Kapitel 56

152 17 4
                                        

Den Rest der Strecke brachten wir relativ locker hinter uns. Der Hengst war mittlerweile wenigstens etwas ruhiger. Ich war mittlerweile trotzdem total fertig, aber das ließ ich mir nicht anmerken. Das Rennen haute würde ich noch reiten. Ich musste einfach. Schon allein, damit der Hengst unter mir endlich ausgepowert war. Sonst hätte ich am nächsten Tag besonders viel Spaß mit ihm. Außerdem war das eines der wichtigsten Rennen. Wir brauchten hier einen Erfolg, um neue Kunden an zu locken. So ein großes Gestüt war zwar gut und schön, aber irgendwie musste das auch finanziert werden. Ohne Kunden ging da gar nichts. Wir brauchten jeden Kunden, den wir kriegen konnten und dafür brauchten wir die Erfolge in den großen Rennen. Da gehörte das heute nunmal dazu. Außerdem war ich einfach zu ehrgeizige, um auf zu geben. Ich wollte zeigen, was in dem Hengst steckte und das er trotz seiner Macken ein Champion ist. Dafür musste ich mit ihm heute das Rennen gewinnen, oder zumindest platziert sein. Wir brauchten diesen einen Erfolg dringend!

Ich hielt also durch und versuchte das Rennen so gut, wie möglich zu Ende zu bringen. Ben meckerte trotzdem in jeder Pause, dass ich doch abbrechen und mich ausruhen sollte. Er verstand nicht, wie wichtig dieser Erfolg für ins war. Er kannte unsere Abrechnungen nicht und konnte gar nicht wissen, wie dringend wir Geld brauchten. Das bekamen wir nunmal nur durch neue Kunden und die wiederum bekamen wir nur durch Erfolge in großen Rennen. Deshalb brauchten wir hier eine Platzierung und am besten noch den Sieg. Schon allein das Preisgeld würde erstmal helfen. Davon könnten wir endlich die Ställe erweitern.
Wir waren zwar wirklich nicht knapp bei Kasse, aber wir hatten zu viele Pferde und zu wenig Mitarbeiter. Da es nur leider keinen weiteren Mitarbeiter gab mussten wir Pferde verkaufen. Und wir mussten das komplette Gestüt bald ausbauen und sanieren, sodass alles wieder auf dem neusten Stand war. Dafür brauchten wir das Geld. Irgendwie würden wir allerdings auch das schaffen. Das hatten wir bisher immer. Wir brauchten nur Erfolge und damit mussten wir heute anfangen. Wenn die Leute sehen würden, was wir für tolle Pferde hatten, würden sie welche kaufen. Das war bei jedem Gestüt so. Ohne Erfolge ging gar nichts.

