Kapitel 38

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Lauren war gerade dabei einen neuen Angriffsschlag – unter Coach Scarlett übrigens zunächst ohne Waffen – zu üben, als er Chloe an sich vorbei wanken sah. Ihre Beine zitterten und sie schien kurz davor zusammenzubrechen. Seine starken Hände bewahrten sie vor dem Sturz und gemeinsam sanken sie auf dem kalten Boden zusammen. Heiße Tränen strömten über ihr Gesicht und sie lehnte sich kraftlos an ihn. Coach Scarlett hockte sich zu den beiden und musterte sie. Wortlos bat Lauren sie um Erlaubnis und sie willigte ein. „Bringen Sie Chloe ins Haus und sorgen Sie dafür, dass sie sich beruhigt.“ Lauren biss sich auf die Unterlippe und griff dann in Chloe‘ s Kniekehlen und umfasste ihren Rücken. Sie legte ihren Arm um seinen Nacken. Lauren wusste nicht, weshalb sie so am Boden zerstört war, aber er tat nun das, was Adam auch bei Hailey getan hatte. Er war für sie da, als sie ihn brauchte. Schweigend stand er auf und stellte fest, dass sich ein Kreis aus Menschen um ihn gebildet hatte. Sie öffneten ihr Tor und ließen ihn passieren. Mit dem Ellbogen drückte er die Klinke herab und trug Chloe durch den Schnee zum Gebäude. Ihre Tränen versiegten nicht. Nicht an diesem Tag. Auf dem Flur kam ihm eine Krankenschwester entgegen, doch er schüttelte nur den Kopf. „Es ist alles in Ordnung.“, murmelte er. „Das arme Kind ist ja völlig aufgelöst. Sie muss umgehend auf die Krankenstation.“ Als die Krankenschwester Chloe‘ s Arm ergreifen wollte zuckte diese zusammen und Lauren‘ s Arm spannte sich an. „Lassen Sie Ihre Finger von ihr.“, knurrte er. „Wir entscheiden, was für sie das Beste ist und ich wurde von Coach Scarlett benachrichtigt, dass Sie Hilfe benötigen.“ Es war nicht der Hamster. Sie war eher hager und alt. Ekelhaft und voller Pickel. Ekelhaft. „Und jetzt, folgen Sie mir.“, forderte sie. Lauren hielt Chloe noch fester. „Wir brauchen Ihre scheiß Drogen nicht. Ihr behinderten Lügner.“ Und damit war die Krankenschwester so sprachlos und verdattert, dass sie Lauren wortlos gehen ließ. Das leise Kichern mit einem wässrigen Gurgeln vermischt an seiner Brust ließ Lauren aufatmen. Chloe lachte. Schweigend wollte er sie in den Mädchentrakt bringen, doch ihre Fingernägel krallten sich panisch in seinen Arm. „Nicht…bitte nicht…zu dir…“, stotterte sie. Verblüfft aber beinahe hörig kehrte er um und brachte sie auf sein Zimmer. Erst als er die leichte Wölbung unter der Bettdecke von Adam sah, fiel ihm wieder ein, dass Hailey ja hier schlief. Mein Gott, war das hier eine Pilgerstätte. Nun gut, Hailey war Adam‘ s Freundin und Chloe, tja, was war Chloe? Darüber konnte er sich später Gedanken machen. Erst mal setzte er sie auf seiner Matratze ab und setzte sich neben sie. Wieder schluchzte sie leise auf. Laut genug um Hailey zu wecken. Diese drehte sich verschlafen zu ihnen und zuckte zusammen. Ob vor Schmerz oder Schreck konnte Lauren in dem Moment nicht so wirklich zuordnen. „Entschuldige Hailey, sollen wir gehen?“ Hailey blinzelte mehrmals und sah dann zu Chloe. Kopfschüttelnd setzte sie sich langsam auf. „Wir können auch in den Speisesaal gehen und reden.“, flüsterte er Chloe ins Ohr. Sie schüttelte den Kopf. „Sie weiß es, Lauren.“ Ihre Zähne klapperten und schlugen gegeneinander. „Was weiß sie?“ Chloe heulte. Sie brauchte mehrere Minuten um sich zu beruhigen. „Ich muss dir was erklären.“ Und dann, dann begann sie zu sprechen und unzählbar viele Worte erfüllten das kleine Zimmer. Bis zum Abend.

