Teil87

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„Ja, komm herein." Höre ich Jadens Stimme, die auf mein Klopfen reagiert. Dann trete ich durch die Tür. Sein Büro, das normalerweise leer und minimalistisch ist, spiegelt die Arbeit der letzten Wochen wider. Überall liegen Papierstapel und einige lose Blätter bedecken den teuren Perserteppich auf dem Boden. „Oh... du bist immer noch sehr beschäftigt, oder?" frage ich perplex. Ich will ihn nicht in seiner Konzentration stören. Jaden blickt auf und für einen Moment blitzt das Grün seiner Augen. Das Licht im Büro ist von den letzten Sonnenstrahlen erhellt und ein warmer Orangeton erfüllt die Luft. Kleine Staubkörner tanzen. Obwohl die Tage früher enden und der Herbst bald hier sein wird, kann ich nur daran denken, wie schön seine Farben sind.

„Nein, ich brauch eh eine Pause und wenn du sie mit mir verbringst, ist das umso besser!" sagt Jaden und steht auf.

„Ja... Du bist den ganzen Tag nur am Arbeiten, ich bekomme dich kaum noch zu sehen.", erwidere ich zögernd. Es ist irgendwie komisch, so belanglos mit ihm zu reden. Wir haben uns noch nicht von allem, was vorgefallen ist erholt. „Sollen wir uns setzten?" fragt Jaden und zeigt mit seinem Kinn in Richtung des kleinen roten Sofas am Fenster. Das wird schon, ich muss nur offen mit ihm sprechen und dann können wir unseren Normalzustand wiedererlangen. Aber eigentlich will ich nicht zurück in unsere Dynamik. Ich will eine neue, eine in der ich ebenbürtig bin und ihm vertrauen kann.

Wir setzten uns und unsere Schultern streifen sich leicht. „Jaden, ich..." beginne ich, doch auch er sagt im selben Moment meinen Namen. Es folgt ein unangenehmes Schweigen.

„Du zuerst." Fordere ich ihn auf. „Nein, fang du lieber an haha." erwidert Jaden. So kommen wir doch nicht weiter! „Na gut. Also ich... wollte das wir wieder mehr miteinander reden..."

„Vermisst du mich etwa, Ena?" Jadens Stimme klingt überrascht.

„Nein!" oh shit, „Ich meine ja... Irgendwie..." Das lief ja super. Ich richte mich auf und blicke ihn an. „Ich will nicht, dass wir so fremd sind. Wir sind verheiratet und trotzdem muss ich jeden Abend alleine essen."

Ein kleines Lächeln huscht über Jadens Mundwinkel. Bei genauerer Betrachtung sieht er viel älter aus als früher. Die letzten Wochen haben ihm stark zugesetzt und tiefe Augenringe lassen vermuten, dass er kaum zur Ruhe kommt. „Ena, es tut mir leid. Du hast recht, ich hätte meinen ehelichen Pflichten früher nachkommen sollen. Meine arme Frau fühlt sich einsam in unserem großen Haus. Haha. Wobei, wenn ich so darüber nachdenke, dann haben wir unsere Ehe ja noch nicht einmal vollständig vollzogen, oder?" Ein hinterlistiges Funkeln liegt in seinen Augen. Dann erlischt es. „Oh, tut mir leid. Ich wollte nicht..." doch er kann seinen Satz nicht vollenden, weil ich mich vorbeuge und ihm einen zarten Kuss auf die Lippen hauche. „Oh." macht Jaden überrascht, „Apropos eheliche Pflichten..."

Wir küssen uns für einige Minuten, es ist ein reiner Kuss ohne Forderungen oder Hintergedanken. Ich wollte wissen, wie ich mich fühle, wenn ich ihn von mir aus Küsse. Es fühlt sich gut an, warm und vertraut. Dann ziehe ich mich zurück, schließlich bin ich für etwas anderes hergekommen. Ich muss dafür sorgen, dass wir das Hindernis unserer Beziehung beseitigen. Ich muss sein Vertrauen zurückgewinnen und ihm zeigen, dass ich mich ihm öffnen kann. „Jaden, wenn du Fragen hast... Ich glaube, ich bin jetzt bereit... Wir können über das, was geschehen ist, reden. " Nervös zupfe ich an meiner Nagelhaut und erwarte seine Antwort. Was wird er mich fragen?

