicht von Ava und wartete auf eine Reaktion. Doch sie schwieg für einen Moment, denn sie konnte ihn verstehen. Sie wusste, dass er unsicher war und sich seiner Gefühle nicht im Klaren war. Unruhig zuckten ihre Finger hin und her und ihr Herz schlug laut und aufgeregt. Sie stand auf und sprach: „Ich weiss, dass es für dich nicht einfach ist, aber vielleicht musst du mir im Moment auch nicht viel bieten, ein kleines bisschen würde schon reichen. Ein kleines Zeichen wäre toll, eine kleine Geste, denn ich liebe dich und Leonie, wie ich sonst noch niemanden geliebt habe." Elyas nickte, ging auf sie zu und umfasste ihre Hände. Ihre Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt. Er biss sich auf die Unterlippe, strich ihre blonden Haare zurück und roch ihr liebliches Parfüm. Er schloss die Augen und hörte ein lautes Schlagen, so laut, dass es ihm eine Bestätigung gab, dass es OK war.
