Weiter ging es dann mit, wie sollte es auch sonst sein, jede Menge Chaos. Ich trainierte jeden Tag dreimal mit Ginger, zweimal mit Paul und einmal mit Emely. Dazu kam noch, dass Lea so oft, wie möglich von mir trainiert wurde und das auch die Araber langsam wieder an trainiert wurden. Der Winter war vorbei und bald standen die ersten Rennen an. Vorher war allerdings noch etwas viel wichtigeres. Die Qualifikationen für Olympia, wo ich mit Ginger starten würde. Hier kamen diesmal allerdings nur Ben und Jenny mit, denn dieses Jahr fanden die Qualifikationen ind Warschau statt. Das war nicht all zu weit weg und dadurch brauchten wir nicht so viele Leute. Außerdem würden wir sowieso nur einen Tag bleiben.
Wir reisten also schon sehr früh am Morgen ab, um dann pünktlich am Turnierplatz an zukommen. Dort waren wir dann allerdings doch, wie sollte es auch anders sein, ziemlich spät dran. So putzte Ben in Windeseile Ginger, während Jenny ihr die Mähne ein flocht und ich mich schnell an zog. Das Satteln Übernahme ich dann allerdings wieder selber. Das war mir vor Turnieren ziemlich wichtig. Nicht, dass ich den anderen nicht vertraute, aber ich fühlte mich einfach besser, wenn ich das selber machte. Das war mittlerweile eine Art Ritual geworden und gerade Ginger genoss es sehr, wenn sie allein meine Aufmerksamkeit genießen konnte. Sie liebte das. Und heute war das Satteln sowieso etwas besonderes. An ihr heutiges Sattelzeug ließ ich keinen außer mir dran.
Ich begann nun also damit ihr zuerst einmal die Stollen rein zu drehen und ihr die Gamaschen und Hufglocken an zu legen. Weiter ging es dann mit der Schabracke und dem Sattel. Dieser war allerdings heute anders, denn ich hatte, wie ich es Darling versprochen hatte, an diesem Tag ihre alte Ausrüstung mit. So legte ich der Stute nun meinen ersten Springsattel in dem hübschen, hellbraunen Leder auf. Dieser Sattel hatte Darling so unglaublich gut gestanden und auch an Ginger sah er wunderschön aus. Weiter ging es dann mit den Ausbindern und schließlich der Trense. Jenny und Ben standen am Rand und waren völlig baff. Sie hatten wohl so gar nicht damit gerechnet, dass ich diese Ausrüstung jemals noch einmal auf ein Pferd legen würde.
Ben fand als erstes seine Sprache wieder und fragte: "Ist das nicht..."
Er brach jedoch mitten im Satz ab. Er wagte es noch immer nicht so recht ihren Namen zu sagen.
"Ja. Das ist die Ausrüstung von Darling.", sagte ich und ehrlich gesagt fiel mir das nicht gerade leicht. Ich hatte lange mit mir gehadert, bevor ich sie eingepackt hatte und mir fiel es wirklich nicht leicht zu wissen, dass ich das erste Mal nach dem Unfall wieder in diesem Sattel sitzen würde.
"Bist du sicher, dass du in dem Sattel wirklich reiten willst?", fragte Ben vorsichtig und ging langsam auf mich zu.
"Ja. Ich muss das einfach endlich hinter mir lassen.", sagte ich so entschlossen, wie ich konnte, aber Ben kannte mich einfach zu gut. Er merkte, dass ich mir dabei nicht sicher war denn er fragte: "Warum ist dir das so wichtig?"
"Ich weiß, dass ihr mich jetzt für bescheuert haltet, aber sie war da. Sie hat sich gewünscht, dass ich Ginger in dieser Ausrüstung reite. Ich hab es ihr versprochen und ich muss das jetzt hier durchziehen.", erklärte ich und erkannte in Jennys Blick sofort die Verwirrung. Ben verstand mich jedoch ind er schien mir zu glauben. Immerhin hatte er den Geist meiner Stute bereits mit eigenen Augen gesehen. Sonst wäre er wahrscheinlich genauso verwirrt gewesen. Stattdessen kam er nun zu mir und nahm mich in den Arm.
"Wenn du es nicht schaffst ist das auch okay. Wir alle wissen, wie schwer dir das fällt.", flüsterte er ruhig.
