Irgendwo im Wald parierte ich meine Stute dann durch und setzte mich auf einen Baumstamm, der dort umgekippt lag.
"Ach Süße. Warum ist da nur alles so kompliziert?", fragte ich meine Stute und spürte, wie mir auch schon die Tränen kamen.
So saß ich also weinend auf einem Baumstamm irgendwo in irgend einem Wald und hing meinen Gedanken nach. Ich brauchte einfach etwas Zeit für mich.
Nach einer Weile hörte ich dann, dass sich etwas hinter mir bewegte und fuhr erschrocken herum. Dann erkannte ich allerdings Johannes, der vorsichtig fragte: "Darf ich mich zu dir setzen?"
Ich nickte nur und so saß er wenig später auch schon neben mir. Sanft legte er einen Arm um mich und schwieg.
"Schickt Ben dich? Kann er schon nicht mehr selber kommen?", fragte ich.
"Nein. Ich bin freiwillig hier. Ich weiß, dass du das momentan nicht hören willst, aber ich hab mir Sorgen um dich gemacht.", sagte Johannes.
"Und Ben rennt nicht direkt los?"
"Doch. Das hätte er am liebsten gemacht, aber ich denke das wäre keine gute Idee gewesen. Wir haben ihn gezwungen da zu bleiben und Jenny kümmert sich erstmal um ihn."
Ich schwieg nun.
"Was war das da eben? Habt ihr Probleme?", fragte Johannes.
"Ja das kann man sich ja wohl denken!", entgegnete ich.
"Lischen, ich mein es wirklich nicht böse mit dir! Ich will dir nur helfen! Ich seh doch, wie schlecht es dir geht. Sprich mit mir und wenn nicht mit mir dann sag mir, wen ich dir sonst schicken soll. Das ist mir völlig egal, aber sprich mit irgend jemanden!"
Nun kamen mir endgültig die Tränen und ich schluchzte: "Ich kann das alles nicht mehr!"
"Was denn?", fragte mein Bruder einfühlsam.
"Ich ertrag es einfach nicht mehr den ganzen Tag ein Pferd nach dem anderen zu reiten und von Ben alle zwei Sekunden gefragt zu werden, ob auch wirklich alles in Ordnung ist und ob ich mich auch wirklich nicht in Gefahr bringe. Seine dauerhafte Panik macht mich fertig!"
"Er macht sich eben Sorgen um dich. Das ist doch normal. Du bist ihm sehr wichtig und er will nicht dass dir was passiert."
"Nein. Das ist nicht mehr normal. Er ist krank. Das hätte ich schon viel eher verstehen müssen."
"Was meinst du mit krank? Das verstehe ich jetzt nicht."
"Er hat extreme Verlust Ängste. Schon seit ich ihn kenne. Ich habe mir immer eingeredet, dass das normal ist und das wir das schon in den Griff bekommen, aber das tun wir nicht."
"Wie kommst du denn darauf, dass er Verlust Ängste hat? Ich hab da ja wirklich keine Ahnung von, aber Julia hat mal irgendwie gesagt, dass das Leute bekommen, die als kleines Kind jemanden verloren haben."
"Das hat Ben. Es weiß außer mir keiner und ich weiß es auch erst seit kurzem, aber Ben hatte einen kleinen Bruder. Er war noch jung und sollte auf ihn aufpassen. Er ist auf die Straße gelaufen und wurde vor Bens Augen überfahren. Da war er drei. Als er sechs war ist dann seine Mutter an Krebs gestorben. Sein Vater hat ihn danach gehasst. Bis heute kommt er nicht klar und als dann auch sein Vater und Shalima gestorben sind ist es vorbei. Danach ist es ganz schlimm geworden. Deswegen haben wir ja auch Lotta gekauft. Sie soll auf mich aufpassen, wenn ich alleine bin, damit Ben sich keine Sorgen macht."
"Oh. Das wusste ich gar nicht. Dann hat er ja wirklich niemanden mehr."
"Genau das ist das Problem. Er hat nur noch mich und wenn mir irgendwas passiert oder ich mich von ihm trenne, bringt er sich um. Das kann ich dir garantieren."
"Oh Gott! Wie hältst du das jeden Tag aus mit dem Gedanken, dass dein Mann psychisch labil ist und sich im Prinzip jeden Moment umbringen könnte?"
"Genau das ist das, was ich meine. Das kann ich nicht mehr. Andauernd kommt er an und macht sich Sorgen und wenn er es mal einen Tag nicht tut muss ich mir Sorgen machen, dass irgendwas nicht stimmt und das er sich vielleicht umbringt. Das schaff ich nicht mehr. Ich muss bei jedem Sprung Angst haben vom Pferd zu fliegen, weil ja irgendwas passieren könnte und damit würde Ben nicht klar kommen. Wenn ich im Koma liege oder sonst etwas, bringt er sich um."
"Warum hast du nie was gesagt? Ben hätte schon viel eher einen Psychologen gebraucht."
"Den hätte er schon mit drei gebraucht oder spätestens mit sechs. Außerdem hab ich das nie gesehen. Ich hab mir immer eingeredet, dass das alles ganz normal ist und das er sich ja nur Sorgen macht. Ich weiß ja selber nicht wieso."
"Weil du ihn liebst. Wenn man jemanden liebt dann ist man blind für so etwas. Dann sieht man nicht, wie krank die Person doch in Wirklichkeit ist."
"Ja. Vielleicht."
"Und was machen wir jetzt mit dir? So kann das ja definitiv nicht weiter gehen. Das macht dich kaputt und das will ich nicht. Ich will nicht zu gucken müssen, wie meine Schwester an so etwas kaputt geht."
"Was soll ich machen? Mich von ihm trennen? Dann bringt er sich um."
"Er braucht einen Psychologen. Und du am Besten auch. Der ist der einzige, der euch noch helfen kann."
"Ich brauch keinen Psychologen."
"Lisa du sitzt hier heulend auf einem Baumstamm und erzählst mir, dass dein Mann sich jede Sekunde umbringen könnte und dann willst du mir erzählen das du keinen Psychologen brauchst? Du hast auch genug Mist gesehen und dir würde es wahrscheinlich mal gut tun mit einem Psychologen darüber zu reden."
"Ach man."
"Wann hast du eigentlich vor zurück zu reiten?"
"Am liebsten gar nicht. Ich will ihm nicht erklären müssen, dass er dringend einen Psychologen braucht. Ich will ihn nicht noch mehr kränken, als ich es so schon getan hab."
"Irgendwann musst du zurück. Da ist egal, wann."
"Können wir noch einen Moment warten?"
"Okay. Aber wenn es dunkel wird, müssen wir dann wirklich zurück."
"Gut."
Lange saßen wir noch auf dem Baumstamm und unterhielten uns, bis Johannes Handy klingelte.
"Ja?", meldete er sich und drückt mir kurz darauf das Handy in die Hand.
"Ja?", fragte ich verwundert. Wer wollte denn jetzt was von mir?
"Lisa du musst sofort kommen!", hörte ich Jenny panisch sagen. Was war denn jetzt passiert, dass Jenny schon so panisch war? Bis die in Panik geriet, brauchte es ja schon einiges.
DU LIEST GERADE
Sprung ins Chaos
Random"Sprung ins Chaos" ist der 6. Teil meiner Buchreihe zu den Bewohnern des Gestüts Michalòw und knüpft direkt an den 5. Teil "Der falsche Sprung" an. Auch hier geht es wieder um Lisa, Ben und vor allen Dingen auch Emely, die mal wieder ordentlich Chao...
