Emely behielt allerdings die Nerven und über sprang ein Hindernis nach dem anderen ohne Schwierigkeiten. Dann kam der schwierigste Teil. Eine Kombination, die um einen Baum herum und direkt ins Wasser führte.
"Jetzt versammeln. Ganz in Ruhe da drüber. Du hast genug Zeit.", redete ich leise vor mich hin, doch Emely tat genau das Gegenteil. Sie trieb den Hengst ordentlich nach vorne.
"Oh Gott! Was macht die da?", fragte Ben, der schon wieder sehr nah an einem Nervenzusammenbruch war.
"Bleib locker. Sie reitet auf Risiko. Galoppsprünge verlängern und dafür einen weniger reiten.", sagte ich.
"So kommt sie doch niemals um die Kurve!"
"Du glaubst gar nicht, wie wendig dieses Pferd ist!"
"Warum muss dieses Mädchen so sehr nach ihrer Mutter kommen?", fragte Ben verzweifelt.
"Bleib locker. Sie macht das schon!", sagte ich, doch das brachte auch nicht viel. Emely ritt nun mit Vollgas auf das erste Hindernis zu. Also müssten das dann vier Galoppsprünge zu dem nächsten Hindernis sein. Vorher musste sie allerdings erstmal um den Baum herum kommen. Dazu hatte der Hengst eine sehr lustige Technik entwickelt. Er knickte die Hinterbeine so weit ein, dass er schon fast saß und lief mit den Vorderbeinen weiter. So rutschte er ziemlich lustig um die Kurve und über sprang das folgende Hindernis perfekt.
"Geniale Technik oder?", fragte ich mit einem breiten grinsen. Ben war allerdings so gar nicht zum Lachen zu mute. Er würde wohl erst wieder entspannt sich in, wenn Emely mit beiden Füßen auf dem Boden vor ihm stand.
Der Rest des Parcours war relativ unspektakulär. Emely ließ ihn also perfekt hinter sich und schaffte es so tatsächlich die Vielseitigkeit zu gewinnen. Ben hatte sich mittlerweile wieder halbwegs beruhigt und stand neben mir.
"Ich hab doch gesagt sie kann das!", sagte ich stolz. Wir hatten es tatsächlich geschafft. Emely war deutsche Meisterin in der Vielseitigkeit. Und das mit drei perfekten Ritten.
Nach der Siegerehrung telefonierte wir dann erst einmal mit den anderen, bevor es dann weiter ging. Lea ritt schließlich an diesem Tag noch zwei Springen. Das sollten ihre ersten Springen auf M Höhe sein. Und, wie sollte es auch anders sein, wurde sie bei beiden Springen direkt platziert. Bei dem Stil Springen wurde sie fünfte und bei dem Zeit Springen sogar dritte.
So fuhren wir am nächsten Morgen mehr als zufrieden mit acht Schleifen und einem Pokal nach Hause.
Vorher musste allerdings noch etwas erledigen. Emely musste mit Paul reden. Ich hatte zwar keine Ahnung, wie die beiden sich verständigen wollten, aber Emely wollte unbedingt allein mit ihm sprechen. So packte ich schonmal alles zusammen und wartete, bis sie kam.
Nach etwa einer halben Stunde kam sie dann wieder und es sah nicht gerade so aus, als wäre alles gut gelaufen.
"Und?", fragte ich vorsichtig.
"Er hat eine Freundin.", sagte sie und brach in Tränen aus. Ich nahm sie in den Arm und sagte: "Dann hat er dich gar nicht verdient. Du findest einen anderen."
"Aber ich liebe nur ihn!", schluchzte sie weiter.
"Es gibt auch andere Jungs in deinem Alter, die nett sind.", sagte ich und versuchte sie so etwas zu trösten. Nach etwa einer halben Stunde schaffte ich dies dann auch und wir packten noch die restlichen Sachen ein, bevor wir dann die Pferde verluden und zurück nach Polen fuhren. Dort wurden wir bereits sehnsüchtig erwartet und feierten erstmal eine Weile, bevor wir dann zu Bett gingen.
Am nächsten Tag war dann Putzen angesagt. Die Sattelkammer musste mal wieder aufgeräumt und durch sortiert werden. So machten wir ums alle zusammen daran das komplette Sattelzeug zu putzen und wieder an den richtigen Ort zu räumen. Da in der Sattelkammer allerdings beim besten Willen nicht genug Platz für alle war, waren alle irgendwie auf dem ganzen Gestüt verteilt. Julia und Jenny misteten die Boxen aus und der Rest war irgendwo anders am putzen. Ich saß mit Tom zusammen in der Sattelkammer, die wir komplett ausgeräumt hatten, und war alle Halterungen und Spinte am putzen. Tom unterstützte mich dabei tatkräftig und putzte die Stellen, wo ich nicht dran kam. Das war das Problem, wenn man so klein war. Man kam nirgends richtig dran.
Zwischendurch schaute ich nochmal nach Ginger, die an diesem Tag aber von Jenny ein wenig locker geritten wurde. Ich würde erst am nächsten Tag wieder richtig mit ihr trainieren. Bis dahin hatten wir dann die gröbsten Sachen schonmal geputzt und geordnet.
Am Mittag hing ich gerade zwischen einem Sprint und einem Sattelhalter, um dahinter zu putzen, als Emely rein kam und fragte: "Können wir kurz reden?"
"Du Emely das ist gerade ganz schlecht. Wir sprechen heute Abend, okay?", fragte ich. Von ihr kam keine Antwort mehr und so putzte ich einfach weiter, bis Tom fragte: "Zwei Striche heißt schwanger oder?"
"Ja. Wieso?", fragte ich verwundert. Und quetschte mich wieder aus der Ecke heraus. War Jenny jetzt etwa schwanger?
"Den hat Emely hier gerade hin gelegt.", meinte Tom und hielt mir einen Schwangerschaftstest vor die Nase.
"Ach du meine Güte!", sagte ich erschrocken und natürlich musste genau in dem Moment Ben rein kommen.
"Was ist denn?", fragte er. Schnell nahm ich Tom den Test ab und versteckte ihn hinter meinem Rücken.
"Nichts.", sagte ich.
"Was ist los?", fragte Ben weiter.
"Nichts. Was sollte denn sein?", fragte ich.
"Was hast du denn da hinter deinem Rücken?"
"Nichts."
"Lisa! Was hast du da?"
Zähne knirschend zeigte ich ihm nun den Test. Ich hatte keine andere Chance mehr.
"Bist du etwa...", setzte er an, doch ich unterbrach ihn.
"Nein bin ich nicht.", sagte ich.
"Wer denn dann?", fragte Ben weiter.
"Keine Ahnung."
"Wo hast du den überhaupt her?"
"Emely hat den eben hier hin gelegt."
"Sie ist doch nicht etwa...", begann Ben und wollte schon auf dem Absatz kehrt machen, doch ich hielt ihn auf.
"Du hältst dich da raus! Ich kläre das!", sagte ich und wand mich dann Tom zu.
"Lass ihn hier bloß nicht weg!", sagte ich zu ihm und ging dann im Eiltempo rein zu Emelys Zimmer. Dort klopfte ich an die Tür und als von drinnen eine Antwort kam, ging ich rein.
DU LIEST GERADE
Sprung ins Chaos
Random"Sprung ins Chaos" ist der 6. Teil meiner Buchreihe zu den Bewohnern des Gestüts Michalòw und knüpft direkt an den 5. Teil "Der falsche Sprung" an. Auch hier geht es wieder um Lisa, Ben und vor allen Dingen auch Emely, die mal wieder ordentlich Chao...
