Ginger hatte die Situation jedoch im Griff und sprang exakt zum richtigen Zeitpunkt ab. So flogen wir nahezu perfekt über das Hindernis und hatten es geschafft. Wir waren auch im zweiten Umlauf null geblieben und waren somit im Stechen. Ich hatte es mit einem gerade mal vier Jahre alten Pferd mit kaum Erfahrungen bei Olympia bis zum Stechen geschafft! Alles, was jetzt noch kam, war einfach nur eine Ergänzung von einem wunderbaren Erlebnis. Ein Traum wäre es natürlich es jetzt noch auf das Treppchen zu schaffen, aber das war so gut, wie unmöglich. Noch niemand hatte es mit einem so jungen und unerfahrenen Pferd bisher überhaupt so weit geschafft, wie ich.
Nach dem zweiten Umlauf blieb allerdings nicht viel Zeit zum Feiern. Während Jenny nun Ginger in Bewegung hielt, ging ich mit Katrin zusammen den Parcours ab. Sie hatte es nicht ins Stechen geschafft, aber konnte mir durch ihre langjährige Erfahrung einige hilfreiche Tipps geben.
Auch der Parcours für das Stechen, war allerdings regelrecht, wie für uns angefertigt. Allerdings gab es hier mehrere Varianten. Entweder langsam und sicher oder schnell und voller Risiko.
"Wenn ich dir einen Tipp geben darf dann reit komplett auf Risiko. Das könnt ihr beide gut und so habt ihr die eheste Chance euch noch durch zu setzen.", meinte Katrin. Ich nickte nur. Natürlich würde ich gern auf Risiko reiten, aber war das auch für Ben okay? Kam er damit klar, wenn ich so risikoreich ritt?
Wieder bei den anderen angekommen fragte ich so nun an Ben gewandt: "Darf ich auf Risiko reiten? Geht das mit deinen Nerven klar?"
"Reite so, wie du es am besten kannst. Ich will dir nicht bei der Karriere im Weg stehen.", meinte Ben.
"Ich habe dich nicht gefragt, was du meinst, was für mich am besten ist. Ist es für dich in Ordnung, wenn ich auf Risiko reite? Ich will nicht, dass wir danach dann nochmal komplett von vorne anfangen müssen."
"Lisa, es ist alles in Ordnung! Reite so, wie du und Ginger es am besten könnt. Das ist ungefährlicher, als wenn du gezwungen langsam reitest und Ginger dich dann runter schmeißt, weil sie ungeduldig wird. Reite so, wie du es für richtig hältst. Ich komme schon klar. Ich vertraue da einfach mal drauf, dass die Kleine auf ich aufpasst.", sagte Ben und diese Worte ließen meine Augen glasig werden. Früher wäre er nie auf die Idee gekommen so etwas zu sagen und das zeigte mir mal wieder wie viel wir in der letzten Zeit eigentlich erreicht hatten und wie sehr Julia uns geholfen hatte. Es war schön endlich in einen Parcours rein zu reiten und nicht drüber nachdenken zu müssen, ob ich Ben jetzt schon wieder zu schnell wurde, oder ob ich nicht doch zu viel Gefahr einging. Das tat gut. Endlich hatte ich den fast sorglosen Ben, den ich mir immer gewünscht hatte. Endlich konnte ich mal alle Sorgen um ihn zur Seite schieben und den Moment einfach genießen. Das war einfach toll und ich konnte nicht anders, als ihm glücklich um den Hals zu fallen.
"Was ist denn jetzt?", fragte er verwundert.
"Das ist der Hammer! Zum aller ersten Mal hast du bei einem Stechen keine Angst, dass etwas passieren könnte.", sagte ich begeistert.
"Natürlich mach ich mir sorgen, aber es bringt nichts, wenn ich dir was verbiete. Dann machst du es erst recht. Außerdem weiß ich mittlerweile, dass du es drauf hast in einer irren Geschwindigkeit die engsten Wendungen zu reiten und dabei noch perfekt über die Hindernisse zu fliegen."
"Die Frage ist nur, ob ich das mit Ginger auch schaffe. Mit Devil und Darling war das nie ein Problem. Die konnten das einfach, aber bei Ginger bin ich mir nicht sicher. Ich bin mit ihr noch nie so extrem auf Risiko geritten."
"Was verstehst du unter extrem auf Risiko reiten?"
"Ich nehme zwischen allen Hindernissen einen Galoppsprung weniger, als mann normal reitet und reite dafür doppelt so schnell. Und das durch den ganze Parcours."
"Okay. Jetzt bereue ich irgendwie nachgefragt zu haben."
"Kriegst du das mit deinen Nerven wirklich hin?"
"Ich denke schon."
"Gut. Wenn was ist dann sag Bescheid!"
"Ich komme schon klar. Konzentrier du dich lieber komplett auf den Parcours. Das ist wichtiger."
Ich nickte nur und schwang mich nun auf den Rücken der Stute, um sie locker noch ein bisschen in allen Gangarten zu reiten und dann schließlich zum Einlass zu gehen. Mittlerweile war ich wirklich extrem nervös. So schrecklich aufgeregt war ich noch nie vor einem Stechen. Es war einfach so ein riesiges Risiko, was ich da einging, aber ich kannte meine Stute und ich wusste, dass ich sie in diesem Parcours sowieso nicht würde halten können.
Auch diesmal wand Ben sich wieder Ginger zu und sagte ernst: "Du musst mir jetzt ein Gefallen tun. Trag sie sicher wieder hier her. Werf von mir aus jede Stange, aber bring mir meine Kleine Heil wieder hier her! Mehr verlange ich gar nicht von dir!"
Dann kam auch schon die Reiterin vor mir aus dem Parcours und ich ritt ein. Noch ein letztes Mal grüßte ich vor den Richtern und zeigte meiner Stute den Parcours.
"Wir beide machen das hier jetzt! Ich weiß, dass du das kannst! Das liegt dir in den Genen! Ich weiß, wie schnell du werden kannst und wie exakt du springen kannst. Gib alles! Das ist womöglich das wichtigste Stechen in deinem Leben!", flüsterte ich meiner Stute zu und durchquerte nun die Zeitschranke. Wie im Trance lenkte ich sie in einem Affenzahn durch den Parcours. Trotzdem saß jeder Galoppsprung perfekt und meine Stute trug mich fehlerfrei durch den Parcours. An diesem Tag hatte ich es geschafft. Ich hatte mit einem wundervollem Pferd das Stechen meines und ihres Lebens gewonnen. Ginger hatte im Alter von vier Jahren das erste Mal Olympia gewonnen und war somit das jüngste Pferd, dass jemals eine goldene Medaille gewonnen hatte und ich hatte es ein weiteres Jahr geschafft Olympia in der Einzelwertung und in der Mannschaftswertung zu gewinnen.
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Sprung ins Chaos
Random"Sprung ins Chaos" ist der 6. Teil meiner Buchreihe zu den Bewohnern des Gestüts Michalòw und knüpft direkt an den 5. Teil "Der falsche Sprung" an. Auch hier geht es wieder um Lisa, Ben und vor allen Dingen auch Emely, die mal wieder ordentlich Chao...
