Elyas, reiss dich zusammen

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Lena war bereits 5 Tage bei Elyas und er tat absolut alles für sie. Frühstück brachte er ihr ans Bett, für das Mittagessen dachte er sich jedes Mal ein anderes leckeres Rezept aus und Abendbrot gab es immer vor dem Fernseher bei einem guten Film. Er war fast den ganzen Tag in der Wohnung um ihr helfen zu können. Nur einmal ging er abends mit seinen Freunden zum Pokern und kam sogar schon vor Mitternacht wieder nach Hause um gleich nach Lena zu gucken.

Allerdings wartete er auf ein Zeichen. Immer wieder berührte er sanft ihren Arm und strich mit seinen Fingern über ihren Handrücken. Wenn sie beide in ihre Betten gingen, küsste er sie auf die Schläfe, aber nie zeigte sie das kleinste Anzeichen, dass sie mehr wollte und er wollte sie nicht bedrängen; er wollte ihr zeigen, dass er ein Gentleman sein konnte. Er war sich nicht sicher, ob sie sich in seiner Wohnung nicht wohl fühlte, weil sie von ihm abhängig war. Mehr als einmal dachte er darüber nach, ob sie vielleicht vergessen hatte, was sie ihm gesagt hatte, kurz nachdem sie angeschossen wurde. Oder hatte sie diese Worte nicht ernst gemeint? Lena dagegen wurde regelmässig von Zweifeln geplant, ob es wirklich eine Chance auf eine echte Beziehung mit Elyas gab. Sie hatte das Gefühl, dass er sich zu sehr anstrengte, um ihr zu gefallen. Aber würde er das immer durchhalten? Würde er sich so sehr verändern können und von einem Frauenaufreisser zu einem treuen Partner werden? Ist es überhaupt richtig, sich für einen Anderen zu ändern? Sollte man nicht so geliebt werden, wie man ist? Oder hatte er wirklich diese weiche, sanfte und gefühlvolle Seite und zeigte sie sonst nicht?

Am Freitag kam Elyas mit zwei Tellern Caneloni und frischen Salat an den Küchentisch und sagte: „Heute Abend gibt es eine Filmprmiere zu einer neuen deutschen Komödie und mein Agent meint, ich sollte mich da mal sehen lassen. Der Kühlschrank ist voll und du kannst dir nehmen, was du möchtest. Ich hoffe, es ist Ok?" Lena lächelte ihn an und war berührt von seiner Fürsorge: „Natürlich! Du bist doch nicht mein Leibeigener. Und keine Sorge, ich werde nicht verhungern, nur weil du mir das Essen nicht an den Tisch trägst. Mir geht es sowieso schon viel besser. Ich glaube, am Sonntag ziehe ich wieder in meine WG." Elyas fühlte einen eigenartigen Stich in seinem Herzen, als sie den letzten Satz aussprach. Er wollte nicht, dass sie ging. Sein grösster Wunsch war, dass sie immer an seiner Seite blieb.

Es war halb 4 nachts als Lena von lauten Geräuschen vor der Haustür geweckt wurde. Ihr Herz schlug schnell vor Angst, denn sie realisierte, dass sie noch immer alleine in Elyas Wohnung war. Sie setzte sich auf und hörte konzentriert auf den Krach. Dann vernahm sie deutliche Worte: „Elyas, reiss dich zusammen, du weckst das ganze Haus auf. ...Mann, jetzt bleib doch mal stehen!" Es war Josephs Stimme. Schnell stand sie auf, ging zur Haustür und öffnete sie.

Joseph stand mit dem Schlüssel in der Hand und einem sturzbetrunkenen Elyas, der sich an seinem Arm festhielt und den kleineren Bruder fast nach unten zog, vor der Tür. Joseph guckte erleichtert, dass ihm jemand die Tür geöffnete hatte und er nicht mit Elyas im Schlepptau kämpfen musste, den Schlüssel ins Schloss zu kriegen und sagte: „Danke!.. Und frag nicht, der ist total hinüber! Der muss schnell ins Bett!" Elyas stolpterte in die Wohnung und stiess dabei mit voller Wucht an den Türrahmen. Lena vorzog das Gesicht, denn es musste sicher wehgetan haben, aber Elyas schien nichts zu spüren und ging torkelnden Schrittes zur Küche. Lallend rief er lautstark: „Ich habe noch irgendwo Whiskey. Wir drei können noch was saufen!" Joseph lief schnell hinter ihm her, zog ihn aus der Küche und meinte: „Wir trinken jetzt gar nichts mehr. Du hattest mehr als genug. Du gehst ins Bett!" Er schob Elyas vor sich hin in Richtung Schlafzimmer, schubste ihn vorsichtig auf die Matratze und zog ihm die Schuhe aus. „Warte, warte, ich wollte noch mit dir sprechen! Es tut mir so Leid wegen Lena! Wirklich, du bist doch mein kleiner Bruder!"sagte Elyas. Joseph rollte genervt die Augen: „Wir reden morgen, OK? Du schläfst jetzt!" Er guckte flehend zu Lena: „Kannst du sicher stellen, dass er im Bett bleibt? Oder soll ich hierbleiben? ...Keine Sorge, er wird nicht agressiv oder so, nur anhänglich und ehrlich!" Lena nickte: „Keine Sorge, ich komme alleine zurecht." Joseph hatte sich gerade umgedreht, als sie ihm hinterherrief: „Joseph?... Wie geht es dir?" Er guckte sie stirnrunzelnd an und zuckte die Schultern: „Gut, ich kann wieder ohne Krücken laufen, wie du siehst! ...Du, nimm es nicht böse, ich will nur schnell nach Hause. Elyas war echt anstrengend heute! Tschüs!" Schnellen Schrittes ging er aus der Tür und schloss sie hinter sich. Lena stand im Wohnzimmer und spürte ihr schlechtes Gewissen mal wieder an ihrer Seele nagen. Aber genau in diesem Moment kam Elyas aus dem Schlafzimmer gewankt.

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