Wissend betrachtete die Summerin das vor sich liegende Totenbett. Der Grabstein war schlicht, so normal wie das Mädchen, dass sie aus der Toten geschaffen hatte. Wieder einmal schüttele sie den Kopf. Welch eine Verschwendung. Mit einer letzten Handbewegung wischte sie über die Gravur des Steines. Der zarte Schnee schmolz in ihrer bebenden Hand. Sie lachte leise. Gerade als sie sich umdrehen wollte, kam ihr ein Gedanke in den Sinn. Der Weg zurück zum Internat war durch den ungemütlichen Schneesturm und wieso sollte sie diese Anstrengung auf sich nehmen, wenn sie ebenso gut die Abkürzung über den Springbrunnen nehmen konnte. Leise summend wollte sie die Finger in das eisige Wasser stecken, doch die Oberfläche war gefroren. Stöhnend verdrehte sie die Augen. Nun, die Eisschicht schien nicht dick zu sein und so schlug sie mit der bloßen Faust auf die Unnachgiebigkeit. Sie hatte sich geirrt. Das wurde ihr jedoch erst klar, als ihre Knöchel knackten und ihr nicht klar war, ob das Eis barst oder ihre Knochen. Dass beides der Fall war stellte sie wenige Sekunden des Schrecks später fest. Laut fluchte sie auf und hielt sich die Hand. „Verdammter Mist.“ Mit der gesunden Hand griff sie zwischen den Schollen ins Wasser und öffnete mit ihrer Fingerkuppe den geheimen Gang. Unachtsam trabte sie die Stufen herab und das Tor hinter ihr Schloss sich wieder. Sie war so auf den Schmerz fixiert, dass sie das laute Keuchen nicht weit von sich entfernt gar nicht wahrgenommen hatte.
„Ich erzähl dir dann, wie sie ist!“, grinste Adam und küsste Hailey auf die Stirn. „Viel Spaß!“, grummelte Hailey nur. Der Hamster hatte ihr striktes Trainingsverbot für mindestens eine Woche gegeben. Wie lange sollte sie denn noch auf der Stelle treten? Der Beinbruch hatte ihr schon viel Zeit gestohlenen und jetzt nochmals zu pausieren, widerstrebte ihr. „Und du bist sicher, dass du da alleine hin willst? Wir können auch nachher zusammen gehen!“, bot Adam an doch Hailey schüttelte den Kopf. „Schon okay, dann habe ich wenigstens eine Beschäftigung.“ Sie legte ihre Lippen auf seine und vergaß für eine Sekunde die Sterne, den Mond und alles was an ihr zerrte. Adam drehte sich um und folgte Chloe und Ava in die Halle. Hailey zog die Jacke noch etwas fester zu und machte auf dem Absatz kehrt. Der schmale Pfad zum Wald war durch den Schnee noch dünner geworden und sie fragte sich, wie dort vor kurzem noch eine ganze Horde Jugendlicher raufgepasst hatte. Die weiße Decke war eben, nur ein paar Fußabdrücke bahnte sich seinen Weg. Da schien wohl noch jemand auf den Weg zum Friedhof gewesen zu sein. Hailey‘ s gefrierender Atem öffnete Wölkchen zur Himmelspforte und sie musste leicht lächeln. Unter ihrem Arm klemmte Mar‘ s dunkle Strickjacke. Sie hatte sie dabei, damit ihre Freundin auch im Schlaf nicht fror. Jetzt wo sie so drüber nachdachte kam ihr das Ganze allerdings ziemlich bescheuert vor. Nur noch wenige Schritte trennten sie noch von dem Totentempel und plötzlich zersägte ein lauter Schmerzensfluch die Luft. Abrupt blieb sie stehen und lauschte. Dieser jemand fluchte nochmals, doch sie verstand nicht genau was er oder sie sagte. Langsam näherte sie sich dem Friedhof und erblickte eine Frau. Sie konnte ihr Alter nicht genau einschätzen, da sie ihr den Rücken zugewandt hatte und nur ihr blondes Haar den Rücken herab fiel. Verblüfft bemerkte Hailey, dass die Blonde neben dem Springbrunnen stand. Sie fluchte immer noch leise und hielt sich die Hand. Doch als sie schließlich die andere ins Wasser tauchte geschah etwas, dass Hailey die Luft nahm. Der Springbrunnen schob sich scharrend zur Seite und die Frau verschwand in einer Art Loch. Eine Treppe? Erst jetzt fand Hailey ihren Atem wieder und keuchte laut auf. Der Springbrunnen floss wieder an seinen Standort zurück und Hailey wollte gerade auf ihn zulaufen, als plötzlich etwas Heißes auf ihrem Kopf aufprallte und sie den Sternen wieder ganz nahe war und in sich zusammenfiel.
