Kapitel 19

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Erschrocken sprang Adam auf und half Morgan wieder aufzustehen, doch der, der wollte einfach nicht. Er wollte sitzen bleiben. In sich zusammengesunken. Kraft- und mutlos. „Was ist los?“ Doch Adam wusste es bereits. Er wusste es wie Morgan, als der Arzt ihn so seltsam gemustert hatte. Er hatte es von Anfang an gewusst. „Sie ist tot!“, Morgan‘ s Stimme war nicht lauter als das Knistern einer lodernden Flamme. Nicht lauter als der Aufprall einer Schneeflocke auf die Erde. Nicht lauter als ein Blinzeln. „Diese Scheißkerle haben sie umgebracht!“ Jetzt brüllte er und spürte, wie heiße Wut in ihm hochkochte. Er sprang auf und schlug zornig gegen die Wand. Das Blut pulsierte in seinen Adern und der Knall ließ Hailey zusammenzucken. Sie stand auf und ging zu ihm. Sein Gesicht war dem Erdboden zugeneigt. Vorsichtig nahm Hailey es in beide Hände. „Wen?“ Doch Hailey Rose wusste es schon und völlig überrascht spürte sie Morgan‘ s gesamtes Gewicht auf sich sinken und beinahe wäre sie umgekippt, hätte Adam sie nicht gestützt. Und erst in diesen grausamen Tränen wurde Hailey bewusst, was tatsächlich geschehen war. Sie war tot. Maryann Westminster war tot. Synchron sanken die zwei zu Boden und Adam tat es ihnen gleich. In allergrößter Verzweiflung gaben sie sich dem Schmerz hin.

Blinzelnd öffnete Morgan die vom Salz verklebten Augen und fand sich selbst auf dem Boden liegend wieder. Seine Freunde, die Verbliebenden schliefen ebenfalls. Vorsichtig löste er die Umklammerung um Hailey. Sie zuckte leicht zusammen und er sah ihre Hand, die im Schlaf den Fußboden absuchte, bis sie schließlich Adam‘ s fand und sich wieder entkrampfte. Adam schlief nicht. Er saß direkt neben Hailey und schien auf das Folgende gewartet zu haben. Morgan warf ihm einen bittenden Blick zu. Adam gewährte ihm diesen Wunsch und nickte leicht. Morgan ertrug den Anblick von Hailey und Adam nicht mehr. Diese hatte sich mittlerweile unbewusst in seine Richtung gedreht und er strich ihr sanft über die Stirn. Morgan‘ s Brust schmerzte und er hatte das Gefühl ungeahnte Kräfte breiteten sich in seinen Gliedern aus. Mit einem Schlucken betrachtete er auch Chloe und Ava die ebenfalls auf dem Bett liegend schliefen. Ihre Gesichter waren in tiefe Falten gelegt, doch Ava hatte den Arm um ihre beste Freundin gelegt. Mar war auch Morgan‘ s beste Freundin gewesen. Zitternd begab er sich aus dem Zimmer und wankte kopflos aus dem Gebäude. Draußen schlug ihm kalter Himmelstau ins Gesicht und er spürte, wie er erschauderte. Doch er brauchte den Schmerz. Die tausend kleinen Nadeln. Das Beil in seinem Herzen konnten sie ja doch nicht übertreffen. Er lief, bis seine Füße schmerzten und er die Schuhe auszog, damit die Eisigkeit ihn weiter schinden konnte. Als seine Beine schmerzten riss er sich die Hose vom festen Muskelfleisch und als er das Gefühl hatte nicht mehr atmen zu können zersprang sein Shirt und er ließ sich nur noch in Unterwäsche bekleidet in den Schnee fallen. Weinend drehte er sich auf den Rücken und starrte einer Front aus Milliarden Soldaten entgegen. Die Krieger des Himmels. Er war auch ein Krieger. Ein Soldat. Er kannte die Mission. Noch nicht jedes schmutzige Detail, aber er wusste worauf es ankam. Mar hatte ihn das gelehrt. Wegen ihr hatte er wieder angefangen zu leben und sich heimlich aufzutürmen. Er hatte ihr geschworen niemals einer von ihnen zu werden. Einer von den Uniformierten. Er würde sein Versprechen nicht brechen. Das wusste er. Und somit musste er lächeln. Er hatte soeben seine große Liebe verloren und lag mit bloßer und ehrlichster Haut in der Kälte. Wahrlich, es gab keinen Grund zu lachen. Doch er tat es und das Lachen tränkte sich mit Tränen. Das war der Punkt, wo er daran glaubte, verrückt geworden zu sein.

Die SoldatinWo Geschichten leben. Entdecke jetzt