Kapitel 49

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Rückwärts öffnete Adam die Tür mit seinem Ellbogen und betrat das Zimmer mit seinem voll bepacktem Tablett. Er hatte mal wieder Schokolade mitgehen lassen und ekelhaft süße Limo. „Also bevor du an Atemstillstand krepierst, stirbst du wohl eher an einem…“, begann er, doch dann hielt er abrupt inne, als er sich umdrehte und sah, dass Hailey schon wieder eingeschlafen war. „Zuckerschock.“, beendete er flüsternd. Leise stellte er alles auf dem Nachttisch ab und küsste sie dann sanft auf die Stirn. Sie seufzte im Schlaf leise auf und drehte sich ein Stück. Er lächelte sanft und verließ dann ihr Zimmer. Misstrauisch warf er noch einen Blick auf die verschlossene Schwesternzimmertür und machte sich auf den Weg zu seinem Zimmer. Es war relativ früh, vielleicht elf Uhr morgens und er müsste eigentlich längst beim Kampftraining sein. Doch zunächst musste er sich duschen und umziehen. Sein Zimmer war dunkel. Schlief Lauren etwa noch? Er tapste blind durch die Dunkelheit auf sein Bett zu und schaltete dort die Nachttischlampe an. Ein Lächeln überflog sein Gesicht. Lauren lag in seinem Bett. An seiner Brust schlief Chloe. Das Lächeln schwand einem Stirnrunzeln. Lauren sah ziemlich fertig aus. Überall blaue Flecken und getrocknetes Blut unter der Nase und an den Armen. Der Rest des Körpers war unter der Decke versteckt und da Adam nicht wusste, was die zwei letzte Nacht angestellt hatten und in welchem Grad der Bekleidung sie sich befanden, war er darüber auch mehr als froh. Seine Illusion begann Selbstmord, als er sah, dass Chloe ein Shirt trug. Schade. Dass die beiden um diese Uhrzeit noch schliefen, verwunderte ihn allerdings sehr, doch er beschloss sie nicht zu stören. Er lachte leise auf und nahm ein Handtuch und frische Klamotten aus seinem Schrank. Schleichend verließ er sein Zimmer und schlenderte zum Bad. Die meisten schienen schon beim Training zu sein, er war der einzige im Duschraum. Düstere Gedanken quollen auf wie heißer Wasserdampf. Wieder einmal wurde ihm klar, wie nahe sie einem Kampf waren. Wie nahe sie dem Tod waren. Hailey war das beste Beispiel dafür. Schon so oft war sie verletzt gewesen und das, obwohl sie erst wenige Wochen hier war. Von Mar ganz zu schweigen. Und wenn es wirklich zu einem Kampf kommen würde, müssten sie ihr Versprechen einhalten. Gegenüber sich selbst. Wenn sie kämpfen müssten, dann gegen den Resistentia-Orden. Vielleicht würde sie das ihr Leben kosten, vielleicht. Doch eher würde Adam Air sterben, als dass er sich zu einem mundtoten Untergeordneten machen ließ. Doch da gab es nun ein Problem. Eins, das vor nicht allzu langer Zeit nicht existiert hatte. Liebe. Er liebte Hailey Rose und er hatte sich selbst geschworen sie zu beschützen. Er würde für sie sterben, Klischee? Ja klar, aber war das nicht der Charakter der Liebe? Grenzenlose Erfüllung und Bedingungslosigkeit. Für Hailey Rose, ja, für Hailey Rose würde er jeden Weg gehen. Er würde niemals zulassen, dass sie von einem Blauen getötet wurde. Und wenn er das mit seinem eigenen Leben bezahlen müsste, dann wäre er nicht mal traurig darüber. Dann würde er in Glückseligkeit sterben. Kopfschüttelnd stellte er das Wasser ab und fuhr sich durch die nassen Haare. Eindeutig, das nasse Wasser schien ihn zum Philosophen werden zu lassen. Oder die Hitze. Eins von beiden definitiv. Er rieb sein Haar notdürftig trocken und zog sich dann an. Herzlich Glückwunsch Mr Air, Sie haben soeben ihre Socken auf dem nassen Fliesenboden angezogen. Applaus Applaus. Genervt und mit nassen Füßen verließ er das Bad und holte rasch aus seinem Zimmer ein neues Paar und seine Sportschuhe. Eigentlich hatte er ja vorgehabt nochmal bei Hailey vorbeizuschauen, doch ein komplett kopfloser Morgan mit einem blonden Etwas im Arm kam ihm auf den Weg zum Krankenflügel entgegen. „Adam, du musst mir helfen. Wir müssen sie zu irgendeinem Arzt bringen.