Wieder am Gestüt angekommen gingen die anderen nun rein, während ich los ging, um Capricio erst einmal gründlich zu putzen und dann zu longieren. Der Hengst arbeitete auch brav mit und so ließ ich ihn nach etwa einer halben Stunde noch ein wenig in der Halle laufen. Dort verausgabte er sich dann noch ein wenig, bevor ich ihn dann in seine Box brachte. Als nächstes holte ich dann Devil und ließ auch ihn in der Halle laufen, bevor ich mit ihm dann etwas Freiarbeit machte. Er liebte es die verschiedenen Lektionen zu lernen. Das merkte man auch an diesem Tag wieder deutlich an seiner extremen Motivation. Dadurch hatten wir beide so viel Spaß, dass Devil ganze zwei Stunden mit mir genießen durfte in denen wir beide viel Spaß hatten.
Zum Schluss ließ ich den Hengst noch etwas frei sodass er sich noch ein wenig austoben konnte, doch er schien darauf nicht wirklich Lust zu haben. Stattdessen legte er sich in den Sand und schaute mich erwartungsvoll an. Ich verstand und setzte mich nun neben ihn. Sanft strich ich ihm über den Hals und konnte erkennen, wie sehr er meine Aufmerksamkeit doch genoss. Völlig entspannt lag er da und ließ sich von mir verwöhnen. In dem Moment würde niemand darauf kommen wie temperamentvoll der Hengst doch eigentlich war und vor allen Dingen auch nicht, dass er überhaupt ein Hengst war. Er war einfach total entspannt.
Nach einer Weile merkte ich dann allerdings, wie ein Zucken durch den Hengst ging und er sich zu der Tür drehte. Ich folgte seinem Blick und erkannte Ben, der mit einem Teller in der Hand auf uns zu kam.
"Wusste ich doch, dass du hier bist.", sagte Ben und beugte sich nun zu mir runter, um mir den Teller mit einem Brot darauf in die Hand zu drücken.
"Ich dachte du willst vielleicht auch was essen.", meinte er.
"Danke!", sagte ich.
"Da genießt jemand deine Aufmerksamkeit aber sehr.", bemerkte Ben nun mit einem Blick auf den Hengst.
"Ja. Ich hab eigentlich viel zu wenig Zeit für ihn. Wenn ich jeden Tag immer nur kurz bei ihm vorbei schaue ist er um so glücklicher, wenn ich mir mal wirklich nur Zeit für ihn nehme. Das liebt er."
"Ich sehs. Und du genießt es auch, oder?"
"Ja. Es ist wirklich toll mal wieder ein bisschen was mit ihm zu machen. Ich vermisse es ihn jeden Tag zu trainieren."
"Wir müssen dringend irgend eine Lösung finden, dass wir alle ein bisschen mehr Zeit haben. Vor allen Dingen auch du. Es ist auf Dauer nicht gut, wenn du tagsüber ein Pferd nach dem anderen trainierst und nachts durch arbeitest. Das haben wir ja jetzt erst gesehen. Es bringt keinem was, wenn du zusammenklappst, weil du das Rennen auch noch reiten musst."
"Wir brauchten diesen Sieg."
"Kein Sieg der Welt ist es wert, dass du dich so kaputt machst!"
"Du verstehst das nicht. Du kennst nicht unsere Buchhaltung. Unser Gestüt lebt von Kunden, die unsere Pferde kaufen. Wenn wir keine Kunden haben, verkaufen wir keine Pferde und uns fehlt das Geld. Ohne das Preisgeld und die neuen Kunden, die wir durch den Sieg bekommen haben, hätten wir ein Problem gehabt. Es kostet viel 300 Pferde durch zu füttern. Ohne das Geld hätten wir das Futter diesen Monat nicht bezahlen können."
"Sind wir so knapp bei Kasse?"
"Jetzt erstmal nicht mehr. Das Problem haben wir jedes Jahr zum Jahres Anfang. Wenn dann die Fohlen alle geboren sind und von denen erstmal einige verkauft werden ist das kein Problem mehr, aber momentan sind wir noch auf Siege angewiesen. Ohne können wir das hier alles nicht finanzieren."
"Warum sagst du nichts? Dann wäre ich geritten."
"Du musst dich noch schonen. Da lass ich dich garantiert keine 160 Kilometer reiten!"
"Dann wäre halt Tom geritten, oder Janina oder sonst irgendwer."
"Du weißt doch selber, dass sich außer mir keiner freiwillig auf Tahir drauf setzt. Ich musste ihn reiten. Das ging nunmal nicht anders."
"Oh man. Wir brauchen dringend mehr Mitarbeiter."
"Du bist lustig. Wir können nicht mal eben noch mehr Mitarbeiter einstellen. Wenn das so einfach wäre, hätte ich das schon längst getan. Das können wir uns momentan nicht leisten. Da ist es wichtiger, dass wir hier im Sommer alles ausbauen."
"Das ist viel zu kompliziert! Es muss doch irgend einen Weg geben, wie wir alle entlastet werden und wir trotzdem genug Geld haben, um alles bezahlen zu können."
"Diesen Weg suche ich schon seit Jahren. Wenn du den findest ohne, dass wir jede Menge von unseren Erfolgspferden verkaufen, bist du ein Genie."
"Und wenn alle irgendwie ein bisschen weniger verdienen und wir dafür wenigstens einen Mitarbeiter mehr einstellen?"
"Das geht auch nicht. Die arbeiten so schon für einen Hungerlohn. Davon können Julian und so gerade mal die Boxenmiete mit Futter bezahlen. Die kriegen gar nichts wirklich ausgezahlt. Bei Julia und Johannes sieht das auch nicht viel anders aus."
"Verdammt, das ist doch alles doof!"
"Ja. Wir haben keine andere Wahl, als alles so zu lassen, wie es ist. Emely und Lea sind ja auch bald mit der Schulemfertig und arbeiten dann voll hier. Da haben wir schonmal wieder zwei Mitarbeiter mehr."
"Und wie bezahlen wir die?"
"Gar nicht. Emely kriegt dafür das ganze Training und so für umsonst und Lea auch. Die sind ja sowieso erstmal in der Ausbildung und bekommen kaum Gehalt. Da ist das kein Problem."
"Und was wäre, wenn wir immer mehrere Auszubildende einstellen?"
"Das geht zeitlich nicht. Die müssen erstmal alle unterrichtet werden und so. Mehr als einen können wir da nicht nehmen."
"Aber das wäre doch schon mal wenigstens etwas."
"Ja. Mal sehen. Irgendwie kriegen wir das schon hin. In den letzten Jahren hat es ja auch geklappt."
"Ja. Mir ist es immer noch ein Rätsel, wie du es in den letzten Jahren geschafft hast ohne einen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Andere würden das so nicht schaffen."
"Ich hab von klein auf immer das ganze Chaos mit bekommen. Irgendwann bist du das einfach gewohnt. Außerdem lebe ich dafür meinen Traum. Wie viele Leute können das schon von sich behaupten?"
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Sprung ins Chaos
Diversos"Sprung ins Chaos" ist der 6. Teil meiner Buchreihe zu den Bewohnern des Gestüts Michalòw und knüpft direkt an den 5. Teil "Der falsche Sprung" an. Auch hier geht es wieder um Lisa, Ben und vor allen Dingen auch Emely, die mal wieder ordentlich Chao...
