Die vier heimlichen Gegner des Ordens hatten sich unter die Menge gemischt und warteten darauf, dass die Tore geöffnet wurden. Sie fielen auf, ja, von rechts und links kamen immer wieder vereinzelte Blicke, aber solange sie sich von den Offizieren fernhielten, war alles in Ordnung. Sie wollten sich mit reinschleusen und dann am Ende des Angriffs mit den Ausbildern, Adam und Lauren verschwinden. Das war der Plan und Chloes Haut kribbelte wie Brausepulver, wenn sie an ihren seit Tagen von ihr fernen Liebsten dachte. Mit einem großen Knall wurde ihnen der Weg frei gemacht und dann gab es ohnehin keine Ordnung oder Sicht mehr. Sie rannten nur noch. Der Strom zog sie den ihnen bekannten Gang entlang und zur Treppe. Hailey war ganz vorne, dicht gefolgt von ihren Freunden. Bisher hatten sie weder Morgan, noch Adam oder Scarlett gesehen. Die Ausbilder kannten sie nicht alle beim Namen und unter den meist schon sehr groß gewachsenen Kindersoldaten, fielen sie nicht sonderlich auf. Hailey wollte gerade die Stufen herauf springen, als Jackson sie am Kragen packte und zurück zog.
„Bleib hier! Da oben wird es ein einziges Gemetzel geben! Wir warten hier“, zischte sie sie an.
„Und wenn die Offiziere kommen? Die erkennen uns doch sofort“, schoss Hailey zurück und dann mischte sich Ava ein.
„Hailey, sie hat Recht. Wenn jemand kommt, können wir immer noch nach oben, aber jetzt ist es wichtig, so wenig wie möglich zu riskieren.“ Hailey ging das immer noch gegen den Strich, aber sie musste einsehen, dass die beiden Recht hatten. Und so warteten sie. Doch Haileys Ahnung bestätigte sich nach einigen Minuten. Am Ende des Ganges kamen einige riesige Krieger auf sie zu und dann mussten sie verschwinden. Mit der Hoffnung, dass sie nicht entdeckt wurden, kamen sie in der Etage darüber an und fanden sich auf einem weiteren Gang wieder. Und dort, dort spielte sich gerade ein grauenvolles Szenario ab. Die einzelnen Türen links von ihnen waren geöffnet und sie hörten Knochen brechen, Blut fließen und Leben ersterben. Doch Hailey versuchte all dies nicht an sich rankommen zu lassen. Vielleicht zehn oder zwanzig Meter vor ihr wandte ihr jemand sehr bekanntes den Rücken zu und ihr Herz blieb für einen winzigen Moment stehen, als sie ihn erkannte. Sein sandblondes Haar, die breiten Schultern, einfach alles. Sie schrie Adams Namen, doch der reagierte nicht auf sie. Ohne zu zögern stürmte sie auf ihn zu und stellte sich vor ihn. Sein Blick war geradeaus gerichtet und das blanke Entsetzen war in ihm verankert. Erst dann realisierte er, wer dort vor ihm stand.
„Hailey“, murmelte er und dann wusste sie, dass etwas geschehen war. So gerne wäre sie ihm um den Hals gefallen, doch sie drehte sich in seine Blickrichtung und dann sah sie das, was Adam zuvor teilweise verdeckt und Hailey auch nicht fokussiert hatte. Eine junge Frau, Scarlett, lag am Boden und dunkelrotes Blut quoll aus ihrem Hals in den siffigen Boden. Sie hatte die Augen geschlossen und Morgan kniete neben ihr. Er berührte ihre Wange und dann schrie er sie an, doch sie kam nicht zu sich.
