Völlig perplex starrte Scarlett in den mittlerweile leeren Flur. Morgan‘ s Schritte hallten noch eine Weile auf dem kalten Boden, doch irgendwann verstummten auch die. Sie hatte gerade mit einem ihr fast völlig fremden Mann geschlafen. Sie hatte etwas getan, was unmöglich in ihrer Natur liegen konnte. Nein, nein, nein. Das konnte nicht sein. Egal wer sie einmal gewesen war – dämlicher Gedanke, wer sollte sie schon gewesen sein?! – sie fühlte sich in diesem Moment so fremd in ihrem Körper, dass sie an liebsten in ein Becken aus eisigem Wasser gesprungen wäre um endlich aufzuwachen. Doch Scarlett schlief nicht, sie war völlig bei Sinnen. Doch sie war es offenbar auch immer öfter. Wie in Trance fuhr sie sich durch die Haare und stellte fest, dass sie immer welliger wurden. Warum zur Hölle konnte sie nicht einfach normal sein? Warum war alles so kompliziert, so atemraubend, so ungerecht? Warum sie? Mit schnellen Schritten suchte sie die Krankenstation auf und klopfte wie wild an das Schwesternzimmer. „Scarlett, ist alles in Ordnung?“, fragte die dickliche Schwester, welche ihr die Tür öffnete. „Ist Ginger schon wach?“ Ihre Stimme war fest und auch wenn sie beinahe gerannt war, ging ihr Atem regelmäßig. „Nein, sie…“, begann die Schwester, doch Scarlett hob schneidend die Hand. „Wo ist sie?“ „Ganz hinten, aber…“ Doch Scarlett hörte schon nicht mehr zu und stürmte zum besagten Zimmer. Sie riss die Tür auf und eine anscheinend gerade erwachende Summerin blinzelte ihr entgegen. „Sie müssen mir helfen.“ Der Blick der Frau klarte auf und dann, dann geschah etwas Seltsames. Nach dieser Sicherheit in ihren Augen kam eine Art Trance, als würde sie in einen Zug steigen und auf ihre Heimat zurück blicken.
Die lauten Geräusche an der Tür weckten Ginger auf. Sie flatterte mehrmals mit den Wimpern und sah geradewegs ihrer Schönheit in die Augen. Scarlett. Maryann. Was auch immer. Doch die Goldene, die Schönheit, die Verschwendung fackelte nicht lange. „Sie müssen mir helfen.“ Ginger betrachtete sie und plötzlich glitt sie ab. Sie sah sie wieder vor sich. Reglos, starr, ohne Herzschlag aber lebend. Wehrlos, wunderschön, totenbleich. Wunderschön. Sie spürte wieder den Schmerz, den sie vernommen hatte, als sie sie verschandeln musste. Als sie sie gewöhnlich gemacht hatte. Als sie wenigstens ihre Augen besonders gelassen hatte. Wunderschön. Dieses erregende Gefühl der Macht und der Mütterlichkeit über ein völlig hilfloses Wesen. Sie selbst hatte so etwas nie kennenlernen dürfen. Sie selbst hatte nie so etwas wie eine Mutter. Vielleicht war die Goldene ihr deshalb so nahe. Sie wollte aufholen. Wiedergutmachen. Besser sein. Doch die Schöne weckte sie aus ihrer Starre, indem sie vor ihrem Gesicht mit den Händen wedelte. Ginger blinzelte mehrmals und nahm dann wieder ihren Blick auf. „Bitte.“, wiederholte das Mädchen leise und flehentlich. Ginger nickte, sagte nichts. „Meine Haare. Sie sind so lockig. Meine Augen, jedes Mal wenn ich in den Spiegel sehe flackert etwas Unbekanntes in ihnen auf. Diese Striemen an meiner Taille. Einfach alles.“ Sie stellte keine Frage. Das tat Ginger für sie. „Und ich soll dir helfen wieder normal zu werden?“ Sie sprach das Wort mit distanzierter Vorsicht aus und war überrascht, als Scarlett langsam den Kopf schüttelte. „Nein.“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen und dann lachte sie. Ginger war verwirrt. Warum weinte ihr Mädchen? „Nein.