Nach einer Weile kam dann auch Jenny mit dem Verbandskasten wieder. Sie war noch immer kriedebleich und stand genauso unter Schock, wie wir alle.
Ich nahm ihr den Kasten nun ab und suchte mir alles herbei, was ich brauchte. Damit verband ich Bens Arm nun, sodass es aufhörte zu bluten. Er machte nun gar nicht erst mehr Anstalten sich zu wehren, sondern lag einfach ruhig auf dem Boden. Seine Gesichtsfarbe hatte sich mittlerweile der, der weißen Wand neben ihm angepasst und er sah einfach schrecklich aus.
Nun hörte ich Schritte hinter mir und drehte mich um. Katrin kam rein und fragte auf deutsch: "Was ist denn hier los?"
Obwohl Jenny und Julia beide deutsch konnten antwortete ihnen jedoch keiner. So kam Katrin nun zu mir und fragte: "Was ist passiert?"
"Er hat versucht sich um zu bringen.", erklärte ich knapp. Katrin schaute mich nur geschockt an und fragte: "Kann ich irgendwie helfen?"
"Kannst du mal Tom herbei holen?", fragte ich.
"Wie denn? Der versteht mich nicht."
"Tom spricht einwandfrei englisch. Der versteht dich schon.", meinte ich und so war sie wenig später auch schon verschwunden.
Wenig später kam sie dann allerdings mit Tom wieder, der direkt zu mir geeilt kam. Er fragte gar nicht erst, was passiert war sondern: "Wie kann ich helfen?"
"Kannst du dich um Jenny kümmern? Die steht total unter Schock?", fragte ich leise. Sie musste das nicht direkt mit bekommen.
"Ja klar. Was ist mit dir? Geht's dir so weit gut?"
"Naja. So wie man sich halt fühlt, nachdem der Mann sich versucht hat um zu bringen. Aber ich komm schon klar.", meinte ich.
"Okay. Wenn was ist dann sag Bescheid!", sagte Tom und klopfte mir aufmunternd auf die Schulter, bevor er dann wieder ging. Er nahm auch Jenny mit und so blieben nur ich, Katrin und Julia übrig.
"Was hast du jetzt vor?", fragte Julia nun auf deutsch, sodass auch Katrin sie verstand und Ben hingegen nicht.
"Wie viel Uhr haben wir?", fragte ich.
"Wir haben jetzt gleich sieben Uhr.", antwortete Julia.
"Könnt ihr die Pferde füttern?"
"Ja klar, aber können wir euch hier alleine lassen?"
"Ich denke schon."
"Denken heißt nicht wissen."
"Ich komme schon klar. Wenn nicht kann ich laut genug schreien.", sagte ich nun. So wirklich sicher war ich mir dabei allerdings nicht. War es wirklich gut hier alleine mit Ben zu bleiben? Würde er dann gleich wieder versuchen sich um zu bringen? Andererseits war es auch ganz gut mal mit ihm alleine zu sein. So konnten wir in Ruhe auch mal über Dinge reden, die die anderen jetzt nicht unbedingt wissen mussten und Ben war offener, wenn er mit mir allein war.
So klopfte Julia mir noch einmal auf die Schulter, bevor sie dann mit mir Katrin zusammen die Halle verließ.
Ich wand mich nun wieder Ben zu und fragte: "Warum machst du das? Warum wirst du jetzt auf einmal so depressiv und meinst dich umbringen zu müssen?"
"Du verstehst das nicht.", meinte Ben nur.
"Nein. Das tu ich auch nicht. Ich verstehe nicht, warum du jetzt auf einmal sterben willst! Vor ein paar Stunden war doch alles noch in Ordnung! Bitte erklär mir das!"
"Das verstehst du sowieso nicht."
"Beantworte einfach meine Fragen!"
"Ich kann das einfach nicht mehr. Ich halte es nicht mehr aus jedes Mal tierische Angst zu haben, wenn du auch nur für ein paar Sekunden aus meinem Sichtfeld verschwindest. Ich ertrage es nicht mehr zu wissen, dass du die gefährlichsten Pferde reitest und dich andauernd in Lebensgefahr begibst. Ich komme mit dieser Angst nicht mehr klar und ich es kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren dich damit fertig zu machen. Ich kann und will dir das nicht antun!"
"Oh Gott Ben! Warum sprichst du nicht mit mir? Warum sagst du nichts? Wir hätten dir doch längst geholfen! Sich um zu bringen ist keine Lösung! Das macht alles nur noch viel schlimmer! Ich liebe dich doch!"
"Ich dich auch."
