John ging nun wieder und Julia dachte angestrengt nach. Nebenbei machte sie noch einige Notizen und erstellte irgend ein wirres Diagramm oder so. Ich verstand das alles nicht wirklich, aber das lernte man wohl in einem Psychologie Studium.
"Und?", fragte ich nach einer Weile gespannt.
"Diese ganzen Todesfälle haben eins gemeinsam. Sie sind alle geschehen, als er nicht dabei war. Als er wiederkam waren sie tot.", erklärte Julia. Und das klang jetzt wie ein Detektiv in irgend einem Krimmi.
"Nicht nur Psychologin, sondern auch Hobby Detektivin.", bemerkte ich.
"Das gehört zusammen. Als Psychologin musst du gut kombinieren können."
"Aha. Und wie kann uns das jetzt helfen?"
"Ich vermute, dass er zu seinem Bruder damals eine ziemlich starke Verbindung hatte. Das er ihm damals nicht helfen konnte, hat in ihm damals eine Art Trauma ausgelöst. Durch den Tod seiner Mutter, der er auch nicht helfen konnte, hat sich dieses Trauma dann noch verschlimmert. Durch Stuarts Tod kam das dann alles wieder hoch. Er konnte seine Angst aber noch unterdrücken. Shalima war sein Rückhalt. Ihr Tod hat dann alles auf die Spitze getrieben. Seit dem fehlt ihm dieser Rückhalt, den er dringend braucht."
"Und? Kannst du ihm helfen?"
"Ich denke schon. Ich kann es zumindest versuchen. Rein theoretisch gesehen müssen wir es eigentlich nur schaffen, dass er über seine Probleme spricht und uns mal so richtig die Ohren voll heult. So können wir ihm dann helfen sein Trauma zu überwinden."
"In der Praxis könnte sich das, aber ziemlich schwer gestalten."
"Genau. Aber irgendwie kriegen wir das schon hin."
"Hoffentlich."
"Das wird schon alles wieder."
"Und wenn nicht?"
"Lisa, wir kriegen ihr wieder hin! Es wird ihm besser gehen. Das schaffen wir schon! Ich werde alles tun, damit es ihm wieder gut geht! Das verspreche ich dir! Und wenn ich es nicht hin bekomme, finden wir schon jemanden, der ihn wieder hinbekommt. Es wird alles wieder gut! Versprochen!"
"Danke! Ich glaube ohne dich wäre ich jetzt schon am verzweifeln!"
"Hey. Ich hab nicht umsonst Psychologie studiert. Ich helfen anderen gerne und es freut mich, wenn ich euch helfen kann."
"Was würden wir nur ohne dich und Jenny machen? Johannes wäre wahrscheinlich nie hier geblieben und wir würden hier im absoluten Chaos versinken."
"Chaos ist doch auch so."
"Aber ohne euch wäre noch mehr Chaos. Ihr seid einfach so die, die hier neben mir alles managen. Wenn ihr nicht hier wärt, würde hier gar nichts mehr laufen."
"Das ist so ziemlich bei jedem hier so. Wenn einer fehlt bricht prinzipiell immer das Chaos aus."
"Bei euch beiden ist es aber am schlimmsten."
"Wenn du meinst. Ist ja jetzt auch egal."
"Was machen wir jetzt mit Ben?"
"Wir setzen uns gleich mal ganz in Ruhe zusammen und quetschen ihn ein bisschen aus. Vielleicht erzählt er uns dann offen, was los ist."
"Das glaub ich nicht."
"Ich auch nicht, aber einen Versuch ist es wert."
"Und was, wenn es nicht funktioniert?"
"Dann musst du versuchen, dass er mit dir über alles redet."
"Wie soll ich das denn machen?"
"Lisa du bist die Einzigste, der er wirklich vertraut. Wenn er sich wem öffnet dann dir! Sei einfach für ihn da und sprich mit ihm. Das könnte ihm schon helfen."
"Und wenn nicht?"
"Meine Güte jetzt hör auf dir solche Sorgen zu machen! Das wird schon alles wieder! Das hab ich dir doch eben schon gesagt."
"Okay."
"Gut. Dann komm. Wir gehen ihn mal suchen."
Zu zweit gingen wir nun rein, wo Ben und Johannes uns schon entgegen kamen.
"Hey! Alles gut?", fragte ich vorsichtig.
"Ja.", kam es nur knapp von Ben.
"Das ist schön. Ben wir würden gerne mal in Ruhe mit dir sprechen.", mischte Julia sich nun ein.
"Aha.", war die einzigste Reaktion von Ben.