“ Adam runzelte die Stirn. „Was hast du mit ihr gemacht?“ Morgan verdrehte die Augen. „Ist nicht so wichtig. Hilf mir einfach, okay?“, murmelte er und übergab Adam die Frau ohne Vorwarnung und rannte gen Krankenstation. Adam wusste eine Zeitlang nicht so recht, was er jetzt tun sollte, doch zwei Krankenschwestern mit einer Trage nahmen ihm die Entscheidung ab. „Wir übernehmen sie.“, meinten sie knapp, schenkten Morgan – der soeben hinterher gehechelt war - noch einen letzten abschätzigen Blick und huschten dann davon. „Will ich wissen was das sollte?“, fragte Adam. „Ich glaube nicht.“ Einstimmig nickten sie und starrten zu Boden. „Warum bist du eigentlich nicht beim Training?“, fragte Morgan plötzlich. Adam warf seinem Coach einen Blick zu, der eigentlich schon alles sagte. „Aber du oder was?“ Morgan grinste. „Ich darf das.“ „Weil du Trainer bist.“ „Nein, weil ich besser aussehe.“ „Ach so. Das ist mir neu.“ Spielerisch boxte Morgan Adam in die Schulter und die beiden trotteten zum Ausgang und auf die Trainingshalle zu.

„Egal was kommt, ihr müsst daran denken, dass ihr überlegen seid! Euer Gegner ist unerfahren, unausgebildet und ein absoluter Loser. Ihr“ Morgan sah einen Moment lang jeden einzelnen Soldaten an „, seid ausgebildete Krieger! Ihr habt das Können, das euer Gegner nie haben wird. Selbst ohne Waffen müsst ihr ihn spielerisch überragen können. Einfach weil ihr mehr Mut, mehr Erfahrung und mehr Herz habt.“ Mit diesen Worten beendete Morgan sein Plädoyer und klatschte in die Hände. „Einer gegen drei. Los los, ich will euch schwitzen sehen.“ Überrumpelt und geschockt über so viel Information und Forderung teilten sich die Schüler ein und begannen unschlüssig sich gegenüber zu stellen. Morgan trat durch ihre Reihen. „Ich will keine blutigen Köpfe sehen. Jeder der kotzen muss, darf das dann selbst sauber machen.“, grinste er und verschränkte die Arme. Als sich immer noch keiner rührte fuchtelte Morgan auffordernd mit den Händen. „Na los, worauf wartet ihr?“ Mit einem gewaltigem Satz sprang ein feuriger dunkler Blitz nach vorne und traf einen Jungen mit einem undefinierbarem Körperteil an der Brust. Der Typ taumelte und landete wenig elegant auf dem Hosenboden. Alle starrten die sich die Hände klopfende Soldatin an. „Guter Anfang, Ava. So will ich das haben!“, lobte Morgan und verschwand aus dem Schlachtfeld. Sobald er seinen Auszubildenden den Rücken gewandt hatte, verfielen sie in ein mehr oder weniger eindrucksvolles Kampfgebrüll und gingen technisch hochwertig aufeinander los. Morgan grinste. So hätte Mar es auch gemacht. Plötzlich traf ihn etwas Hartes am Rücken und er flog einige Meter nach vorn. Sofort rappelte er sich auf und drehte sich um. Ein Schüler war von einem anderen so attackiert worden, dass der geradewegs in ihn hinein gerasselt war. Der hockte nun mit vor Schreck aufgerissenen Erden auf dem Boden und starrte Morgan an. „T…tut mir leid Coach!“, stotterte er. „War das eine Herausforderung?“, fragte Morgan und grinste. Seine Augen waren dunkel, seine Zähne hell. „Die nehme ich gerne an. Oder gibt es jemand anderen, der gerne vor allen anderen gegen mich kämpfen möchte und dabei erläutert, wie man mich zu schlagen hat?“, rief er laut. Alle verstummten und sahen zu Boden. Keiner, nicht mal Ava meldete sich. Bis plötzlich eine Stimme hinter Morgan sich meldete. „Wie wäre es mit mir?“