„Wir müssen ihn da wegholen“, murmelte plötzlich Ava hinter Hailey und Adam. Sie schlängelte sich vorbei und hockte sich neben den schluchzenden Morgan. Es zerbarst ihr fast das Herz. Das letzte Mal hatte sie ihn annähernd so erlebt, als Mar gestorben war. Hailey konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen und hörte auch ihre Worte nicht. Sie sah nur, wie Ava ihre Hand auf Morgans Schulter legte und auf ihn einredete. Dessen Tränen flogen durch die bluttote Luft, als er immer wieder energisch den Kopf schüttelte. Und obwohl Hailey Scarlett kaum kannte, war es ihr nicht möglich, auch nur einen weiteren Fuß vor den anderen zu setzen. Sie starrte nur. Sie mussten jetzt gehen. Jetzt. Und dann sah sie, wie Morgan nicht aufgab. Er hob die Todgeweihte hoch und dann sah Hailey die Axt, deren Klinge verschmiert und dreckig zu Boden lag. Morgan weinte noch immer, doch er lief auf sie zu und nickte dann leicht. Hailey spürte Adams Hand in ihrer und dann zog er sie mit sich. Ihre Ohren schienen mit Watte verstopft, doch ihre Beine trugen sie endlich wieder. Jackson, Ava und Chloe bildeten eine Vorhut und als ihnen die ersten blauen Krieger auf der Treppe entgegenkamen, spritzte ihr heißes Fleisch in alle Richtungen. Sie waren enttarnt und jetzt mussten sie töten, damit Scarlett leben konnte oder zumindest eine Chance hatte. Sie wusste auf einmal nicht mehr, woher die Waffen ihres Schutzes vorne kamen. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, von ahnungslosen Defensio-Kindern im Palast welche bekommen zu haben. Alles war wie leer gefegt in ihrem Kopf. Sie wusste, dass auch sie irgendwann ein Messer bei sich getragen hatte, doch nun war es nicht mehr da und sie wusste nicht, wo sie es verloren hatte oder wann. Adam entwendete ihren gefallenen Gegnern beim runter laufen zwei Schwerter und drückte Hailey eins davon in die Hand. Immer wieder kamen ihnen Soldaten auf dem Flur entgegen, doch die meisten trauten sich gar nicht an die Einheit ran und so musste Hailey ihre Klinge vorerst nicht beflecken. Ihre Schuhe machten schmatzende Geräusche, als sie durch Scarletts tropfendes Blut rannte und dann waren sie endlich draußen. Eigentlich hatte sie erwartet, dass die Offiziere die Ausgänge bewachen würden, um Deserteure abzufangen, aber dem war nicht so. Über den Platz zwischen Altersheim und Schloss sahen sie einige Kinder in beide Richtungen rennen. Zum Teil auch kleine Grüppchen, so wie ihre, bei denen einer den anderen stützte, weil das einstige Bein nur noch ein blutiger Stumpf war. Sie schienen so weit entfernt und immer wieder stürzten sie wie kleine Ameisen mit zu viel Last auf den Schultern zu Boden, doch Hailey verbot sich, Mitleid zu haben. Sie alle hatten irgendwo eine Wahl gehabt, genau wie sie und jetzt lag es nicht mehr an ihnen. Es mochte sein, dass Hailey kalt geworden war, sie alle waren das, aber in einem Krieg veränderten sich Menschen nun mal.
„Wir müssen hier auf die anderen warten“, war das erste, was Hailey wieder hörte.
„Scar muss in Sicherheit gebracht werden. Sie schafft es sonst nicht“, presste Morgan mit belegter Stimme hervor.
„Ich begleite euch“, bot Jackson an und Morgan hinterfragte in seiner Not gar nicht erst, wer das ihm fremde Mädchen war. Sie rannten wieder los und dann waren sie weg. Hailey und der Rest blieben seitlich vom Eingang stehen und versuchten möglichst gedeckt zu bleiben, indem sie hinter der Hausmauer verschwanden. Ava blickte jedoch weiter um die Ecke und immer wieder, wenn ihr jemand bekannt vor kam oder sich ein erwachsen wirkender Rauslaufender in alle Richtungen umsah, rief sie ihn zu sich. So ging das weiter, bis sie eine stattliche Gruppe geworden waren.
„Sind das alle?“, fragte Hailey, die immer noch Adams Hand hielt und an der baufällige Mauer lehnte.
„Max hat es nicht geschafft. Vom Rest habe ich keine Ahnung“, meinte einer von ihnen und Ava nickte.
„Wir gehen jetzt. Länger können wir nicht warten“, entschied die Latina dann und wischte sich das ihr ins Gesicht gesprenkelte Blut fort. Und dann rannten sie wieder. Alle folgten Ava und irgendwann, als sie nicht mehr konnten, verfielen sie in einen schnellen Laufschritt. Hailey und Adam hatten immer noch nicht die Chance gehabt, sich so recht über das Wiedersehen zu freuen, dafür war zu viel Hektik bisher im Spiel. Ihre Finger waren miteinander verschrenkt und sie alle schwiegen, bis Chloe sich zu den beiden gesellte und sich an Adam richtete.
„Adam, wo ist Lauren?“
Es tut mir so, so leid. Ich weiß, ich war nicht besonders nett zu dir, aber das wollte ich nicht. Weder für dich, noch für mich. Ich wollte um jeden Preis wieder Kontrolle über mein altes Ich und habe dir damit das Leben schwer gemacht. Es tut mir so leid. Du kannst jetzt loslassen, Scar, es ist okay. Es war dumm zu glauben, ich könnte wiederkehren. Es war dumm von mir. Du musst nicht länger leiden, ich spüre deine Schmerzen doch. Du darfst aufhören zu kämpfen. Lass los Scar, lass los.
„Nein.“
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Die Soldatin
FantasyMisstrauisch blickte Mar aus dem Fenster. Ihr Atem schlug an das kalte Glas. Ruckartig zog sie die Vorhänge zu. „Okay, pass auf. Ich erzähle es dir einmal und dann nie wieder, verstanden?“ Hailey nickte. „Wir wurden her gebracht um zu kämpfen.“ Verw...
