Die nächsten Tage bekomme ich Jaden viel öfter zu sehen. Wir Frühstücken jeden Tag zusammen und auch abends sehen wir uns, wenn auch manchmal nur für wenige Minuten. Dann sprechen wir über den Tag. Es ist ein schönes Gefühl. Eine neue Normalität. Auch wenn ich nie die Hausfrau werden wollte, die nicht arbeitet, so kann ich trotzdem eine gewisse Zufriedenheit in mir finden. Wenn ich nichts zu tun habe, lese ich oder helfe in der Küche. Manchmal gehe ich in den Fitnessraum im Keller und trainiere. Mir ist nicht langweilig, nach und nach lerne ich das neue Personal kennen oder telefoniere mit Rika. Sie ist gerade im Urlaub, weit entfernt von Italien. Es beruhigt mich, ihren Reiseberichten zu lauschen oder von ihrem aktuellen Schwarm zu erfahren. Anscheinend hat sie sich in den Concierge ihres Hotels verschaut. Aber wie lange diese Schwärmerei anhalten wird, weiß wohl niemand. Trotzdem freue ich mich für sie, sie hat sich eine Auszeit mehr als verdient.
Die Stimmung im Haus ist gelassen, seit einiger Zeit hat die Colombo Familie anscheinen keinen neuen Schachzug gemacht. Auch wenn mir Jaden nun etwas mehr erzählt, so habe ich die Situation noch nicht vollständig begriffen. Aber vielleicht ist das auch besser so. Ich kann sowieso nichts ausrichten und es wirkt nicht so, als wäre die Lage allzu angespannt. Ab und zu bekommen wir auch Besuch von anderen Familien. Dann sitze ich neben Jaden am langen Esstisch und versuche mich mit meinen bedürftigen Italienisch-Fähigkeiten über alltägliches zu unterhalten.
Heute ist wieder so ein Abend. Das ganze Essen über versuche ich geduldig zuzuhören und zu lachen, wenn irgendjemand einen Witz macht. Das Gespräch spielt sich so schnell ab, dass ich kaum mit dem Übersetzten hinterherkomme. Es ist trotzdem erstaunlich, wie viel ich schon verstehe, einfach nur vom passiven Zuhören. Ich spüre wie Jadens Hand unter dem Tisch zufällig mein Knie streift. Ich blicke auf, doch er schaut in die andere Richtung, vertieft in das Gespräch mit seinem Sitznachbarn. Seine Hand wandert meinen Oberschenkel herauf und drückt sanft zu. Mich überfährt ein wohliger Schauer. Aber hier, mit so vielen anderen Menschen kann er sich das sparen! Unauffällig lasse ich meine Hand unter den Tisch gleiten und drücke seine weg. Doch bevor ich sie endgültig entfernen kann, dreht Jaden seine Handfläche und schnappt sich meine Finger. Jetzt sitzen wir Händchenhaltend nebeneinander, wie zwei verliebte Schüler. Haha, sowas kindisches habe ich seit einer Ewigkeit nicht mehr gemacht. Doch Jaden hat etwas anderes vor. Langsam bewegt er unsere Hände in meinen Schoß, dann drückt er meine Hand unerwartet nach unten. Überrascht stoße ich die Luft aus, fange mich jedoch sofort wieder.
„Alles in Ordnung, Signora Caruso?" „Ja, alles gut. Verzeihung."
Verärgert schubse ich Jadens Hand von mir, doch er lässt sie weiterhin auf meinem Oberschenkel ruhen und schaut unschuldig in die andere Richtung. Sowas! Ich kann dich auch aus dem Konzept bringen, warte nur! Leise streife den Schuh meines linken Fußes ab und schlage ihn über den Rechten. Dann lasse ich ihn an Jadens Bein emporwandern. Er sitzt am Tischende neben mir und so laufe ich keine Gefahr, ungewollt den Fuß von jemand anderem zu berühren. Bei dem Gedanken daran, was das für ein Chaos verursachen könnte, muss ich schmunzeln. Nun habe ich mein Ziel erreicht und Jaden strafft seine Schultern.
„Orsetto, kannst du mir das Salz geben?" Jaden braucht einen Moment um zu begreifen, dass ich ihn mit diesem unendlich peinlichen Spitznamen meine. Überrascht dreht er sich zu mir und nun hat mein Fuß freien Zugang. Vorsichtig, aber bestimmt schiebe ich meinen Fuß nach vorne und blicke Jaden dabei tief in die Augen. Er schnappt überrascht nach Luft, dann hat er sich wieder gefangen. Gerade aufgerichtet reicht er mir das Salz und lächelt gequält. Sein Blick sagt mir, dass ich gewonnen habe und endlich aufhören soll. Triumphierend hebe ich eine Augenbraue. Der Mann gegenüber von mir kichert, denn es muss sehr komisch sein, dass ein Mafiaboss auf Orsetto hört. „Ach, junge Liebe..." seufzt seine Frau. Dann ziehe ich mich zurück.
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Legato
Macera„In meinem Leben gibt es niemanden mehr, für den es sich zu sterben lohnt" Als sie Zeugin eines Unfalls wird, gerät die 18 jährige Loreena unfreiwillig in die ihr völlig fremde Welt der Mafia. Plötzlich sieht sie sich Entscheidungen gegenüber, die w...