Immer noch beleidigt zog Scarlett Silverstone ihre Sportschuhe an und stolzierte aus dem Zimmer. Soweit sie wusste, stand heute die offizielle Einführung ins Kampfverhalten und Grundtechniken an und sie, sie würde Morgan höchstpersönlich herausfordern. Sie joggte aus dem Gebäude, musste allerdings ihr Tempo verringern denn der Schnee ließ sie langsamer werden. Als sie endlich die Halle erreicht hatte, hörte sie schon von draußen Morgan reden. Leise öffnete sie die Tür und schob sie hinein. Sie hörte nur noch den letzten Satz von Morgan‘ s offensichtlicher Rede und dieser stellte sich als klare Herausforderung heraus. Und somit antwortete sie. „Wie wäre es mit mir?“ Perplex drehte Morgan sich zu ihr. Er konnte seine Verblüffung schlecht verbergen und dann erkannte Scarlett so etwas wie einen Funken von Respekt in seinem Blick. Gut so, er sollte ruhig etwas Angst bekommen. Bei ihrem Einstufungstest war er schließlich nicht anwesend gewesen. Da würde sie jetzt wohl nachholen, was er da verpasst hatte. „Na los, ich bin bereit.“, grinste sie und zog ihre Jacke aus. Sofort war jemand zur Stelle, der sie ihr abnahm. „Viel Glück Coach.“, flüsterte der Schüler und wackelte mit den Augenbrauen. Scarlett beachtete das nicht weiter und ging schnurstracks auf ihren Gegner zu. Ohne jegliche Vorwarnung beschleunigte sie plötzlich und stieß sich nur wenige Meter von ihm entfernt kräftig ab um mit beiden Beinen auf ihn zu zielen. Die Menge aus Schülern stob auseinander und Morgan duckte sich unter ihr hinweg. Sie rutschte über seinen Rücken und spürte sofort seinen kräftigen Griff an ihrem Oberarm. Wie eine Choreografie rief sie ihre Muskeln auf zu kämpfen. Mit dem gefangenen Arm stieß sie sich von ihm ab und schleuderte den Rest ihres Körpers einmal um Morgan herum, als wäre er ihre Drehachse. Morgan hatte Mühe sich auf den Beinen zu halten und ließ sie nach mehreren Runden schließlich los. Scarlett landete auf den Füßen und drehte sich sofort zu ihrem Gegner. Der stürmte schon auf sie zu und sie wich nicht aus, sondern ergriff blitzartig seine nach ihr ausholende Faust und riss ihn zu Boden. Sie saß nun rittlings auf ihm drauf und grinste. „Steh auf Soldat, macht ja sonst keinen Spaß!“, keuchte sie und machte einen eindrucksvollen Überschlag, als sie von ihm aufstand. „Nicht schlecht Miss Silverstone, aber geturnt wird im Aerobickurs.“, lachte Morgan und sprang auf. Und dann tat er etwas, was er damals mit ihr  gemacht hatte. Er packte Scarlett‘ s Unterarme und verschränkte sie hinter ihrem Rücken. Und das, was die Goldene dann tat, nahm ihm den Atem, die Fassung und den Herzschlag. Genau wie sie stieß sie sich an ihm ab und machte einen gekonnten Rückwärtssalto über ihn hinweg. Doch diesmal hatte Morgan aus seinen Fehlern gelernt und warf sich flach auf die Erde, bevor sie ihn mit einem Tritt in die Wirbelsäule besiegen konnte. Durch den fehlenden Widerstand fiel sie selbst nach vorne und landete auf Morgan‘ s Kehrseite. Erst lachten sie, dann schwiegen sie und dann, dann weinte Scarlett. Sie wusste nicht warum, sie weinte einfach. Und Morgan, der ließ seine glotzenden Schüler unbeachtet, hob seine Co-Trainerin hoch und trug sie hinaus.

Die SoldatinWo Geschichten leben. Entdecke jetzt