"Komm. Wir setzen uns nach draußen.", bestimmte Julia und so setzten wir uns gemeinsam wieder in den Garten.
"Wie geht's dir?", begann Julia nun zu fragen.
"Ganz gut.", meinte Ben.
"Schön. Und psychisch?"
"Hä? Ich versteh nicht, was du meinst."
"Körperlich geht es dir gut. Und psychisch?"
"Auch."
"Sicher?"
"Ja."
"Okay."
"Was soll das jetzt hier werden?"
"Nichts besonderes. Ich stell dir jetzt ein paar Fragen und du beantwortest sie einfach ehrlich."
"Okay..."
"Kannst du dich noch an deinen Bruder erinnern?"
"Was für einen Bruder? Ich hab keine Geschwister und ich hatte auch noch nie welche."
"Und an deine Mutter?"
"Schleierhaft."
"Wie sah sie aus?"
"Das weiß ich nicht so genau. Stuart sagte immer, dass ich ihr sehr ähnlich sah."
"Okay. Weißt du, wie sie gestorben ist?"
"Sie hatte Krebs. Mehr weiß ich nicht."
"Hast du sonst noch irgendwelche Erinnerungen an sie?"
"Nein. Nicht wirklich."
"Ganz sicher?"
"Ja."
"Okay. Das wars schon.", meinte Julia nun. Ben schaute uns nur verwirrt an und fragte: "Was hat das jetzt gebracht?"
"Nichts. Ich war nur neugierig.", meinte Julia.
"Aha.", sagte Ben noch immer verwirrt.
Julia machte nun irgendwas an ihrem Handy und nach einiger Zeit des Schweigens kam Johannes vorbei.
"Darf ich euch Ben mal eben entführen?", fragte er. In Ben kam schon weider leichte Panik auf.
"Ja klar. Wir waren hier sowieso fertig. Lisa und ich sind dann im Büro und schauen mal nach, welche Hengste dann dieses Jahr so für eine Körung in Frage kommen.", meinte Julia und zog mich mit sich rein ins Büro.
"Und? Wie geht's weiter?", fragte ich, als wir dort angekommen waren.
"Also so hat das keinen Sinn. Er vertraut mir nicht genug, um mir alles an zu vertrauen. So ziemlich alles, was er geantwortet hat, war nur die halbe Wahrheit. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich noch an seinen Bruder erinnert und auch an seine Mutter. Das nimmt ihn beides ziemlich mit. Das kann man an seiner Reaktion sehen. Er muss mit jemanden darüber reden, aber mit mir wird er das nicht. Da bin ich mir ziemlich sicher. Du bist die Einzige mit der er darüber reden würde. Du musst es nur schaffen, dass er das auch tut."
"Und wie soll ich das anstellen?"
"Die Fragen eben haben ihn ganz schön mitgenommen. Das konnte man aus seinen Antworten raus hören. Das hat so einiges wieder hochkommen lassen. Das wird ihn alles ziemlich beschäftigen. Sei einfach für ihn da und sprich ab und an mal seinen Bruder oder seine Mutter an. Wichtig ist, dass er weiß, dass er dir ruhig stundenlang die Ohren vollheulen kann. Ansonsten geh einfach nach Gefühl vor. Du schaffst das schon."
"Also muss ich im Prinzip nichts anderes erreichen, als das er mir alles erzählt?"
"Ja. Er soll dir alles erzählen, was ihn beschäftigt. Und zwar wirklich alles."
"Okay."
"Das kriegst du hin. Bestimmt!"
"Ich hoffe es."
"Du schaffst das schon! Und wenn nicht ist auch nicht schlimm. Wir finden schon irgendwen, der ihm helfen kann."
"Ich will es hoffen."
"Was hab ich dir versprochen?"
"Das du alles tust, um ihn wieder hin zu kriegen?"
"Nein. Ich habe dir versprochen, dass ich ihn wieder hinkriegen werde. Du wirst den alten Ben wieder bekommen! Das hab ich dir versprochen und ich werde dieses Versprechen nicht brechen!"
"Ja."
"Er wird wieder der Alte! Auf jeden Fall."
"Okay."
"So. Wie sieht's jetzt mit den Hengsten? Welche lassen wir kören?"
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Sprung ins Chaos
De Todo"Sprung ins Chaos" ist der 6. Teil meiner Buchreihe zu den Bewohnern des Gestüts Michalòw und knüpft direkt an den 5. Teil "Der falsche Sprung" an. Auch hier geht es wieder um Lisa, Ben und vor allen Dingen auch Emely, die mal wieder ordentlich Chao...
