Kapitel 64

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Scarlett wandte sich von den beiden ab und überblickte den Rest ihrer Schüler. Hier und da gab es einige ernsthafte Versuche des Kampfes und dann simulierten einige einen halbherzigen Zweikampf. Scarlett gab Anweisungen, Tipps und vor allem eins: Mut.

„Genau so, Joanne. Jetzt wäre der Moment, in dem du zustoßen würdest.“

„Nicht schlecht Mike, aber versuch das Ganze noch etwas schneller! Dein Gegner darf dir nie einen Schritt voraus sein.“

„Billie, Billie du kannst jetzt aufhören. Der arme James hat glaube ich genug für heute. Gut gemacht!“

Zufrieden verschränkte sie die Arme und sah auf ihre Uhr. Sie hatten jetzt bis zum Abend trainiert und das war auch bitter nötig. Die Offiziere wurden ungeduldig, sie forderten mehr Resultate, doch was konnte Scarlett da schon tun? Sie hatte erst vor kurzem angefangen etwas zu lehren, von dem sie noch nicht mal wusste, dass sie es selber nahezu perfekt beherrschte. Doch es war kurz vor Weihnachten und sie hatten weißgott wenig Zeit, schließlich würden sie bald in eine Schlacht ziehen. Zumindest erwartete man das von ihr. Seit dem Gespräch mit Alec und Morgan war sie sich da nicht mehr allzu sicher. Als hätte er ihre Gedanken gehört, legte Morgan ihr plötzlich die Hand auf die Schulter. Am liebsten hätte sie die Augen geschlossen und einfach nur die Zeit angehalten, doch zwei Stimmen hinderten sie daran:

Denk gar nicht erst dran.

„Scar? Wir werden da hinten gebraucht.“

Sie schüttelte leicht den Kopf, sah dann Morgan in die Augen und suchte etwas in seinem Blick. Doch sie fand es nicht. Er schien völlig neutral, jedoch waren seine Mundwinkel leicht nach unten gezogen und seine Augenbrauen verengt.

„Ich dachte wir sind fertig. Willst du heute noch mit irgendwas weiter machen? Braucht ein Schüler Hilfe?“

„Halt einfach die Klappe, okay?“, herrschte er sie bitter an und zog sie mit sich. Scarlett verdrehte die Augen und folgte ihm stumm. Er führte sie zum Ausgang der Halle, an dem ein Offizier ganz in Blau stand. Seine Haaren waren unter der Kappe schloweiß und hunderttausend Fältchen zogen ihre Bahnen durch sein furchiges Gesicht. Seine Nase war ungewöhnlich groß und er schien keine Wimpern zu besitzen. Das glichen seine mehr als buschigen Augenbrauen wieder aus. Und seine Haltung, nun ja, stolz war gar kein Ausdruck. Er stand kerzengerade in der Tür, nicht mal den Kopf senkte er. Lediglich seine dusterschwarzen Pupillen richteten sich herab, denn er war für sein Alter ungewöhnlich groß. Als Scarlett und Morgan zu ihm kamen, regte er sich nicht.

„Leutnant Rosehill?“, begann daher Morgan vorsichtig.

„Coach Morgan.“, er nickte in seine Richtung, „Coach Scarlett.“, er schenkte auch ihr den Ansatz einer kleinen Verneigung.

„Was führt Sie zu uns?“, fragte Morgan. Scarlett war immer noch etwas beleidigt, weil er sie so angefahren hatte und lauschte wortlos.

„Ich habe bereits mit Ihren Kollegen gesprochen. Ab Morgen werden jegliche Arten von Stich- und Hiebwaffen in das Training der motorischen und kampftechnischen Fertigkeiten hinzugezogen. Wir können uns keinen weiteren Verzug leisten.“, kündigte er an.

„Ich nehme an, Coach Scarlett wird Ihnen ab sofort assestieren, Coach Morgan?“, erfragte Leutnant Rosehill.

„Sicher.“

„Gut, Sie werden morgen früh alles was sie benötigen zu Ihrer Trainingszeit hier vorfinden.“

Ohne ein weiteres Wort der Erklärung salutierte der Offizier und wandte sich zum Gehen, doch Scarlett brach endlich ihre Stille:

„Leutnant? Wann werden Sie uns aufklären?“

Morgan biss sich auf die Unterlippe und Scarlett sah, wie seine Fäuste sich ballten.

„Alles zu seiner Zeit, Coach Scarlett. Keine Sorge, wir werden Sie konsultieren.“, antwortete Leutnant Rosehill über die Schulter und verschwand dann im Schneegestöber.

„Das hättest du nicht hinterfragen dürfen.“, murrte Morgan.

„Wieso nicht?“

„Weil wir bereits wissen, Scarlett.“

„Ach ja? Was wissen wir denn? Du sagst mir ja nichts.“

Morgan zischte und drehte sich wieder zu seinen Schülern, die zum größten Teil flach auf der Erde lagen und laut und vor allem müde keuchten. Dass dieser harte Trainingstag bald Alltag sein würde, konnte sich wohl keiner von ihnen vorstellen. Selbst Ava, eine der Besten, hockte an der Wand und starrte ins Leere.

