Chrys spannte gerade die Sehne eines Bogens und hakte sie in die kleine Öse ein, als ein lauter Schrei über den Hof erklang. Ihre Finger zitterten, schon die ganze Zeit hatte sie ein ungutes Gefühl gehabt und jetzt auch noch das. Chris war nur einige Meter von ihr entfernt und stapelte Äxte auf. Doch auch er hielt inne, als das Kreischen erneut ertönte. Ein junges Mädchen taumelte auf den kleinen geschützten Platz, der vom Palast umrahmt war. Ihre Uniform lag an der Brust in Fetzen und sie war noch nicht mal so alt, dass sie ihren Busen hatte bedecken müssen. Die Arme hingen schlaff an den Seiten herab, die Finger blutig und der Schopf tropfend rötlich und nass. Sowohl alle Soldaten von Defensio als auch der Rest von Regenerationis starrten sie an. Ihre Augen waren weit aufgerissen und der Mund stand offen. Sie hatte aufgehört zu schreien und ihr Körper bebte, das sah Chrys selbst von der Entfernung. Dann, fast wie in Zeitlupe, knickten ihre schmalen Knie ein und sie fiel zu Boden. Erst dann reagierte jemand. Ein hektisches Treiben ging durch das kleine Lazarett und mehrere Jungen mit einer Trage widmeten sich ihr.
„Arbeitet weiter, das ist nicht eure Aufgabe!“, herrschte eine Obrige Chrys an und sie zuckte merklich. Sie wusste nicht wo ihr der Kopf stand und hatte vergessen, was sie gerade bearbeitet hatte.
„Hey, beruhig' dich! Alles ist gut“, murmelte Chris plötzlich neben ihr und griff nach ihren Händen. Er war da und sie kannten sich nicht. Nicht mal ein bisschen, nein. Sie waren einige Stunden zusammen in einem dunklen Transporter gefahren und hatten ein wenig miteinander geredet, aber kannten sie sich? Wer war der andere? Wer war dieses Mädchen? Und wer war er? Chrys wusste nichts über ihn und doch war sie jetzt so dankbar ihn zu haben. Seit sie von Carma getrennt war, fühlte sie sich so schrecklich einsam wie noch nie. Sie und ihre Schwester waren immer zusammen gewesen, immer. Und jetzt war da dieser Junge, der ihre Hände hielt und sie in eine Umarmung zog. Es war nicht annähernd das selbe, als wären es Carmas Arme gewesen, aber dennoch war seine Nähe unheimlich tröstlich. Sie vergas das Blut des Mädchens nicht, nein, aber es drang in den Hintergrund. Und dafür war sie ihm sehr dankbar.
„Ich komme mit.“
„Wir brauchen dich hier, Chloe. Wir brauchen jeden einzelnen.“ Chloe schüttelte den Kopf, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich an den Küchentresen. Hailey und Ava waren fassungslos. Sie starrten einander an und konnten Chloe nicht verstehen. Wie konnte sie gerade jetzt, wo sie jede gute Seele brauchten, gehen wollen?
„Ich muss wissen, wie es Lauren geht“, erklärte sie sich und ihren Freundinnen fiel kein Gegenargument ein. Sie hatten alles gesagt. Sie hatten minutenlang auf sie eingeredet und ihr versucht klarzumachen, dass ihr Verlust ein weiterer Schlag wäre. Und jetzt löste sich das alles auf und verschwamm zu kleinen Nebelschwaden in ihren Köpfen. Sie konnten Chloe verstehen.
„Ich weiß, dass es euch hier schwächt, aber es wäre gut, jemanden dabei zu haben, der auf Scar achtet, wenn ich fahre“, krächzte auf einmal eine brüchige Stimme hinter Hailey und Ava. Sie drehten sich um und sahen Morgan im Türrahmen stehen.
„Ich schicke sie so bald es geht zurück und wenn wir es schaffen, bringen wir noch Leute mit“, räusperte Morgan sich dann und rieb sich über die geschwollenen Augen. Er sah unglaublich müde und unfassbar alt aus und das, obwohl er noch in den Zwanzigern war. In so schrecklicher Verfassung war er zuletzt gewesen, als Mar gestorben war. Er wusste, wie es um ihre Widerstandsgruppe – anders konnte man sie tatsächlich nicht bezeichnen – stand und auch, dass sie jeden brauchen konnten, den sie bekamen und daher war Ava und Hailey auch klar, dass er nicht um Chloe bitten würde, wenn es nicht nötig war.
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Die Soldatin
FantasiaMisstrauisch blickte Mar aus dem Fenster. Ihr Atem schlug an das kalte Glas. Ruckartig zog sie die Vorhänge zu. „Okay, pass auf. Ich erzähle es dir einmal und dann nie wieder, verstanden?“ Hailey nickte. „Wir wurden her gebracht um zu kämpfen.“ Verw...