"Dann bitte tu mir einen Gefallen und bring dich nicht um! Ich brauche dich! Deine Ängste kriegen wir schon irgendwie in den Griff. Du musst nur mit mir reden! Wenn du nicht sagst wie schlecht es dir in Wirklichkeit geht dann kann ich dir auch nicht helfen. Wenn du aber jedes Mal sagst, wenn es dir nicht gut geht, oder du einfach Angst hast dann kann ich dir vielleicht auch helfen. Du bist mir verdammt wichtig und ich verspreche dir, dass ich alles für tun werde, damit es dir wieder besser geht. Ich will doch auch nicht, dass du mit solchen Ängsten leben musst. Ich will einfach nur, dass es dir gut geht, aber dazu musst du dir helfen lassen. Am besten wäre so bad, wie möglich ein Psychologe."
"Muss das sein?"
"Ben du hast gerade versucht die um zu bringen und willst mir jetzt erklären, dass du keinen Psychologen brauchst?"
"Können wir nicht erstmal versuchen das alleine hin zu kriegen? Ich will nicht, dass irgendwelche Fremden sich da einmischen."
"Und wie willst du das sonst machen?"
"Julia kann sowas doch. Di kann uns doch helfen. Bitte! Ich will keinen fremden Leuten meine Probleme an vertrauen."
"Okay. Aber nur unter einer Bedingung."
"Und die wäre?"
"Du musst mir versprechen, dass du nicht mehr versuchst dich um zu bringen und, dass du dir von uns auch wirklich helfen lässt. Wenn du mit das versprichst können wir es nochmal alleine versuchen."
"Das kann ich nicht. So gerne ich es auch würde, aber ich kann dir nicht versprechen, dass ich nicht nochmal versuche mich um zu bringen."
"Ach Schatz. Was mache ich denn jetzt mit dir? Wenn ich dich zum Psychologen schicke, nimmst du mir das wahrscheinlich übel und wenn ich dich hier lasse riskiere ich, dass du wieder versucht dich um zu bringen und es dann vielleicht sogar schaffst. Einerseits will ich dir helfen und will dich nicht noch fertiger machen, als du es so schon bist. Das bring ich nichts übers Herz. Andererseits will ich es aber auch nicht riskieren dich zu verlieren. Was soll ich machen? Bitte sag mir das."
"Bitte tu mir den Gefallen und lass uns das erstmal versuchen alleine zu klären. Ich will nicht mit fremden Leuten über meine Probleme sprechen."
"Okay, aber wenn es nicht besser wird, fahren wir sofort zu einem professionellen Psychologen! Und Emely bekommt von all dem hier nichts mit! Die muss das nicht alles mit bekommen!"
"Danke!"
"Jetzt lass uns erstmal rein gehen. Du bist total fertig und ich ehrlich gesagt auch. Wir brauchen beide mal ein bisschen Ruhe und Schlaf.", sagte ich und stand nun auf, um Ben meine Hand zu reichen. Er nahm sie und stand langsam auf, um erst einmal ziemlich stark schwankend stehen zu bleiben. Stützend legte ich einen Arm um ihn, um ihm wenigstens etwas Halt zu geben.
"Mach langsam! Du hast einiges an Blut verloren. Das beeinträchtigt den Kreislauf. Ich will nicht, dass du mir jetzt auch noch zusammen klappst.", sagte ich und drückte ihn vorsichtig etwas an die Wand, um ihm noch ein wenig mehr Halt zu geben.
"Halt dich an der Bande fest. Ich versuche dich zu stützen und dann gehen wir ganz langsam rein. Ganz in Ruhe einen Schritt nach dem anderen.", sagte ich und wartete geduldig, bis Ben dann langsam los ging. Schritt für Schritt hangelten wir uns langsam die Bande entlang bis zu Tür, wo wir die Reithalle dann langsam verließen.
"Okay. Jetzt schön langsam! Stütz dich ruhig an mir ab. Ich versuche dich zu halten.", sagte ich und so bewegten wir uns ganz langsam über den Hof bis zum Haus, wo wir erstmal eine kurze Pause machten.
Dann gingen wir langsam rein und hangelten uns die Treppe hoch in unser Zimmer, wo Ben sich erstmal auf das Bett setzte.
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Sprung ins Chaos
Casuale"Sprung ins Chaos" ist der 6. Teil meiner Buchreihe zu den Bewohnern des Gestüts Michalòw und knüpft direkt an den 5. Teil "Der falsche Sprung" an. Auch hier geht es wieder um Lisa, Ben und vor allen Dingen auch Emely, die mal wieder ordentlich Chao...
