Kapitel 89

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Ich gebe euch im laufe des Kapitels ein Zeichen, wann ihr folgendes Lied laufen lassen sollt
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Paris Paloma: Labour

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A u r o r a


„Steh auf, mi Amor. Du solltest etwas essen."

Die Worte drangen durch den Nebel in meinem Kopf, weich, fast sanft – und doch ließ mich etwas daran frösteln. Müde schlug ich meine Augen auf, mein Blick war verschwommen, und es dauerte einige Sekunden, bis ich mich an die ungewohnte Helligkeit gewöhnte, die von einer Lampe zu kommen schien. Mein Kopf pochte dumpf, meine Augen fühlten sich schwer an, als hätte ich stundenlang geweint.

Ich blinzelte mehrmals, versuchte mich zu orientieren, als die Stimme erneut sprach. „Genau so..."

Reflexartig drehte ich den Kopf zur Seite – und erstarrte.

Mein Herzschlag setzte für eine Sekunde aus, bevor er mit unkontrollierter Wucht gegen meine Rippen donnerte. Mein Atem wurde flach, meine Kehle zog sich zusammen, während sich eine eiskalte Angst in mir ausbreitete.

„N... nein," murmelte ich, meine Stimme war kaum mehr als ein gebrochenes Flüstern, während mein Blick sich panisch auf die Gestalt neben mir richtete.

Montesa.

Er saß direkt neben mir auf dem Bett, sein Körper entspannt, als gehöre ihm die Welt. Sein dunkles, durchdringendes Lächeln, lag auf seinen Lippen. Seine Augen musterten mich mit dieser beunruhigenden Mischung aus Besessenheit und Genugtuung, als wäre dies genau der Moment, auf den er gewartet hatte.

Ich schoss hoch, riss mir die Decke vom Körper und erstarrte erneut.

Mein Atem blieb in meiner Kehle stecken, als mein Blick an mir hinunterglitt. Ich trug dunkelrote Dessous, zart und teuer, viel zu freizügig – und zweifellos nicht meine eigenen. Meine Hände zitterten, als ich den Stoff an meinem Körper berührte, meine Haut fühlte sich auf einmal nicht mehr wie meine eigene an.

Langsam hob ich den Blick und traf Montesas dunkle, zufriedene Augen.

Was war passiert? Die Erinnerungen waren bruchstückhaft, verschwommen, doch das Bild von ihm – von Montesa – war glasklar in meinen Gedanken eingebrannt. Ich wusste noch genau, wie er mich vor einigen Tagen brutal aus der Kammer zerren lassen hatte, während das Echo eines einzigen, kaltblütigen Schusses noch in der Luft hing. Er hatte einen seiner Käufer ohne zu zögern erschossen, als wäre es nichts. Und dann... dann hatte er mich wieder in den Keller sperren lassen.

Sie hatten mich gezwungen zu essen, zu trinken – nicht aus Mitgefühl, sondern aus einem perfiden Zweck heraus. Ich war bloß eine Ware für sie, ein Besitz, den sie am Leben halten mussten. Danach hatten sie mich erneut allein gelassen, eingesperrt in diesem kalten, dunklen Raum, der nach Feuchtigkeit und Verzweiflung roch. Stunden waren verstrichen, vier ganze Tage, in denen ich alleine in diesem Keller gewesen war und immer wieder Essen und etwas zu Trinken erhalten hatte. Die Zeit hatte längst jede Bedeutung verloren.

Am vierten Tag  waren sie dann gekommen. Seine zwei Handlanger. Ohne Vorwarnung, ohne eine Erklärung. Ich hatte mich gewehrt, geschrien, um mich geschlagen, doch meine Gegenwehr war sinnlos gewesen. Sie waren stärker, skrupelloser – und sie wussten genau, was sie taten. Ich spürte noch den brennenden Stich der Nadel, das kalte Gefühl der Flüssigkeit, die in meinen Körper gepumpt worden war. Ich wollte kämpfen, wollte mich gegen die lähmende Müdigkeit aufbäumen, doch mein Körper hatte mich verraten. Das Gift in meinen Adern hatte mich innerhalb von Sekunden in die Bewusstlosigkeit gezogen.

Dark PassionWo Geschichten leben. Entdecke jetzt