“ Sie strahlte. „Ich weiß nicht warum, aber hinter all dieser Falschheit, hinter dieser Fremde, hinter diesem Unbekannten, irgendwo da ist Vertrauen. Ich weiß nicht, aber es kommt mir bekannt vor. Das ist verrückt, oder?“ Jetzt war es Ginger, die langsam anfing zu schluchzen. Ihr Kind fand wieder zu sich selbst zurück. Sie kämpfte gegen das ihr aufgezwungene an. Sie war so intelligent, so stark, so schön. Sie war eine Kämpferin, eine Kriegerin, eine Soldatin. „Nein, nein das ist es nicht. Du bist genau richtig.“ Und da fasste Ginger einen Entschluss, eine Entscheidung. Sie würde ihre Tochter aufklären. Sicher, sie war nicht ihr Fleisch und Blut, aber sie war besessen von dieser Rebellion, dieser Aufständigen. Scarlett hatte die Wahrheit verdient. Sie würde ihr alles erzählen. Von ihrem angeblichen Tod bis hin zu dem Zeitpunkt, wo man ihr ein neues Leben vorgegaukelt hatte. Sie würde Scarlett wieder zu Maryann machen. Sie würde sie transformieren, sie erwecken, die Sterne tanzen lassen. „Scarlett hör zu, es gibt da etwas, dass ich dir erzählen muss. Es wird die Antwort auf deine Fragen sein, der Grund für deine Existenz. Du wirst mir dankbar sein.“ Sie lächelte leicht und wischte sich die Tränen fort. Scarlett stand ihr jetzt reglos gegenüber, doch man konnte ihr Herz bis in den Himmel klopfen hören. Sie glaubte Ginger. Sie glaubte daran, die Wahrheit zu erfahren. Nur noch wenige Worte trennten sie davon. Wenige Sätze. Worte. Silben. Buchstaben. Atemzüge. „Hör zu Schatz, es ist so, dass…“, begann sie, doch genau in diesem Moment erstarb alles, woran Ginger glaubte. Genau in diesem Moment wurden ihre Pläne zunichte gemacht. Genau in diesem Moment schlug ihr Plan fehl. Die Tür wurde aufgerissen und zornige Offiziere stürmten das Zimmer. „Schweig Ginger!“, knurrte einer und zwei weitere ergriffen Scarlett‘ s Oberarme. „Scarlett, bitte kommen Sie mit.“, forderten sie, doch Scarlett‘ s Muskeln spannten sich an. „Nein, nein wieso? Was haben Sie vor?“ Scarlett verstand nicht. Was war los? Wieso wollten sie nicht, dass Ginger mit ihr sprach? Wieso? Aus der Gruppe aus Offizieren und Kriegern traten mehrere Ärzte und Schwestern hervor und Ginger begann markerschütternd zu schreien. „Scarlett, lass es nicht zu!“, kreischte sie laut auf und suchte den Blick der Schönen. „Maryann, bitte…“, setzte sie an, doch ihre Rufe wurden je erstickt und Scarlett aus dem Zimmer gezerrt. Maryann. Sie wehrte sich. Sie wollte nicht, dass der Blonden etwas passierte. Es war das erste Mal gewesen, dass jemand aufrichtig mit ihr gesprochen hatte und jetzt sollte das alles zerstört werden? Das konnte sie nicht einfach so geschehen lassen. Und so hätte auch sie am liebsten laut gebrüllt, doch man drückte ihr eine Hand auf den Mund und ein Krieger sah ihr direkt in die Augen. „Beruhigen Sie sich! Es wird alles gut.“ Und da spürte Scarlett einen Stich. Irgendwo an ihren Armen. Irgendwo da. Es piekte wie eine Nadel. Und Scarlett hörte noch hallende Schritte auf dem Flur und die Stimmen von mehreren Personen – war das Amelia? – bevor sie von Schwärze eingehüllt zusammenbrach.
Schwerelosigkeit.
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Die Soldatin
FantasíaMisstrauisch blickte Mar aus dem Fenster. Ihr Atem schlug an das kalte Glas. Ruckartig zog sie die Vorhänge zu. „Okay, pass auf. Ich erzähle es dir einmal und dann nie wieder, verstanden?“ Hailey nickte. „Wir wurden her gebracht um zu kämpfen.“ Verw...