Genervt trat der Krieger aus dem Gebäude und rieb sich die sofort frierenden Finger. Wieso musste gerade er Ginger holen gehen? In ein paar Minuten wäre sie doch so oder so wieder zurück gekommen. Er wusste ja nicht mal, warum er die von allen als „Summerin“ bezeichnete zurück bringen sollte. Hatte es etwas mit diesem Mädchen zu tun? Der Roten? Nun, mittlerweile ja brünett. Er schüttelte den Kopf. Welch Verschwendung. Er wusste noch genau, wie er sie noch vor kurzem aus ihrem Grabe gehoben hatte. Leise lachte er in die eisige Kälte. Warum, wusste er selbst nicht so genau. Wahrlich, es war unpassend aber es war ihm egal. Schnell stapfte er durch den Schnee und beeilte sich zum Friedhof zu kommen. Vor ihm befanden sich seltsamerweise nicht ein, sondern zwei paar Fußabdrücke im Flockentanz. Da musste wohl noch jemand auf dem Weg zum Friedhof sein. Nur noch wenige hundert Meter von ihm entfernt tat sich der Totenplatz in der Erde auf. Er musste nur noch einmal abbiegen, dann würde er ihn schon sehen können. Doch bevor er die Kurve passiert hatte hörte er einen schmerzhaften Fluch. Er hielt die Luft an und lief leise noch schneller. Da sah er sie. Er erkannte sie sofort. Ihre langen dunkelblonden Haare, die zierliche Statur und die erstarrte Haltung. Die Freundin von Maryann Westminster, wie hieß sie doch gleich?, war nur ein paar Schritte vom Eingang des Tempels entfernt. Genervt schüttelte den Kopf, als er den Grund für ihre Stille erblickte. Ginger, diese Intelligenzbestie, spazierte gerade die Treppe in den unterirdischen Gang herab inklusive auf Unwissende magisch wirkende Verschiebung des Springbrunnens. Na toll, das bedeutete eine weitere Last. Warum hatte man gerade ihn damit beauftragt Ginger zu holen? Jetzt konnte er wieder ausbaden, was sie versemmelt hatte. Geräuschlos näherte er sich der Starrerin und nachdem sie einmal laut keuchte gab er ihr einen gezielten Schlag auf den Schädel. Stöhnend sank sie in sich zusammen und er fing sie auf. Wie spät war es? Würde er es noch unbeobachtet über den regulären Weg auf die Krankenstation schaffen? Ach, selbst wenn ihn jemand sah, soweit er wusste, war das Mädchen doch erst vor ein paar Tagen von der Krankenstation entlassen worden. Wie wahrscheinlich wäre es, dass sie einen plötzlichen Schwächeanfall gehabt hätte? Ziemlich wahrscheinlich. Und so bettete er sie in seinen Armen und stapfte durch die dichter werdenden Flocken zurück zum Internat. Immer wieder zuckten ihre Lider und er beeilte sich noch mehr. Am Eingang angekommen suchte er sofort das Schwesternzimmer auf und eine dicke Krankenschwester mit Pausbacken geleitete ihn schweigend zu der geheimen Kammer am Flurende. Nachdem er kurz schilderte was geschehen war legte er sie auf die Behandlungsliege. Gerade als er sich fragen wollte, wie lange sie wohl noch ohnmächtig bleiben würde knarzte die andere Tür zum Gang unter der Erde und eine meckernde Ginger trat aus der Dunkelheit. Sie hielt sich die Hand – Gott, verdient hatte sie ihre dämliche Verletzung allemal – und musterte die drei dann überrascht. Der Krieger verkniff sich einen bissigen Kommentar und beantwortete ihren fragenden Blick mit scharfer Ignoranz. Dann sah er zu wie die Krankenschwester eine Ampulle füllte und der Schlafenden in den Arm bohrte. „Wenn sie aufwacht, wird sie nichts mehr wissen. Und bei Ihrer Fassung bleibt es auch!“ Sie musterte den Krieger. „Sie hatte einen Schwächeanfall und Sie haben sie nur gefunden und zu uns gebracht.“ Er nickte stumm. Die zuckenden Augenlider des Mädchens beruhigten sich und er atmete erleichtert aus. Sie schien keine Schmerzen mehr zu haben. „Sie können jetzt gehen.“ Dieses Angebot verwandelte sich blitzartig in einen Befehl bei dem strengen Blick der dicken Krankenschwester und schweigend verließen Ginger und der Krieger das Vermächtnis der Station.
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Die Soldatin
FantasyMisstrauisch blickte Mar aus dem Fenster. Ihr Atem schlug an das kalte Glas. Ruckartig zog sie die Vorhänge zu. „Okay, pass auf. Ich erzähle es dir einmal und dann nie wieder, verstanden?“ Hailey nickte. „Wir wurden her gebracht um zu kämpfen.“ Verw...