"Nein. Ich hab es ihr versprochen und ich halte meine Versprechen! Ich reite heute in diesem Sattel!", sagte ich jedoch entschlossen. Ich musste das jetzt einfach durchziehen und etwas anderes blieb mir auch nicht übrig, denn einen anderen Sattel hatten wir nicht dabei.
"Okay. Ich bin mir sicher, dass sie jetzt stolz auf dich wäre! Du schaffst das!", sagte Ben nun und gab mir einen Kuss. Ich erwiderte diesen, aber wand mich dann von ihm ab. Wir waren spät dran und mussten den Parcours noch schnell abgehen. Das taten wir nun direkt, während Jenny Ginger schon einmal etwas im Schritt führte.
Nachdem ich mir dann einen kleinen Plan erstellt hatte, wie ich reiten würde und mir jede Distanz genau eingeprägt hatte, kehrten wir zu Jenny zurück, die der Stute mittlerweile ihre Decke ab genommen hatte und mit ihr am Zügel etwas über den Parkplatz joggte. So kam die Stute schon einmal ins Traben und ich kam beim Arbeiten dann etwas schneller voran.
Als sie uns sah, blieb Jenny dann stehen und legte Ginger die Zügel über den Hals. Nun half Ben mir hoch und es war so weit. Nach 18 Jahren saß ich wieder in meinem alten Sattel. Ich hatte schon fast vergessen wir bequem dieser Sattel doch war, aber es war wirklich nicht leicht für mich zu verstehen, dass dieser Sattel nicht auf meiner heiß geliebten Stute Darling lag, sondern auf ihrem Nachkommen Ginger. Nicht dass ich meine Kleine nicht genauso mochte, aber Darling war für mich einfach etwas ganz besonderes und mein absolutes Herzenspferd. Mit ihr verband ich so viel und kein Pferd könnte jemals an sie heran kommen.
Als ich mich dann zurecht gesetzt hatte, begann ich damit meine Stute in Ruhe ab zu reiten und hatte auf einen Schlag ein völlig anderes Pferd unter mir. Mit dem anderen Sattel kam sie wirklich viel besser klar. Da Darling auf jeden Fall Recht gehabt. Ich kam mit meinenHilfen so viel besser an sie ran Ginger lief fiel raumgreifender. Ich hätte niemals erwartet, dass sie mit dem neuen Sattel so super zurecht kam und erst recht nicht, dass es einfach auf einen Schlag so ein völlig anderes Reitgefühl auf ihr war. Jetzt konnte ich meinen Plan für den Parcours nochmal komplett umschmeißen, denn sie machte nun viel größere Galoppsprünge. Ich konnte also im Prinzip überall einen Galoppsprung weniger reiten. Da musste ich mich jetzt auch erstmal dran gewöhnen. Es wäre vielleicht schlau gewesen sie im Training schon ein paar Mal mit dem Sattel zu reiten. Da hätte ich mich schonmal auf Gingers völlig neues Tempo einstellen können, aber dazu war es jetzt zu spät.
So hatte ich nur kurz Zeit mich auf dem Arbeitsplatz daran zu gewöhnen und dann ging es auch schon zum Einlass. Jenny und Ben, die uns zugesehen hatten, schauten und völlig perplex an.
"Wie ist es möglich, dass ein Pferd nur durch einen anderen Sattel so völlig anders läuft?", fragte Ben erstaunt.
"Das kann ich dir auch nicht erklären.", meinte ich.
"Sie läuft so wunderschön!", sagte Jenny begeistert.
"Ja. Das Problem ist nur, dass ich mich auf ihre viel größeren Galoppsprünge erstmal einstellen muss. Ich weiß nicht, ob das heute was wird.", meinte ich.
"Das sagst du jedes Mal. Du machst das schon.", meinte Ben. Ich nickte nur, aber so wirklich wohl war mir dabei nicht. Das war der selbe Platz auf dem Darling vor 18 Jahren verunglückt war und ich saß auf dem gleichen Sattel, wie damals. Es kostete mich schon so einiges an Überwindung nun ein zu reiten.
DU LIEST GERADE
Sprung ins Chaos
Acak"Sprung ins Chaos" ist der 6. Teil meiner Buchreihe zu den Bewohnern des Gestüts Michalòw und knüpft direkt an den 5. Teil "Der falsche Sprung" an. Auch hier geht es wieder um Lisa, Ben und vor allen Dingen auch Emely, die mal wieder ordentlich Chao...