„Ena... Loreena, schau mich an." Jaden nimmt mein Gesicht in seine Hände. „Wir müssen nicht darüber reden. Du hast dich entschieden, mir nichts zu sagen und das wird seine Gründe gehabt haben. Aber ich hoffe, du weißt, dass du diese Last nicht allein trägst. Sie gehört zur Hälfte auch mir." Ein Moment der Stille. Jaden holt tief Luft. „Ena, ich vertraue dir. Und du kannst mir auch vertrauen, denn ich liebe dich mehr, als ich je etwas geliebt habe. Es tut mir leid, dass du nicht das Gefühl hattest, es mir sagen zu können. Und es tut mir auch leid, wie ich dich behandelt habe. Alles tut mir leid. Ich weiß gar nicht, womit ich dich verdient habe. Du bist immer noch hier und wir beide leben. Das ist alles was zählt." Ich schlucke schwer. Ja, womit hat er mich denn eigentlich verdient? Naja, aber ich bin auch nicht mehr die Unschuldige, die ich einmal gewesen bin. Wir sind beide verdorben, also können wir genauso gut zusammen sein. Eine Träne läuft meine Wange hinunter. Damit Jaden sie nicht sieht, lasse ich mich in seine Arme fallen, doch dann muss ich noch mehr schluchzten. „Es tut mir so leid, Jaden." „Du musst dich nicht entschuldigen, ich bin an allem schuld... Du weißt gar nicht, was ich alles getan habe..." Jaden schließt seine Arme fester um mich und drückt mich an sich. Ich lausche seinem Atem. „Ena, da ist etwas, dass ich dir sagen wollte. Aber... ich weiß nicht wie..." beginnt Jaden.

„Du kannst mir alles sagen, Jaden." Ich meine diese Worte ernst. Wenn wir uns öffnen, vielleicht können wir uns so näher sein. Ich will ihn verstehen und ich will, dass wir zusammen Glücklich werden können. Ich will, dass ich glücklich werde.

Doch dann klopft es an der Tür und wir trennen uns voneinander. Nachdenklich schaut Jaden mich an. „Herein." sage ich, denn der Moment der Vertrautheit ist vorüber. Einer der neuen Bodyguards betritt den Raum und ist zunächst überrascht, mich ebenfalls in dem Zimmer zu erblicken. Dann wendet er sich an Jaden. „Es gab einen Alarm in der Security, am Westeingang, aber wir haben wieder alles unter Kontrolle. Wahrscheinlich ist nur eine Katze durch die Lichtschranke oder so. Trotzdem wollte ich sichergehen, dass hier alles in Ordnung ist." Mit einem verlegenen Blick in meine Richtung fügt er hinzu. „Entschuldigung für die Störung, Boss. Ich habe auch noch neue Berichte über die Colombo Familie, aber ich kann auch später wiederkommen..."

„Nein, das passt schon, ich wollte sowieso gerade gehen." sage ich und springe schnell vom Sofa auf. „Wir sehen uns." Dann bin ich auch schon aus dem Raum verschwunden. Wieso habe ich mich gerade so peinlich verhalten? Ich bin Jadens Ehefrau und habe jedes Recht, in seinem Büro zu sein. Es ist ja nicht so, als hätte dieser Typ uns mitten beim Rumknutschen erwischt oder so... Gedankenverloren fahre ich mit meinen Fingern die Spur meiner Tränen nach. Ich fühle mich irgendwie... erleichtert. Als ob eine schwere Last von mir gefallen ist. Das Jahr mag zwar zu Ende kommen, aber ich werde einen Neuanfang starten. Loreena Blackwather gibt es nicht mehr, aber jetzt habe ich die einmalige Gelegenheit, mich neu zu erfinden. Erleichtert stoße ich den angehaltenen Atem aus. Das ist doch gut so. Alles läuft gut, oder?

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