Teil83

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Wir kommen bei unserer Hochzeitslocation an. Es ist ein traditionell italienischer Gasthof und heute nur für uns reserviert. Den Platz brauchen wir auch, denn die Anzahl unserer Gäste ist schier unendlich.

Die Stimmung ist ausgelassen, es scheint so, als ob heute alle ihren stressigen Alltag, die Konflikte und die ungelösten Probleme Zuhause gelassen haben und sich nur auf das Fest konzentrieren. Alte Bekannte sehen sich wieder und stoßen gut gelaunt ihre Gläser aneinander oder winken den Fotografen herbei, um den Moment des Wiedersehens festzuhalten. Ich verlasse das Fest für eine kurze Zeit, um mein Make-Up aufzufrischen, bevor die Hochzeitsfotos mit Jaden und der Gesellschaft gemacht werden. Die allgemein fröhliche Laune der vielen Menschen scheint etwas auf mich überzufließen und irgendwann bin ich sogar bereit, den "Bacio" Forderungen nachzugeben. Das blitzen der Kamera fängt genau den Moment ein, als meine Lippen Jaden überraschen.

Der Mittag vergeht mit viel Musik, Essen und Getränken, ich bereue es etwas, dass ich heute keinen Alkohol mittrinken werde. Wir sitzen in einem Festsaal, in dem die Tische U-Förmig arrangiert wurden. Als Brautpaar ist unser Platz am geschlossenen Ende der Tische mit guter Sicht auf die Tanzfläche und die großen hölzernen Eingangstüren dahinter. Es ist wie im Traum. Ich bin leicht benebelt von den Geschehnissen des Tages, aber trotzdem will mich diese surreale Realisation, dass ich gerade auf meiner eigenen Hochzeit bin, nicht verlassen. Was ist hier eigentlich los und wie um alles in der Welt bin ich hierhergekommen?

Vor dem Abendessen verlangt Rika nach einem Mikrofon. Oh nein, was kommt jetzt bloß? Doch zum Glück hält sie ihre Trauzeugenrede kurz und macht sich nur über meine Nervosität der vergangenen Wochen lustig. Jaden tastet unter dem Tisch nach meiner Hand und nach kurzem Zögern gestatte ich ihm, sie zu ergreifen.

"...und abschließend möchte ich dem frisch verheirateten Brautpaar noch einige Tipps mit auf den Weg geben! Wenn die Jahre kommen sollten, in denen ihr euch langsam nicht mehr ausstehen könnt...", die Menge lachen, vor allem die ergrauten Männer, die den Großteil der Gesellschaft bilden, "so habe ich gehört, dass ihr-", doch Rika kann ihren Satz nicht mehr beenden, denn sie wird von einem sehr lauten Knall unterbrochen.

Ich zucke zusammen, was ist das? Noch bevor ich mir über dieses unnatürliche Geräusch im Klaren werden kann, folgt ein weiterer lauter Knall, das von den Türen kommt. Die Gäste im Raum scheinen verwirrt und für einige Sekunden herrscht eine absolute Stille. Dann beginnt das Getuschel und die Nervosität erfasst den Festsaal. Einer der Bodyguards geht vorsichtig auf den Eingang zu, doch bevor er die Türklinke fassen kann, passiert es. Die großen Holzflügel, direkt gegenüber von mir explodieren und die Splitter fliegen in sämtliche Richtungen.

Unmittelbar danach bricht das Chaos aus. Erschrocken versuchen sich die Gäste in Sicherheit zu bringen, einige holen verborgene Pistolen unter ihren Sakkos und Anzugsjacken hervor, doch die durch den einzigen Eingang strömenden, maskierten Männer kommen ihnen zuvor. Sie sind bewaffnet und in der Überzahl.

Momente verstreichen, bis jeder realisiert hat, was hier eigentlich passiert. Wir werden angegriffen! Die ersten Schüsse sind bereits gefallen. Einige unserer Leute scheinen trotz des immer gültigen Waffenverbots auf Hochzeiten ihre Pistolen dabei zu haben und beginnen sofort mit dem Konterangriff. Ich stehe wie gelähmt an meinem Platz und betrachte das Grauen. Feind und Freund sind schwer zu unterscheiden, nur die Masken verraten die Eindringlinge. Waren es wirklich so viele? Wie kann diese riesige Menge an Gästen in nur so kurzer Zeit in die Unterzahl fallen? Wie viele sind schon verwundet? Wie viele konnten fliehen? Und was ist eigentlich mit mir? Warum stehe ich hier wie angewurzelt? Ich muss unbedingt meine Fassung zurückgewinnen und dann schleunigst nach draußen!

Doch bevor ich die Gefahr der Situation vollends erkannt habe, erscheint bereits einer der Gegner direkt gegenüber von mir. Ich habe das Gefühl, dass sich unsere Augen für einen Moment begegnen, auch wenn er eine Maske trägt. Wie versteinert starre ich ihn an und sehe, wie er langsam seinen linken Arm hebt. In seiner Hand hält er eine Waffe und er richtet sie direkt auf meine Brust. Was zum? Warum würde er auf mich zielen? Habe ich ihm denn etwas getan?

Mit einem Ruck reißt unser intensiver Blickkontakt ab, als ich nach hinten geschubst werde. Jaden drängt sich vor mich, was ist bloß los mit ihm, das ist doch total wagemutig, und dann höre ich den lauten Schuss. Es ist als wäre der Raum komplett still und nur wir drei in ihm. Wie in Zeitlupe sehe ich die kleine Explosion, als das Projektil die Mündung verlässt und direkt auf mich zu zischt. Kurz darauf verschwindet alles aus meinem Sichtfeld, denn Jaden fällt mit dem Rücken auf mich und wir gehen beide zu Boden.

Unter den Tischen scheint alles Still. Die herumlaufenden Anzugsschuhe vermischen sich mit den schmutzigen Stiefeln. Der plötzliche Adrenalinschub hat mich in einen Schockzustand versetzt und ich kann zugleich an nichts und alles denken.

LegatoWo Geschichten leben. Entdecke jetzt