„Du sollst nur wissen, dass ich meine Seite bereits gewählt habe. Es wird Krieg geben, es wird eine Schlacht geben, aber lass dir eins sagen, Scarlett Silverstone, jeder muss für sich entscheiden für wen er kämpfen wird. Und solange du das noch nicht hast, solltest du keine dummen Fragen stellen.“

Er beendete seine Predigt und trat einen Schritt vor.

„Das war' s für heute, morgen um acht geht’s weiter.“, verabschiedete er.

„Um acht? Da ist es ja noch dunkel.“, kam es von irgendwo und einige kicherten, während andere genervt stöhnten.

„Das hier ist kein Ponyhof, meine Herrschaften.“

Und als er sich abwandte knurrte er noch: „Das hier ist nicht mal mehr das Tigergehege im Zoo.“

Unschlüssig stand die Latina in der Tür. Sie hatte sich beim Umziehen Zeit gelassen und sich mit Chloe angeschwiegen. Mehr als ein diskretes „Hey“ war von beiden Seiten nicht drin gewesen. Und das ärgerte Ava. Nicht die Tatsache, dass sie keine Worte mehr für das Mädchen fand, in das sie einst verknallt gewesen war, sondern die allgemeine Situation. In den letzten Tagen, nein, Wochen hatte sie sich immer mehr abgekapselt. Beim Essen hatte sie sich bewusst alleine an einen Tisch gesetzt, schlafen gegangen war sie immer sehr spät um Chloe nicht mehr im wachen Zustand zu begegnen, falls diese in ihrem Zimmer nächtigte und mit ihren Freunden sprach sie auch nicht mehr. In solchen Zeiten, war es gefährlich alleine zu sein. Man war schlichtweg verwundbarer. Das hatte schon Miss Rowling in ihren „Harry Potter“-Bänden festgestellt und auch wenn dieses Buch mehr als tausend Jahre alt war – das Prinzip blieb gleich. Außerdem vermisste Ava die ungezwungenen Gespräche in diesem seltsamen Gefängnis. Klar, sie waren genötigt worden herzukommen, aber mittlerweile erinnerte das alles an das „Spaß und Spiel“-Kinderferiencamp an einem mückenverseuchten See in Dover. Wenn man von den immer mal wieder auftretenden Verletzungen absah. Doch Ava war nicht dumm, sie wartete insgeheim nur darauf, dass die harte Hand durchgriff und sie strenger kontrolliert, trainiert und behandelt wurden als bisher. Das hier war bisher nur ein Kindergeburtstag, der eigentliche Drill würde erst noch kommen, da war sie sich sicher. Die lange Einheit heute Nachmittag war nur ein Vorbote, ein Vorgeschmack, ein Witz. Und wenn die Scheißkerle beginnen würden tatsächlich und wahrhaftig auf eine Schlacht vorzubereiten, dann war es sehr unratsam einsam zu sein. Man könnte daran tatsächlich zerbrechen. Außerdem hatte es ja immer einen Grund gegeben, warum Ava sich mit ihren Freunden abgegeben hatte. Adam, der für sie wie ein großer Bruder war, in den sie sich glücklicherweise noch nicht mal verlieben konnte. Hailey, der sie vertraute und die sogar mal etwas wie ihre Geheimniswahrerin gewesen ist. Mar, ihr größtes Vorbild und der Kopf ihrer Rebellion, auch wenn sie nun von dort oben auf sie herab sah. Morgan, jemand, der an sie glaubte. Chloe, ihre Ex-Freundin. Nicht ihre erste, aber dennoch jemand, den sie mal geliebt hatte und dafür hatte es Gründe gegeben und auch wenn der Liebe pure Enttäuschung gewichen war, konnte sie nicht bestreiten sie immer noch zu mögen. Sogar Lauren, ja, sogar ihn konnte sie leiden. Auch wenn er der Grund für tagelange Niedergeschlagenheit und tausend Tränen war, er hatte nie gegen sie gehandelt, sondern nur, weil er begann sich in ihr Mädchen zu vergucken. Ja, das waren tatsächlich mal ihre Freunde gewesen. Ava stellte fest, dass sie sie die ganze Zeit unbewusst beobachtet hatte. Wie sie dort allesamt saßen und redeten, aßen, lebten. Ob ihnen nicht klar war, was Ava schon längst ahnte? Sie musste sie warnen, schrittweise wahrscheinlich, aber sie musste sie warnen. Und somit atmete sie tief ein, holte sich ihr Essen mitsamt den Pillen ab und schritt zu ihnen.

„Kann ich mich setzen?“

Sie sahen auf, synchron. Sie dachten das Selbe, wissend.

„Klar.“, kam es von Hailey und sie lächelte, ehrlich.

Die SoldatinWo Geschichten leben. Entdecke jetzt