Adam hatte eine Kanne Tee und Schokolade dabei, als er sich aus der Küche schmuggelte und auf den Weg in sein Zimmer machte. Ob Hailey schon wach war? Als er angekommen war, drückte er leise die Klinke runter. Leise Stimmen schlugen ihm entgegen. Hailey saß mit dem Rücken zu ihm auf seinem Bett und hörte gerade einer leise sprechenden Chloe zu. Lauren saß neben ihr und starrte sie dabei völlig ohne Fassung an. Als er die Tür wieder schloss, brach Chloe ab und sah auf. „Adam…“ Er stellte den Tee auf seinen Nachttisch. Er zog die Augenbrauen zusammen. „Du kannst weiter reden.“ Chloe sah ängstlich zu Lauren und der fasste sich langsam wieder. Wortlos stand er auf und griff nach Chloe‘ s Hand. An einem verwirrten Adam vorbei zog er sie aus dem Zimmer und der leise Luftzug verkündete, dass er und Hailey nun alleine waren. „Muss ich wissen, worum es geht?“, seufzte er beugte sich zu Hailey herab. „Küss mich lieber. Das ist unkomplizierter.“, murmelte diese zurück und er grinste. „Wie Sie wünschen Madame.“ Während er sie sanft küsste, hob er sie auf seinen Schoß. „Bevor du fragst, mir geht’s gut.“, lächelte sie und er strich ihr Haar aus der Stirn. Sie war immer noch unnormal warm, aber nicht mehr so glühend heiß wie die Nacht zuvor. „Du bist nicht mehr heiß, Babe.“, stichelte er und sie zog eine Schnute. „Das hat mich jetzt zutiefst verletzt.“ Er lachte und dann küsste er sie wieder. Vorsichtig ließ sie sich auf den Rücken sinken und er legte eine Hand neben ihren Oberkörper und die andere an ihre Taille. „Du bist so wundervoll, Hailey.“, murmelte er. „Schweig, Air, Adam.“ Sie spürte seinen heißen Atem an ihren Lippen. Er knisterte und ließ sie erschaudern. „Stimmt. Denn du, mein Engel, wirst jetzt weiter schlafen.“, feixte er und küsste sie noch einmal auf die Lippen, dann löste er sich von ihr. „Das ist unfair. Ich habe den ganzen verdammten Tag schon geschlafen.“ „Und trotzdem hast du immer noch Augenringe wie eine Achzigjährige.“ Erschrocken tastete sie die Region um ihr Jochbein ab. „Ich hab keine Augenringe.“, quiekte sie. „Oh doch, Babe. Aber ich steh auf ältere Frauen also ist das okay.“ Sie boxte ihn in den Bauch und er hielt sich theatralisch die Magengrube. À la Sterbender Schwan sank er neben sie und verhakte seine Hand mit ihrer. „Das wird Rache geben, das ist dir klar?“, grinste er. „Man schlägt keine alten Menschen.“, murmelte sie und Sekunden später war sie weg.

Sie schrie. Sie weinte. Sie kreischte. Sie wehrte sich. Sie schlug von innen gegen die donnernden Knochengitter. Sie wollte raus. Sie war da. Sie wollte raus. Sie durfte nicht. Man hatte sie geknebelt. Verboten. Versteckt. Vertuscht. Nur manchmal, wenn sie ganz besonders laut Blut kotzte, hörte die Neue sie. Nur manchmal. Dann zweifelte die Neue. Die Goldene. Doch sie war dumm. Sie war zu dumm um zu verstehen. Sie war nicht länger die alt. Sie war neu. Und die Seele, die versuchte sich rotzig wie eine fette Made durch die Schichten aus Fleisch und Knochen zu fressen und endlich endlich endlich am Ziel anzugelangen. Doch man ließ sie nicht. Denn da war die Neue. Die Vorgetäuschte. Sie würde noch lange warten müssen. Noch lange kämpfen müssen. Doch sie würde niemals niemals niemals sterben.

Die Neue wachte auf. Das giftige Gold ergoss ätzende Tränen. Sie schmerzte. Etwas schien sie von innen zu verprügeln. Es tat weh. Es tat so weh. Die Neue konnte nicht schlafen. Denn die Alte schlief nie.

Chloe und Lauren saßen auf dem kalten Boden der Mädchendusche. Warmes Wasser prasselte auf sie herab. „Wenn ich es gewusst hätte, dann hätte ich dich niemals geküsst.“ Chloe nickte. „Ich weiß.“ „Liebst du sie?“ Schulterzucken. „Ich glaube ich muss.“ „Warum musst du?“ „Weil ich heule.“ „Wegen ihr?“ Schulterzucken. „Danke.“ „Für was?“ „Du hörst mir zu.“ „Ich würde dich jetzt gerne küssen.“ „Warum tust du es nicht?“ Schulterzucken. „Wäre das respektlos?“ Schulterzucken. „Ich liebe dich nicht.“ „Ich dich auch nicht.“ „Dann ist das doch okay.“ „Ja.“ Schulterzucken. „Was, wenn uns jemand sieht?“ Schulterzucken. Und dann kroch Lauren zu Chloe und sie verstummten. „Vielleicht liebe ich dich doch.“ Der Schmerz wurde größer, doch Chloe verfiel in den ausgehungerten Kuss und tauchte in das warme, beruhigende Wasser. Lauren hielt sie fest. Die ganze Nacht.

Die SoldatinWo Geschichten leben. Entdecke jetzt