Kapitel 62

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E n z o H e n i n g t o n

Rückblick

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Ich konnte an nichts anderes mehr denken als an Aurora. Ihr Lachen hallte in meinem Kopf wider, wie sie mit diesem verdammten Kerl gelacht hatte, wie sie ihn ansah, als ob er ihr die Welt bedeutete. Eine brennende Wut nagte an mir, kroch durch jede Faser meines Verstandes und riss mich in Stücke. Es war nicht nur ihr Lachen, das mich quälte – er wusste auch über ihre Lieblingsblumen Bescheid, als hätte er das Recht, solche Details zu kennen. Purer Zorn pulsierte durch meine Adern, als ich ruhelos vor dem Boxsack marschierte, verzweifelt bemüht, einen klaren Gedanken zu fassen.

Ich zwang mich immer wieder, daran zu denken, dass sie jetzt bei mir war und nicht bei ihm. Doch dieser Gedanke brachte keine Erleichterung – ganz im Gegenteil. Es war, als würde jede Minute ihrer Abwesenheit mich weiter in den Abgrund ziehen. Ich ertrug es nicht, wie sie mich ignorierte, wie sie mich behandelte, als wäre ich unsichtbar. Eineinhalb Tage waren vergangen, ohne dass ich ihre Stimme gehört, ohne dass ich sie gesehen hatte, und jede Sekunde dehnte sich in eine Ewigkeit.

Den ganzen Tag über war ich beim Boxen gewesen, hatte versucht, die Wut in körperliche Anstrengung zu verwandeln, mich auf die bevorstehende Mission zu konzentrieren, die in wenigen Tagen beginnen würde. Doch mein Körper fand keine Ruhe ohne sie. Essen konnte ich ebenfalls nicht; seit ich ihr selbstgekochtes Gericht probiert hatte, schmeckte mir nichts mehr. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich verzweifelt, eine Art Verzweiflung, die ich nicht kannte, weil ich die Kontrolle verloren hatte. Und ich verachtete mich dafür.

Sie war in meiner Wohnung, und doch ignorierte sie mich. Der Gedanke daran trieb mich in den Wahnsinn. Ich hatte mich bereits um den Kellner und diesen Mistkerl gekümmert, der es gewagt hatte, über ihren Hintern zu reden. Selbst bei Aaron war ich nur einen Schritt davon entfernt gewesen, ihn endgültig auszuschalten. Doch ich wusste, dass Aurora sofort Verdacht schöpfen würde, also entschied ich mich für einen anderen Weg. Ich hatte mich mit seinem Vorgesetzten in Verbindung gesetzt und dafür gesorgt, dass Aaron am anderen Ende von Amerika stationiert wurde. Ein Problem für später – in wenigen Monaten, wenn Aurora ihn längst vergessen hatte, würde ich Aaron endgültig aus der Welt schaffen.

Ich konnte es einfach nicht begreifen – wie sie mich so ignorieren konnte? Ihre Worte hallten in meinem Kopf wider, und ich wälzte sie in Gedanken, immer und immer wieder, doch es ergab einfach keinen Sinn. Das war nicht die Aurora, die ich kannte... Sie war nie so kalt, so distanziert, so unnahbar. Es erinnerte mich an die Distanz meiner Mutter, an diesen selbstsüchtigen Egoismus, der mich damals als Kind zermürbt hatte. Und jetzt tat Aurora genau dasselbe, was in mir ein Gefühl der Ohnmacht aufsteigen ließ. Ein flüchtiger, qualvoller Gedanke beschlich mich – dass vielleicht auch meine Mutter damals wegen mir so gewesen war. Vielleicht war ich der Grund für diese Kälte gewesen, damals wie heute.

„Fuck!", zischte ich, wutentbrannt, und schlug mit aller Kraft gegen den Boxsack, bis meine Knöchel pochten. Mein Körper war durchgeschwitzt von der Anstrengung, jeder Muskel schrie vor Erschöpfung, doch ich ließ nicht nach. Der Schlafmangel nagte an mir, raubte mir den Verstand, aber diese Bewegung, dieses endlose, gedankenlose Hämmern gegen den Boxsack, war das Einzige, was mich davon abhielt, völlig durchzudrehen. Denn sobald ich die Augen schloss, sah ich nur noch sie – Aurora, ihre Blicke, ihre Worte, alles in mir brannte nach ihrer Nähe.

Dann vibrierte plötzlich mein Handy. Ich hielt in der Bewegung inne, meine Muskeln angespannt, und griff danach, das Herz hämmerte wie verrückt in meiner Brust. Für einen Moment glaubte ich, es könnte Aurora sein, die mich endlich nicht mehr ignorierte. Doch der Name, der auf dem Display erschien, ließ meine Stimmung in die Kälte abdriften. Es war nicht sie. Es war Svetlana.

Dark PassionWo Geschichten leben. Entdecke jetzt