138. Kapitel

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|Tarja| Riku hatte mir die letzten Tränen von den Wangen gewischt und anschließend waren wir wieder zurück in den Backstagebereich der Bühne gegangen, um beim Aufbau, dem sich die anderen Bandmitglieder, inklusive Mikko nun schon eine Weile widmeten, zu helfen. Ich schnappte mir die Mappe, in der die Abläufe des abendlichen Konzerts geschildert wurden und lief die Bühne ab, um zu überprüfen, ob auch alles nötige an Ort und Stelle war. Dabei versuchte ich meine Umgebung möglichst gänzlich auszublenden und mich nur auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ich führte eine Checkliste und war völlig vertieft im Abhaken der einzelnen Punkte, als ich plötzlich mit jemanden zusammen stieß und unsanft mit dem Gesicht gegen eine harte, breite Brust prallte. Ich brauchte gar nicht den Blick zu heben, um zu wissen, in wen ich da rein gerannt war. Zu oft hatte ich, eben diese Muskelzüge auf meiner Haut, unter meinen Fingern gespürt, mich an jene Brust gekuschelt und die davon ausgehende, vertraute Wärme genossen, hatte das Herz darunter schlagen gehört, welches einst, so hatte ich es zumindest gedacht, mir gehört hatte. "Sorry...ich hab dich nicht gesehen...", floss seine tiefe Stimme durch mich hindurch und als ich schließlich doch die Augen empor richtete, sah ich, wie Samu mit erhobenen Armen ein Stück zurück taumelte. Sein entschuldigender Blick fing mich ein und einen kurzen Moment war es mir nicht möglich die meinen, von Samus blau schimmernden Augen zu wenden. Allein diese kurze Berührung hatte ausgereicht, um meine Haut mit einem gewohnten Kribbeln zu überziehen, welches ich nun aber alles andere als wohlig, wie es in der Vergangenheit einmal gewesen war, empfand. Samus Blick hatte sich immer noch nicht von meinem Gesicht gelöst. Seine Augen musterten es und ein beunruhigender Ausdruck trat auf seine Züge. "Hast du...hast du geweint?", fragte er leise, unterlegt von einem traurigen Vibrieren in der vorsichtigen Stimme. Verkrampft presste ich die Mappe an meine Brust und wich seinem Blick eilig aus. Verdammt! Natürlich musste man mir, nach all den Tränen, die ich in der letzten Stunde vergossen hatte, ansehen, dass ich geweint hatte. Eine Antwort, die ich ohnehin nicht im Stande war, ihm zu geben, war also gar nicht nötig. "Tarja...", hauchte er mit einer enormen Ladung Schmerz, versteckt hinter diesem einen Wort, welcher unwillkürlich auf mich eindrosch, ohne ihm dabei in die Augen sehen zu müssen, die vermutlich noch viel mehr von dieser grausamen Emotion enthielten. "Bitte lass mich...", brachte ich so gerade über die zittrigen Lippen und drehte mich von ihm weg, um mich einem der Scheinwerfer zuzuwenden und es so aussehen zu lassen, als würde ich diesen fixieren. Meine Gedanken waren allerdings alles andere als bei der vor mir stehenden Bühnenrequisite. Stattdessen stoben etliche Erinnerungen an Samu, die Guten und die Bösen, durch meinen Kopf. Ich krallte mich noch fester in die Mappe, in meinen Händen, in der naiven Hoffnung meinen Körper so auffordern zu können, sich etwas anderem, als dem Chaos in meinem Inneren zu widmen. Fehlanzeige. Auch Samu war nicht dumm und schien deutlich zu spüren, dass mich diese Begegnung alles andere als kalt ließ, wie er es zuvor von mir gewohnt gewesen war, nachdem ich ihn in seinem Auto erwischt hatte. Nur wenige Sekunden rannen dahin und schon spürte ich die sanfte Berührung seiner Hand, auf meiner Schulter. "Tarja...bitte...", bat er leise und ich drehte mich ein wenig zu ihm herum, machte aber gleichzeitig auch einen Schritt zurück, um wieder einen gewissen Sicherheitsabstand zwischen uns zu bringen. "Es tut mir in der Seele weh, dich so zu sehen..." Oh nein! Bitte nicht! Unwillkürlich spürte ich wie meine Sicht sich verschleierte und gleich darauf nahm ich den salzigen Geschmack der Tränen auf meinen Lippen wahr. "Samu bitte nicht...ich kann das nicht.", wisperte ich mit tränenerstickter Stimme und schaffte es dabei nur so gerade ihm in die Augen zu sehen, die ebenfalls feucht schimmerten. "Ich will nur, dass du weißt, dass ich dich immer lieben werde...und hoffe, dass du es eines Tages schaffst, mir diesen schrecklichen Fehler zu verzeihen.", erklärte er und ich vernahm dabei deutlich, wie seine Stimme an den Worten brach. Ich brachte nicht mehr, als ein schwaches Nicken zu Stande, doch viel mehr schien er für diesen Moment, zum Glück nicht zu erwarten. Er wischte sich die einsame Träne, die seinem Augenwinkel entsprungen war, von der Wange, drehte sich langsam auf dem Absatz um und verschwand wieder im Backstagebereich. Ich schluckte schwer. Dieser Anblick, ihn in diesem Zustand gehen zu sehen, tat unheimlich weh. Das einzige, was mehr in meiner Brust schmerzte, war das Wissen über das, was er mir angetan hatte. Aber eines wurde mir klar: Wie hatte ich nur je denken können, dass ich ihn hasste...

You Give Love A Bad NameWo Geschichten leben. Entdecke jetzt