Teil89

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Wir verabschieden den Besuch und als sich die Haustüre schließt, dreht sich Jaden zu mir. „So ungezogen kenne ich dich ja gar nicht." „Dann kennst du mich aber schlecht, Orsetto. Außerdem hast du angefangen!", erwidere ich spielerisch. „Loreena, wenn du mich nochmal so nennst, werde ich keine Gnade zeigen.", droht Jaden spielerisch. „Mh?", gebe ich unschuldig zurück und gehe einen Schritt auf ihn zu. Wir blicken uns tief in die Augen. Grün auf grün, er und ich. Doch dann reißt mich ein Geräusch hinter uns aus dem Bann seines Blicks. Einer der Angestellten räumt das Geschirr weg. Jaden seufzt und nimmt dann meine Hand. Er zieht mich mit sich, schnellen Schrittes nach oben in mein Zimmer. Schon hat er die Tür hinter uns geschlossen und drückt mich im nächsten Moment mit dem Rücken gegen sie.

Jaden streicht mir das Haar hinters Ohr, dann beugt er sich vor uns flüstert: „Endlich sind wir allein." Er küsst mich leicht auf die Stirn. Seine Hände fühlen sich wie Federn an, etwas hat sich in der Art, wie er mich anfasst geändert. Er ist viel behutsamer, als wäre ich etwas Kostbares, etwas, dass er beschützen muss. Es scheint, als hätte sich seit unserem letzten Mal einiges verändert.

Als sich unsere Lippen treffen, schmecke ich den verbliebenen Hauch von Weißwein, den wir heute zum Abendessen getrunken haben. Seine Hände streichen meinen Rücken entlang und arbeiten sich zart aber beharrlich nach unten. Langsam zieht er mich aus, während wir uns in Richtung Bett bewegen. Doch wir lassen uns Zeit, es ist anders als zuvor. Ich habe das Gefühl, dass mich Jaden wirklich wahrnimmt. Nicht wie etwas, dass er mal wollte und deswegen bekommen hat. Nein, er sieht mich als Person. Er weiß, wie er mich anfassen muss und trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass er mich nur wegen meines Körpers will oder weil unsere Chemie perfekt zusammenpasst. Er liebt mich wirklich. Und ich...

Kurz bevor wir uns vereinen, halte ich inne. „Was ist?", fragt er, denn er hat mein Zögern bemerkt. Ein besorgter Ausdruck huscht über sein Gesicht. „Wir müssen nicht...", beginnt er zu stottern, doch ich falle ihm ins Wort. „Hast du Kondome? Weil ich wirklich nichts mehr riskieren will.... Nicht nach... Und äh... Ich hab noch nicht mit meinem Arz-„ Jadens Finger unterbricht mich. Er hat ihn auf meinen Mund gelegt und lächelt verschmitzt. „Keine Sorge, Ena, ich hab kein Problem damit. Tut mir leid, dass ich nicht mitgedacht hab. Bin gleich zurück." Und schon hat er den Raum verlassen. Schneller, als ich ihn je hab rennen sehen.

Ein Gefühl der Belustigung übermannt mich, doch dann steigt eine kleine Unruhe in mir auf. Jaden und ich waren uns lange nicht mehr so nahe und dann noch die Sache, über die wir erst vor kurzem gesprochen haben... Ich muss an es denken und es wird bestimmt noch einige Zeit dauern, bis ich mich von dem Schmerz erholt habe. Eine Last, die wir gemeinsam tragen. Gedankenverloren setzte ich mich auf und gehe zu dem großen Spiegel neben dem Schrank. Mein nackter Körper wird von dem hereinfallendem Vollmond angestrahlt. Ich bin bleich. Wie zum Test lege ich meine Hand auf meinen Bauch. Kann es wirklich sein, dass bis vor kurzem etwas Leben in mir war? Auch wenn es noch so klein war...

Mein Blick wandert weiter hoch und bleibt an der neuen Narbe hängen. Sie ist noch nicht komplett verheilt, etwas Kruste ist noch da und deswegen darf ich nicht zum Pool und schwimmen gehen. Doch noch weiter oben, bei den Rippen, dort waren mal andere Wunden. Ganz am Anfang, als ich Jaden gerade erst kennen gelernt hatte. Diese Narben sind kaum noch zu sehen. Wahrscheinlich bin ich sogar die Einzige, die sie noch sieht. Vielleicht werden sie sichtbar, wenn ich mich in der Sonne bräune? Wie Jaden wohl reagieren würde, wenn er sie sieht? Ob er sich überhaupt noch daran erinnert? Oder hat er all die schrecklichen Dinge, die er mir angetan hat bereits vergessen? Tut ihm wirklich alles leid? Wenn ich so darüber nachdenke ist es auch seine Schuld, dass es jetzt nicht mehr da ist... Aber so darf ich nicht denken! Sonst kann ich hier niemals glücklich werden.

Ich lasse mich wieder auf das Bett fallen, gedankenverloren fahre ich mit meinen Händen meinen Körper ab. Ich habe viele Narben und viele sind direkt von Jaden verursacht. Diese Narben sind vielleicht nicht mehr auf meiner Haut sichtbar, aber sie werden ewig auf meiner Seele zu sehen sein. Und deswegen muss ich lernen mit ihnen umzugehen. Ich darf sie nicht ignorieren, das funktioniert nur für eine gewisse Zeit und danach wird alles schlimmer. Wenn Jaden sich jetzt wirklich bessert und mir nie wieder etwas antut, dann kann ich vielleicht wirklich noch so etwas wie Liebe für ihn finden. Schließlich gibt es arrangierte Ehen überall auf der Welt und nicht alle sind zum Scheitern verurteilt. So wie Jaden mich liebt, hat mich noch nie zuvor jemand geliebt. Er würde mir nun nie etwas schreckliches antun. Nicht mehr. Und ich fühle mich wohl bei ihm. Ich mag ihn.

Der Türgriff senkt sich und schon kommt Jaden zurück in das Zimmer gehuscht. Das Licht im Raum kommt nur vom Mondschein. Jadens Gesicht leuchtet und er grinst triumphierend. „Da bin ich wieder." Lächelnd folgen meine Augen seinen Weg, wie er auf mich zukommt, wie er sich das Hemd aufknöpft und wie er sich behutsam und doch fordernd zu mir herunterbeugt.

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