Am Nachmittag war es dann endlich so weit. Wir kamen auf die Zielgerade zu.
"So. Jetzt kommt der lustigste, aber auch spannendste Teil. Die Zielgerade. Du machst nichts anderes, als die Zügel durch hängen zu lassen und aufpassen oben zu bleiben. Den Rest macht der von alleine. Wir sehen uns dann im Zeil.", erklärte ich Katrin und machte mich für den Endspurt bereit. Wenige Meter danach kam dann auch schon die Zielgerade.
"Jetzt!", rief ich Katrin zu und gab Tahir die Zügel frei. Dieser raste direkt im vollen Tempo los ind so hatten wir schnell noch einige Reiter vor uns überholt. Bald war es nur noch einer, den wir übereholen mussten, um zu gewinnen.
"Komm mein Kleiner! Du schaffte das! Du hast das Zeug zum Gewinner!", trieb ich den Hengst an. Dieser machte sich nun ganz flach und holte noch einmal alles aus sich raus. Immer schneller kamen wir voran und in dem Moment genoss ich es einfach im vollem Galopp an den Zuschauern vorbei zu rasen. Schon bald erkannte ich den anderen Reiter neben mir. Das würde echt knapp werden! Nur noch wenige Meter trennten uns von der Ziellinie.
"Los Tahir! Du schaffte das! Du kannst das gewinnen!", feuerte ich den Hengst an und dieser legte noch einmal an Tempo zu.
Gleichzeitig mit dem anderen Reiter kam ich im Ziel an. Jetzt konnte nur noch ein Foto entscheiden, wer gewonnen hatte. Gespannt schaute ich auf die Anzeigetafel, wo wenig später ein Bild angezeigt wurde. Nur eine Nasenspitze war es, die Tahir von seinem Gegner trennte, aber wir hatten es geschafft. Wir hatten gewonnen! Mein kleiner Champion hatte sein erstes, wirklich großes und bedeutendes Rennen gewonnen! Wir hatten es tatsächlich geschafft! Endlich hatte sich die ganze Mühe, die ich in seine Ausbildung gesteckt hatte bezahlt gemacht!
Glücklich fiel ich dem Hengst um den Hals und war einfach extrem stolz auf ihn. Der kleine, unscheinbare Tahri, der mich mit seiner frechen Art sofort in seinen Bann gezogen hatte, feierte nun seinen ersten, wirklich großen Erfolg.
Als der Hengst dann stand, schwang ich mich von seinem Rücken und fiel Ben, der dort stand, um den Hals.
"Du hättest Recht. Er ist ein wahrer Champion!", sagte Ben und schloss mich in seine Arme.
Das spannendsten stand allerdings noch an. Der letzte, alles entscheidende Vet Check. Ich war mir eigentlich sehr sicher, dass er das schaffte, aber das wusste man nie so genau.
Angespannt stand ich neben dem Hengst, während dieser einmal komplett durchgecheckt wurde. Jeder Knochen wurde abgetastet und das komplette Pferd wurde auf links gedreht. Es kam mir vor wie eine halbe Ewigkeit, bis ich ihn dann vortraben lassen konnte. Locker joggte ich mit ihm am Zügel hin und her, sodass er neben mir trabte. Dann wurde er schließlich noch einmal durch gescheckt und nach einer halben Ewigkeit kam denn endlich das alles entscheidende Urteil.
"Er ist in Ordnung.", sagte der Tierarzt und ich fiel dem Hengst erneut um den Hals. Nun war es endlich geschafft und die Anspannung wich langsam von mir. Wir hatten es geschafft. Das war das perfekte Ende von einem extrem anstrengenden Wochenende.
Langsam verschwand nun auch das letzte Adrenalin aus meinem Blut und ließ mich merken, wie fertig ich doch eigentlich war. Normale Leute wären in meinem Zustand nie im Leben ein Distanzrennen geritten. Vor allen Dingen nicht über 160 Kilometer, aber dafür hatte es sich gelohnt.
Zum Schluss folgte nur noch die Siegerehrung. Hier wurden die besten 20 Reiter noch einmal aufgerufen und mussten mit ihrem Pferd zusammen dann schließlich noch eine Runde im Trab drehen. Mit Katrin zusammen ging ich nun in die Bahn, denn sie war mit viel Glück noch fünfte geworden. So warteten wir nun gemeinsam, denn die Platzierungen wurden von hinten aufgerufen und da über jeden Reiter mit seinem Pferd noch ein halber Roman erzählt wurde mussten wir lange warten. Nach für nach wurde jedes Paar aufgerufen und ich merkte, wie mein Kreislauf sich langsam verabschiedete. Es war doch alles ein bisschen zu viel gewesen. Die eine Runde joggen bei der Siegerehrung würde ich allerdings auch noch durchhalten. Aus der einen Rund wurde allerdings nichts, denn wir durften zwei laufen und ich als Siegerin schließlich alleine noch eine. Für Tahir war das genau richtig, denn so konnte er seine Eitelkeit so richtig ausleben, doch meinem Kreislauf gefiel das nicht so wirklich. Nur der Hengst neben mir hielt mich davon ab zusammen zu brechen. Ich hatte mich in seine Mähne gekrallt und stützte mich an ihm etwas ab.

Als ich dann die Bahn verließ ging ich mit den anderen zu unserem kleinen Camp.
"Geht's dir nicht gut?", fragte Ben besorgt.
"Ja.", meinte ich nur, doch Ben wollte mir das nicht glauben. Er sah mir wahrscheinlich schon an, dass ich log. Wir kannten uns einfach zu gut.
Im Camp angekommen nahm mir Jenny den Hengst ab. Sie konnte nicht ahnen, dass sie mir damit den letzten Halt nahm, den ich noch hatte. Ich blieb nun stehen und konzentrierte mich darauf jetzt nicht um zu kippen, doch es half alles nichts. Mein Kreislauf gab nun endgültig auf und ich merkte, wie meine Beine einknickten.

Sprung ins ChaosGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt